Ersatz für die Großfamilie

Mehrgenerationen-WG: Ein Zukunftsmodell?

München - Mehrere Generationen unter einem Dach: Was vor knapp 100 Jahren selbstverständlich war, wird heute durch privates Engagement wiederbelebt. Zwei Projekte besucht die Kanzlerin am Montag.

Am Wochenende ist das Haus meist voll, weil Enkel, Kinder oder Freunde aller Mitbewohner zu Besuch kommen. In der Woche kochen und essen alle gemeinsam. Als „lebhaft und bunt“ beschreibt der wohl prominenteste Bewohner einer Mehrgenerationen-WG, Bremens ehemaliger SPD-Regierungschef Henning Scherf, das Zusammenleben. Bis zu zehn Bewohner haben in der Hausgemeinschaft in der Bremer City Platz. Hier sei man füreinander da, sagt Scherf. An diesem Montag besucht Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zwei Mehrgenerationen-Projekte im bayerischen Langenfeld und in Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz.

Dass sich in der Familie die Jüngeren um die Alten kümmern, ist längst ein Auslaufmodell. Viele Senioren verbringen ihren Lebensabend im Alten- oder Pflegeheim. Dies wünschen sich einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2011 zufolge aber nur 15 Prozent der über 50-Jährigen. Daher rücken alternative Wohnformen zunehmend ins Blickfeld. Etwa ein Drittel der über 50-jährigen Deutschen wünscht sich laut Emnid ein Leben in einem Mehrgenerationenhaus.

Mehrgenerationen-WG als Alternative zur Großfamilie? Es gibt viele Befürworter. In der Praxis seien solche Wohngemeinschaften aber schwierig zu realisieren, sagte Ursula Kremer-Preiß vom Kuratorium Deutsche Altershilfe. Ein Problem sei die Finanzierung: Fördergelder werden in der Regel nur an Einzelpersonen oder Familien vergeben, ähnlich stehe es mit Bankkrediten. Aber nur Wenige hätten das Geld, um ein solches Projekt selbst zu stemmen. Zudem mangele es vielerorts an geeignetem Wohnraum.

Die Bundesregierung fördert mehr als 450 Mehrgenerationen-Projekte mit jeweils 30 000 Euro jährlich, 10 000 Euro zahlen Kommunen, Länder oder Landkreise. Gemeinsam gewohnt wird hier aber nicht, es handelt sich eher um Begegnungszentren. Das Programm soll das Zusammenleben von Jung und Alt fördern. Es läuft 2014 aus, wie es für die Häuser dann weitergeht, ist vielerorts noch unklar. Daneben gibt es viele private Initiativen und Mehrgenerationen-Wohnprojekte von Vereinen.

Ein Beispiel für das Aktionsprogramm ist das Mehrgenerationenhaus „Dorflinde“ in der fränkischen 1000-Einwohner-Gemeinde Langenfeld, das die Kanzlerin besuchen wird. Das Haus versteht sich laut Leiterin Christine Halbrichter als Ersatz für die Großfamilie. „Wir versuchen alle Generationen zu unterstützen, die einen Bedarf haben“, sagt sie. Täglich gebe es gemeinsames Mittagessen, Info-Veranstaltungen und einmal im Monat auch einen Weißwurst-Frühschoppen.

Das sei ein Qualitätsunterschied zum tatsächlichen Leben unter einem Dach, meint Scherf. Der 74-jährige lebt seit 25 Jahren mit seiner Frau und anderen Menschen aller Altersgruppen zusammen - rund um die Uhr. „Wir fühlen uns pudelwohl. Wir erleben viel Gemeinsames miteinander.“

Gemeinsames Leben unter einem Dach - das gibt es auch im „Haus am Campus“ in Rheinbach nahe Bonn. Im „Haus am Campus“ ist der älteste Bewohner 79, die Jüngste gerade mal ein halbes Jahr alt. Etwa 40 Menschen leben hier in Mietwohnungen. „Es ist wichtig, dass man Kontakt zu anderen Leuten hat, gerade wenn man krank ist“, sagt Bewohnerin Margit Antweiler.

In diesem Fall erledigt ein Mitbewohner die Einkäufe und das Kochen einfach mit. Alle verstehen sich gut, sagt Antweiler. Das liege auch daran, dass die Bewohner genau ausgesucht werden: Aggressive Menschen oder solche, die nur eine Wohnung, nicht aber Gemeinschaft suchen, könnten nicht ins „Haus am Campus“ ziehen. Auch Kinderlärm müsse man mögen. Nur ein wenig Zank gebe es: Darum ob nun um das Haus ein Zaun gezogen oder eine Hecke gepflanzt werden soll.

dpa

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