Kanzlerin im Merkur-Interview

Merkel: "Ich kann Bayerns Klage verstehen"

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„Wir finden Lösungen – eben nicht nach dem Prinzip Sieger und Verlierer“: Angela Merkel im Interview über Debatten mit Horst Seehofer.

Berlin - Wie steht Angela Merkel zu Bayern, der CSU und Horst Seehofer? Könnte es eine Koalition mit der AfD geben? Und wer fällt bei der Maut um? Der Münchner Merkur hat Angela Merkel zum großen Interview vor der Wahl getroffen.

Die halbrunden Aufzugtüren öffnen sich leise und werfen den Besucher ab im siebten Stock. Türkiser Teppichboden, futuristische Architektur, großflächige Kunstwerke: Hier ist das Kanzleramt, Chefetage. Hinter einer holzvertäfelten Wand liegt die Schaltzentrale der Macht in Deutschland, eigentlich in Europa. Die Hausherrin selbst tritt raus ins Vorzimmer und bittet die Gäste zu sich ins Büro. Angela Merkel hat einen präzisen Händedruck, nicht zu labberig, schaut dem Besucher in die Augen, lächelt. Zackig sollte es trotzdem zugehen: Gruppenfoto 15 Sekunden, dann will die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende über Inhalte und Botschaften reden. Kleine Pause noch: Sie serviert Kaffee und Tee, persönlich. Das Interview an ihrem Besprechungstisch kann beginnen.

Frau Bundeskanzlerin, was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Bayern denken?

Bunte Wiesen und Hochtechnologie, Laptop und Lederhose, wie es immer hieß.

Ergebnisse der Landtagswahl Bayern 2013 finden Sie ab Sonntagabend hier - ebenso ab jetzt die Ergebnisse von 2008!

Was stört Sie? Das ewige „Mir san mir“?

Mich stört nichts, Bayern ist ein ganz starker und besonders schöner Teil von Deutschland. Es gibt allerdings Varianten der bayrischen Sprache, da muss man als Norddeutscher dreimal hinhören.

Noch nicht mal von den dauernden Ratschlägen der CSU ist die Kanzlerin genervt?

Nein, viele sind ja auch gute Ratschläge.

Bundestagswahl: Diese Koalitionen sind möglich

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Die CSU und die Kanzlerin aus dem Osten haben lange gefremdelt. 2008 stritten Sie mit dem Duo Beckstein/Huber um die Pendlerpauschale. Jetzt kommen auch wieder Querschläger aus dem Freistaat, Stichwort Maut.

Es ist nichts Neues und auch durchaus notwendig, dass die CSU eigenständige Akzente setzt. Wir sind Schwesterparteien und aus meiner Erfahrung weiß ich: CDU und CSU finden immer eine Lösung, auch diesmal.

Im Fall Maut heißt das: Einer wird umfallen. Sie oder Horst Seehofer?

Das Interessante ist doch, dass wir immer wieder Lösungen finden, die eben nicht nach dem Prinzip „Sieger und Verlierer“ funktionieren.

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Aber Seehofer formuliert gern so. Eine weitere seiner ultimativen Forderungen: Bayern muss im Finanzausgleich entlastet werden, eine Klage läuft. Haben Sie dafür Verständnis?

Ich kann diese Klage von Hessen und Bayern verstehen. Es kann in der Tat nicht sein, dass eigentlich nur zwei Länder in großem Umfang einzahlen und dass diese Länder sich selbst Projekte nicht leisten können, die die Empfänger aus dem Ausgleich finanzieren. Es muss Anreize für alle geben, besser zu werden. Sonst funktioniert das nicht.

Landtagswahl Bayern in Zahlen und Fakten

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Was bewundern Sie an Seehofer – und womit geht er Ihnen auf den Geist?

Ich bewundere an ihm seinen politischen Instinkt, sein Gespür für Stimmungen, seine Art, Probleme zu lösen. Wenn wir etwas vereinbart haben, kenne ich Horst Seehofer als unbedingt verlässlich. Ich habe große Achtung und Respekt dafür, was er insgesamt für den Freistaat wie für die CSU geleistet hat.

Im Schnitt fährt die CSU Ergebnisse zehn Prozentpunkte über denen Ihrer CDU ein. Was macht die CSU besser? Oder sind, wie Stoiber mal sagte, die Bayern einfach klüger?

