Erdogan wendet sich von seinen neuen Freunden ab

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Erdogan, hier mit Syriens Präsident al-Assad, wendet sich von seinen neuen Freunden ab

Istanbul - Engste Beziehungen hat die türkische Regierung zu den arabischen Autokraten gepflegt. Nun geht Ankara im Eiltempo auf Distanz. Erdogan will dabei als Führer des Umbruchs wirken.

Die brutale Gewalt arabischer Machthaber gegen ihre nach Demokratie und Freiheit strebenden Völker hat die Türkei zu einer politischen Kehrtwende veranlasst. Immer wieder forderte der islamisch-konservative Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die bislang als Freunde bezeichneten Herrscher zu eiligen Reformen auf. Die Reaktionen waren enttäuschend - wie zuletzt im Fall des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Mit einer Unterstützung der Oppositionskräfte nutzt Ankara nun den “arabischen Frühling“, um eigene politische Ideen in der Region zu säen. Dabei hofft die türkische Regierung mittelfristig auf eine reiche Ernte, wie Nabi Avci, außenpolitischer Berater von Erdogan und neu gewählter Abgeordneter der islamisch-konservativen AKP, nach dem Wahlsieg seiner Partei deutlich machte. “Im arabischen Frühling stellt sich die Türkei als Insel der Stabilität heraus“, sagte er ausländischen Journalisten. Die Unruhen in der Region würden die Türkei nicht schwächen - im Gegenteil. Sein Land werde gestärkt aus dem politischen Umbruch hervorgehen.

Noch vor einem Jahr sah die Welt ganz anders aus. Von der Europäischen Union in den Bemühungen um einen Beitritt zurückgewiesen knüpfte die Türkei immer engere Beziehungen zu Regierungen in Staaten wie Syrien. Dem hatte die Türkei noch 1998 im Streit um Unterstützung für kurdische Rebellen mit Krieg gedroht. Erdogan pflegte seine neuen Freundschaften und versuchte - wie im Fall Irans - internationalen Druck abzuschwächen. Nato-Partner empfanden die Türkei als unsicheren Kantonisten. Türkische Konzerne jedoch konnten die Öffnung ihres Landes Richtung Osten und Süden für glänzende Geschäfte nutzen.

In Libyen, Syrien oder auch Ägypten lässt sich das große Geld nun erstmal nicht mehr verdienen. Auch die Freundschaften werden nicht mehr bemüht. Die Türkei pocht jetzt auf Grundsätze wie Demokratie und Menschenrechte, wie Außenminister Ahmet Davutoglu nach dem Wahlsieg seiner AKP vor einer Woche deutlich machte. Um die neue Situation im Nahen Osten zu besprechen, versammelte er Botschafter seines Landes.´

Erdogan fuhr schwereres Geschütz auf. Er nannte das Vorgehen der syrischen Truppen barbarisch und unmenschlich. Vorher war der syrischen Opposition eine große Konferenz in Antalya erlaubt worden. Davutoglu reiste in der vergangenen Woche an die Grenze zu Syrien, wo inzwischen mehr als 10 000 Flüchtlinge in Zeltlagern auf türkischer Seite leben. Er habe die Angst in den Augen der Menschen gesehen, sagte der Minister.

Sollten den Angriffe der syrischen Truppen auf Gegner des Regimes weitergehen, wird dies bald schon zum Stresstest für die Beziehungen der Türkei zum Iran und Präsident Mahmud Ahmadinedschad werden. Auch ihn hatte Erdogan als “Freund“ bezeichnet.

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Doch in Syrien, wo der Iran über erheblichen Einfluss verfügt und eine Stütze des Regimes ist, zieht die Türkei nun kräftig am anderen Ende des Taus. Schon schießt der iranischen Auslandssender Press TV kräftig gegen die Türkei. Ankara habe sich mit den USA und Israel gegen die syrische Regierung verschworen und hetze die syrische Opposition auf, hieß es. Berichtet wurde, die von aufständischen Syrern verwendeten Waffen seien aus der Türkei eingeschmuggelt.

Die türkische Regierung hat dies bisher weitgehend unkommentiert gelassen. Doch in Worten und Gesten lässt Erdogan keinen Zweifel, dass er sich nun als regionaler Führer des Umbruchs versteht.

dpa

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