Grüne vor Urwahl - Künast will's wissen

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Renate Künast.

Berlin - Es dürfte zum parteiinternen Wahlkampf kommen - wenn auch zum Kuschelwahlkampf. Als letzte Grüne hat sich Künast erklärt. Die 56-Jährige will Kandidatin für die Spitzenkandidatur werden.

Die Grünen schicken sich an, Parteiengeschichte zu schreiben. Mit der Bewerbung von Renate Künast läuft es darauf hinaus, dass sie ihre Spitzenkandidaten für den Bundestagswahlkampf per Urwahl bestimmen - als erste deutsche Partei.

Bald, im Herbst, dürften sich die 60.000 Mitglieder in einem internen Wahlkampf ein Bild machen können, ob Jürgen Trittin für das geplante Spitzenduo wie vergangenes Mal Künast zur Seiten stehen soll - oder diesmal Claudia Roth oder Katrin Göring-Eckardt. Auch zwei Frauen könnten theoretisch das Gespann bilden. Für viele in der Partei ist ein Kampf grüner Größen gegeneinander aber ein Graus.

“Sie sehen mich um Jahre jünger“, sagte Künast nach ihrem ersten Auftritt nach dem Sommerurlaub am Donnerstag. Der wie immer hochgestellte Kragen einer diesmal gelb-grünen Jacke schien schon gleich eine besonders große Ladung Tatendrang zu demonstrieren. Monatelang hatte es vorher unter vorgehaltener Hand in der Partei immer wieder geheißen: Nach ihrem gescheiterten Anlauf auf des Amt des Regierenden Bürgermeisters in Berlin vor einem Jahr werde es nichts mehr mit Künast als Spitzenkandidatin. Künasts Realoflügel erschien im Hickhack um die Kandidatenfrage überraschend desorganisiert.

“Ich habe in den letzten Monaten viel nachgedacht, auch über meine Fehler (...)“, beteuert Künast in ihrer Bewerbung nun. Doch je länger sich der Streit bei den Grünen über die Spitzenfrage hinzog, desto sicherer saß Künast wieder im Sattel. Über mangelnden Rückhalt in ihrer Fraktion konnte sie sich ohnehin nicht beklagen. Nun räumt sie ein, viel zu Verdauen gehabt zu haben, und wirbt mit ihren Steherqualitäten.

Doch ist es richtig, das Spitzenduo der immer noch kleinsten Oppositionskraft per Urwahl zu bestimmen? Ausgerechnet in den möglichen Schicksalswochen des Euro und angesichts aller anderen aktuellen Krisen? Schon, als Parteirat und Vorstand im März den Weg dahin für den Fall beschlossen, dass mehr als zwei kandidieren, gab es scharfe Warnungen vor einem Personalstreit. Viele Grüne in den Ländern und im Bundestag wollen den vermeiden - andere finden gerade, dass sich Basisdemokratie pur gut macht und etwas mehr grüner Rummel nicht schaden könnte.

Wer sich bei den Mitgliedern durchsetzt, gilt für das derzeit recht unsichere Szenario eines rot-grünen Siegs jedenfalls als gesetzt für Ministerposten. Für die Generation Künast, Roth und Trittin könnte es die letzte Möglichkeit sein.

Vorsorglich betont Künast Verbindendes. “Wir haben viele gute Köpfe, wir können auf niemanden verzichten.“ Bundestags-Vizepräsidentin Göring-Eckardt warnt hingegen vor “Lähmung und Selbstbeschäftigung“ und fordert den Vorstand in ihrer Erklärung auf, doch ein Spitzenteam vorzuschlagen. Danach sieht es im Moment eher nicht aus. Auch eine Urwahl scheue sie nicht, so die Thüringerin. Trittin hatte seine Bewerbung erwartungsgemäß in aller Gelassenheit vor einigen Tagen platziert, Roth war bereits Anfang März mit einem Interview vorgeprescht.

Parteien befragen ihre Mitglieder nur höchst selten direkt zum Personal. Denn am Ende gibt es Verlierer. Vorher ist Kuschelwahlkampf angesagt, denn Kampf ist unter Parteifreunden eher hinter den Kulissen üblich. Inhaltlich ist man ohnehin nah beieinander. Bei den Grünen soll nun ein kleiner Parteitag am 2. September entscheiden - Urwahl oder lieber doch nicht?

Angesichts der Frage, wie die Grünen nach ordentlichem Mitgliederzuwachs heute ticken, wäre eine Urwahl durchaus spannend - so steht Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche, eher fürs Bürgerliche und Wertebetonte, Roth für linke Kante und einen guten Rest Spontitum. Der unangefochten starke Parteilinke Trittin und die Realovertreterin Künast sind irgendwo dazwischen.

dpa

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