(schmunzelt) Der CSU gelingt es in Bayern immer wieder, ein großes Maß an Übereinstimmung zwischen Partei und Land hinzubekommen. Das ist in einer sich wandelnden Welt und in einem so vielfältigen Bundesland eine gewaltige politische Leistung. Vor allem, wenn man denkt, wo Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen hat: Die Vertriebenen wurden integriert, der Wandel vom Agrarland zum Hochtechnologiestandort gemeistert – das war ein langer Weg. Und es war harte Arbeit, die die CSU in jeder Phase begleitet und gefördert hat.

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Wie wichtig ist für Sie persönlich ein gutes CSU-Ergebnis bei der Landtagswahl? Geht’s da insgeheim auch um Sie?

Bei einem guten Ergebnis freue ich mich erst einmal für die CSU, denn sie hätte es sich durch harte Arbeit für Bayern verdient. Und natürlich gäbe uns als Union ein gutes Ergebnis noch einmal Schwung für die letzte Woche bis zur Bundestagswahl.

Haben Sie das bayerische TV-Duell verfolgt? Sitzt die Kanzlerin dann im Ohrensessel vor dem Fernseher und schaut zu?

Ich konnte es leider nicht sehen, denn ich war auf einer Wahlkampfveranstaltung. Ich habe mich aber informieren lassen und von allen Seiten gehört, dass Horst Seehofer sehr überzeugend war.

Wünschen Sie sich, dass die FDP auch wieder in den bayerischen Landtag kommt?

Ich wünsche natürlich auch unserem Koalitionspartner Erfolg, auch wenn ich in erster Linie für CDU und CSU werbe.

Landtagswahl: Die Wahlprogramme der Parteien im Vergleich

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Aus Eigeninteresse? Wenn die FDP in Bayern scheitert, könnte eine große Leihstimmenkampagne im Bund losbrechen, um die Liberalen da zu retten.

Deshalb sage ich bei allen meinen Veranstaltungen: Wer ganz sichergehen will, dass Deutschland weiter gut regiert wird mit mir als Bundeskanzlerin, der sollte beide Stimmen der Union geben.

Sie selbst werben für Schwarz-Gelb, beliebtestes Bündnis ist aber die Große Koalition. Wäre das nicht sinnvoller mit Blick auf den Bundesrat?

Die Große Koalition, die ich von 2005 bis 2009 geführt habe, hat gute Arbeit in der Finanzkrise geleistet, aber die Ergebnisse der christlich-liberalen Koalition sind noch deutlich besser. Wir haben es zum Beispiel geschafft, dass in den letzten vier Jahren 1,9 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse dazugekommen sind, davon 900 000 in Vollzeit – so etwas geht nur in enger Zusammenarbeit mit einem Partner wie der FDP, mit dem wir so viele Gemeinsamkeiten haben wie mit keiner anderen Partei.

Hier geht's zum Wahl-O-Mat

Sie kandidieren für jedes Bündnis, Peer Steinbrück nur für seine Lieblingskoalition...

Ich strebe die Fortsetzung dieser erfolgreichen christlich-liberalen Koalition an.

Steinbrück will nur bei Rot-Grün mitmachen. Ist das angemessen so?

Jeder Kandidat ist frei, den Wählern zu sagen, wozu er bereit ist und was er verweigert. Nach den jetzigen Umfragen ist Rot-Grün allerdings ziemlich weit von einer Mehrheit entfernt.

Mit der Linken würd’s vielleicht reichen. Gabriel und Steinbrück erklären vehement, eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei sei nicht denkbar. Glauben Sie den beiden?

Wir haben in Nordrhein-Westfalen und Hessen anderes erlebt: Auch dort gab es von der SPD vorher Beteuerungen, und anschließend hat sie es mit der Linken versucht.

Die eurokritische AfD steht bei drei, vier Prozent. Bleiben Sie dabei: Kein Bündnis mit der AfD?

Ich bleibe dabei. Die Frage wird sich nicht stellen.

Weit verbreitet ist aber zumindest die Ansicht, dass Griechenland ohne Euro mehr geholfen wäre. Falsch?

