Vor Brexit-Referendum

Mord an Abgeordneter: Attentäter in Kontakt mit Neonazis?

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Entsetzen und Trauer über den Tod von Jo Cox sind groß.

Birstall - Noch liegen die Motive des Attentäters im Dunklen. Hatte er psychische Probleme - oder ging es um Politik? Fest steht: Die getötete Abgeordnete trat gegen den Brexit ein. Könnte das Verbrechen den Ausgang des EU-Referendums beeinflussen?

Großbritannien trägt Trauer: Nach der Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox werden die Flaggen vor dem Regierungsgebäude in London am Freitag auf Halbmast gesetzt, um der Politikerin zu gedenken. Vor dem Westminster-Palast legten in der Nacht zum Freitag hunderte von Menschen Blumen ab und zündeten Kerzen an. Die Abgeordnete der sozialdemokratischen Labour-Partei und Brexit-Gegnerin war in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire auf offener Straße niedergestochen und niedergeschossen worden. Die Tat ereignete sich nur wenige Tage vor der Brexit-Abstimmung, bei der die Briten am 23. Juni über Verbleib oder Austritt aus der EU entscheiden.

Ob die Tat im Zusammenhang mit der Brexit-Diskussion steht, war noch unklar. Nach britischen Medienberichten, die sich auf Augenzeugen beriefen, soll der Täter die Worte „Britain First“ gerufen haben, als er festgenommen wurde. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür nicht. Im Wortsinn bedeuten die Worte „Großbritannien zuerst“. Sie sind aber auch der Name einer rechtsradikalen Partei. Die Polizei äußerte sich zunächst nicht zum möglichen Tatmotiv, untersucht aber mögliche Verbindungen zur rechtsradikalen Szene wie auch mögliche psychische Probleme. Der festgenommene Tatverdächtige werde von der Polizei weiter intensiv vernommen, berichtete der Sender BBC am Freitag.

Laut Presseberichten hatte der Mann Verbindungen zu einer Neonazi-Organisation in den USA. Er sei seit langem Unterstützer der Gruppe National Alliance, schreibt die „Washington Post“ unter Berufung auf das Southern Poverty Law Center. 1999 habe sich der mutmaßliche Attentäter ein Handbuch bestellt, in dem auch eine Gebrauchsanweisung zum Bau einer Pistole enthalten gewesen sei.

Die britische Zeitung „Daily Telegraph“ berichtete zudem, der in Schottland geborene Tatverdächtige habe früher eine Zeitung abonniert, die von einer südafrikanischen Pro-Apartheid-Organisation herausgegeben worden sei. Dagegen hielt sich die britische Polizei mit Äußerungen zu einem möglichen politischen Hintergrund der Tat zurück.

Was ein möglicher Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) für Deutschland bedeuten würde, können Sie in unserer Analyse lesen.

Der Bruder des 52-jährigen Festgenommenen hatte am Donnerstagabend gegenüber der Zeitung "Daily Telegraph" von einer langen Vorgeschichte psychischer Probleme des Mannes berichtet. "Es fällt mit schwer zu glauben, was passiert ist", sagte Scott Mair der Zeitung. "Mein Bruder ist nicht gewalttätig, und er ist nicht besonders politisch." Der Bruder habe "eine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen". Allerdings sei er in Behandlung gewesen, sagte Mair. In britischen Medien wurden auch Nachbarn zitiert, die den mutmaßlichen Täter als Einzelgänger beschrieben, der meistens für sich geblieben sei.

Zweifache Mutter

Jo Cox, die ihre erste Legislaturperiode im Unterhaus absolvierte und als eine der Hoffnungsträgerinnen bei Labour galt, wurde 41 Jahre alt. Sie hinterlässt Ehemann und zwei kleine Kinder. Die beiden politischen Lager im Brexit-Streit setzten nach Bekanntwerden der Tat den Wahlkampf für die Volksabstimmung vorerst aus.

„Das sind absolut tragische und schreckliche Nachrichten“, sagte Premier David Cameron in einer Erklärung. „Wir haben einen großen Star verloren“, zitierte die Agentur PA aus der Mitteilung. „Sie war ein Star für ihren Wahlkreis, sie war ein Star im Parlament, und sie war ein Star im gesamten Abgeordnetenhaus.“

Cox hatte sich für einen Verbleib ihres Landes in der EU stark gemacht. Sie galt zudem als glühende Verfechterin einer liberalen Flüchtlingspolitik und hatte sich wiederholt für die Aufnahme von Bürgerkriegsopfern aus Syrien eingesetzt.

Mit Schusswaffe und Messer angegriffen

Cox war zu Besuch in ihrem Wahlkreis, als sie von einem Mann mit einer Schusswaffe und einem Messer attackiert wurde. Sie starb später an ihren Verletzungen. Ein 52-Jähriger wurde in der Nähe des Tatorts festgenommen. Medienberichten zufolge beobachteten Augenzeugen, wie ein Mann mehrere Schüsse auf die Politikerin abfeuerte und anschließend mit einem Messer auf sie einstach.