Das Allerwichtigste ist: Der Euro ist gut für Deutschland, deshalb sichern wir ihn auch. Gut für die Arbeitsplätze, gut für die Exporte, gut für unseren Wohlstand. Wir haben bei allen Hilfen an andere Länder ein klares Prinzip: Solidarität dann, wenn die betroffenen Länder auch eigene Leistungen erbringen. Wir lehnen die Vergemeinschaftung von Schulden und Eurobonds ab. Die Krise ist noch nicht vorbei, aber ich bin überzeugt, dass der eingeschlagene Weg erfolgreich sein wird. Was Reformen bringen, kann jeder an Deutschland sehen: Unser Land war einmal der kranke Mann Europas, heute stehen wir stark und leistungsfähig da.

Sie retten den Euro im Moment maßgeblich auf Kosten der Sparer. Wie lange kann das gut gehen?

Erfreulicherweise sehen wir ja, dass sich die Lage zu normalisieren beginnt, die Zinsen im Euroraum sich einander annähern. Die Reformen beginnen zu greifen.

Wünschen Sie sich auch eine Normalisierung der Zinspolitik der EZB?

Die EZB trifft ihre Entscheidungen unabhängig.

Diese Antwort hatten wir befürchtet.

(lacht) Es ist so und im Übrigen gilt, dass diese Unabhängigkeit der EZB doch vor allem auch der Wunsch von uns Deutschen war, denn dieser Unabhängigkeit verdankt unsere Bundesbank ihren guten Ruf.

Persönlich gefragt: Wenn Sie aus Südeuropa Bilder sehen, wie Ihr Konterfei mit Hitlerbärtchen von Demonstranten durch die Straßen getragen wird – was empfinden Sie da?

Da freue ich mich, dass wir Meinungsfreiheit haben, auch für schrill vorgetragene Meinungsäußerungen. Das ist das Gute an Europa: Wir streiten uns zwar über vieles, aber nicht über Meinungs-, Presse-, Wahl-, Religionsfreiheit – all das ist für 500 Millionen Menschen gewährleistet. Und das ist ein Schatz, den wir hüten sollten.

Würden Sie sich nicht wünschen, dass die Eliten dieser Länder, bis hinauf in die EU, solchen Schmähungen entgegentreten?

Das Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel führten Georg Anastasiadis (l.) und Christian Deutschländer.

Wir sollten das nicht zu hoch hängen. Auch in Südeuropa wissen viele Menschen sehr genau, dass nicht ich oder Deutschland ihre Probleme verschuldet haben, sondern die eigenen jahre- oder jahrzehntelangen Versäumnisse. Für mich ist wichtig, dass wir im Interesse der Menschen dieses Europa wieder erfolgreich und stark machen, und ich bin überzeugt, dass wir den richtigen Weg dafür eingeschlagen haben.

Noch mal zurück nach Bayern: Die starke Frau hinter Seehofer will Ilse Aigner werden, deren Chefin Sie im Moment noch sind. Trauen Sie ihr zu, eines Tages Bayern zu führen?

Ich wünsche Ilse Aigner in Bayern von Herzen viel Erfolg. Sie ist eine Frau, die jede Herausforderung mutig angeht. Welche das sind, wird aber in Bayern entschieden, nicht hier in Berlin.

Sie selbst haben angekündigt, bei einer Wiederwahl vier Jahre Kanzlerin bleiben zu wollen. Dürfen wir ablesen: Auch 2017 treten Sie wieder an?

Ich beantworte Fragen, wenn sie sich stellen. Jetzt reden wir über die Bundestagswahl am 22. September für die nächste Legislaturperiode. Da ist es selbstverständlich, dass ich vier Jahre zur Verfügung stehe.

Die vollen vier Jahre?

Natürlich.

Lockt kein Leben jenseits der Politik? Sehnen Sie sich nicht manchmal nach einem Alltag ohne Personenschutz, Paparazzi, Parteifreunde?

Mir macht meine Arbeit als Bundeskanzlerin große Freude. Ich kenne auch die Rahmenbedingungen, weiß, dass ich fast immer in der Öffentlichkeit stehe, mit allem, was damit verbunden ist. Dennoch habe ich es bisher ganz gut geschafft, mir das nötige Stück Privatleben zu bewahren.

Das Interview führten Georg Anastasiadis und Christian Deutschländer

Zum Nachlesen:

Das Interview mit Kanzlerkandidat Peer Steinbrück aus unserer Donnerstagsausgabe finden Sie hier!

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