Kurz nach der Tat wurde ein 52-jähriger Mann festgenommen, die Polizei geht davon aus, dass es sich dabei um den Täter handelt. Von weiteren Tätern sei nicht auszugehen, teilte eine Sprecherin mit. Unklar war, wann die Politiker ihre unterbrochene Kampagne zum EU-Referendum am 23. Juni wieder aufnehmen. Auch die möglichen Auswirkungen der Bluttat auf den Ausgang des Votums sind noch völlig ungeklärt.

Führende Politiker aller Parteien zeigten sich entsetzt über die Bluttat, deren Hintergründe zunächst unklar waren. Der Ex-Bürgermeister von London und Brexit-Befürworter Boris Johnson schrieb: „Ich bin traurig und schockiert, von Jo Cox' Tod zu hören“. „Wir sind vereint in unserer tiefen Trauer über den Verlust einer unserer strahlendsten und beliebtesten Kolleginnen in Westminster“, sagte Innenministerin Theresa May.

Auch Labour-Chef Jeremy Corbyn brachte seine Bestürzung per Twitter zum Ausdruck: „Die ganze Labour-Partei und Labour-Familie - und gewiss das ganze Land - werden angesichts dieses abscheulichen Mordes an Jo Cox heute schockiert sein.“

Merkel ruft nach Ermordung von Cox zu mehr Respekt auf

Bundeskanzlerin 

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat zu mehr Respekt in der politischen Auseinandersetzung aufgerufen. „Das ist ein schrecklicher Vorgang“, sagte Merkel am Freitag in Berlin. „Ich glaube, dass die Lehre ganz allgemein daraus sein muss, dass wir einander mit Respekt begegnen müssen, auch wenn wir unterschiedliche politische Auffassungen haben.“ Die teilweise Radikalisierung der Sprache trage nicht dazu bei, den gegenseitigen Respekt zu fördern.

Alle, die demokratische Spielregeln schätzten, seien aufgerufen, in der Wahl ihrer Sprache und Argumente Grenzen zu ziehen und Andersdenkenden und auch „Andersglaubenden, Anderslebenden, Andersliebenden“ mit Respekt gegenüberzutreten. „Sonst wird die Radikalisierung sicherlich nicht aufzuhalten sein“, mahnte Merkel. „Politik kann nicht alles lösen, aber Politik kann einen Beitrag dazu leisten, in welcher Art und Weise die Auseinandersetzungen geführt werden.“ Der schreckliche Mord an Cox sei eine Mahnung, dies überall und immer zu beherzigen.

EU-Kommission: „Schmerzhaft und schwer erträglich“

Die Brüsseler EU-Kommission ist bestürzt über den tödlichen Angriff auf die britische Abgeordnete Jo Cox. „Jos Tod hat Menschen in aller Welt schockiert und mit Trauer erfüllt, darunter viele hier in Brüssel“, sagte der Chefsprecher der Behörde am Freitag. „Sie hatte viele enge Freunde in dieser Stadt, und sie betrauern heute einen Verlust, der schmerzhaft und schwer erträglich ist.“ Die Politikerin habe dort, wo sie gelebt und gearbeitet habe, Liebe und Zuneigung hervorgerufen und glückliche Erinnerungen geschaffen. „Diese Stadt ist keine Ausnahme.“

Die Grünen sehen in dem tödlichen Angriff auf eine britische Abgeordnete und EU-Befürworterin eine Mahnung, sich gegen Radikalisierung zu engagieren. Der Fall mache deutlich, wie groß die Polarisierung in Großbritannien vor dem Referendum über die EU-Mitgliedschaft kommende Woche sei, sagte Grünen-Chefin Simone Peter am Freitag in Berlin. Nicht nur in Großbritannien, sondern auch in vielen anderen Ländern führten zunehmende Radikalisierung und Hetze zu Mordanschlägen. „Das muss uns bewegen.“

SPD: Nach Cox-Attentat muss Aufschrei durch Gesellschaft gehen

Die SPD klagt nach der Ermordung einer britischen Abgeordneten und EU-Befürworterin über eine von Rechts angeheizte Stimmung gegen Politiker. Der Vize-Chef der SPD-Bundestagsfraktion, Axel Schäfer, sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Wir erleben eine Verrohrung der Sprache, die auf subtile Weise durch nationalistische europafeindliche Kräfte befeuert wird.“ Einzelne würden sich angestachelt fühlen, nach dem Leben von Politikern zu trachten.

„Die traurige Realität sind das Attentat auf Henriette Reker in Köln und der Mord an Jo Cox in Bristall“, meinte der Europapolitiker. Er fordert eine klare Reaktion: „Es muss ein Aufschrei der großen Mehrheit in unseren Gesellschaften geben, der unsere Werte und Ideale gegen alle Angriffe verteidigt.“

dpa/AFP

Große Trauer in England nach tödlichem Attentat auf Jo Cox

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