Zwischen Freude und Verzweiflung

"Was haben wir nur getan?" Presse-Schlagzeilen zum Brexit

The Sun
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"See EU later! Großbritannien hat sich für den EU-Ausstieg entschieden. Der britische Politiker Nigel Farage nimmt Stellung: 'Nach einer nervenaufreibenden Nacht haben die einfachen Leute gewonnen'."
The Times
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"Die Ängste vor den schrecklichen Folgen des EU-Ausschlusses sind nun wahr geworden."
MailOne
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"Große Panik macht sich auf den Märkten breit, nachdem Großbritannien der EU den Rücken zukehrt: FTSE 100 Index (INDEXFTSE) fällt um mehr als 7% ab, man spricht von dem größten Pfund-Einbruch in der Geschichte Großbritanniens."
Mirror
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"''Was haben wir nur getan?' Briten zeigen sich beschämt und distanzieren sich von ihrer 'Albtraum'-Entscheidung des EU-Ausstiegs."
The Scotsman
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"Britannien hat die EU verlassen: Wie geht es jetzt weiter?"
Metro
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"EU-Volksentscheid. So reagiert die Welt auf das Thema Brexit."
EveningStandard
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"Resultat des Volksentscheids schockt Führungskräfte" 
Daily Record
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"Welche Folgen hat der Brexit-Beschluss für den Euro im Urlaub? Umtauschraten sinken."

London - Der Brexit ist wahr geworden. Großbritannien hat sich für den EU-Ausstieg entschieden. Die Stimmung ist explosiv, die einen jubeln, die anderen sprechen vom ''schwarzen Freitag'': eine Auswahl von Presse-Schlagzeilen.

Der Brexit beschäftigt die Regierungen in ganz Europa. Welche Konsequenzen zieht die EU aus dem "Leave" aus Großbritannien? In unserem News-Ticker halten wir Sie auf dem Laufenden.

Sie haben es getan, sie haben es gewagt. Eiskalt haben die Briten die Tür zu Europa zugeknallt. Alle Warnungen haben nichts genutzt. Ob US-Präsident Barack Obama, der Internationale Währungsfonds (IWF) oder die eigenen Banker in der Londoner City - alle Warnungen vor einem Brexit konnten die Briten nicht schrecken.

Doch was ist der Brexit eigentlich?

"Times" titelte schon am Morgen: "EU wird nie mehr sein, wie sie war"

„Die EU wird nie mehr sein, wie sie war“, titelte die „Times“ am Morgen des Schicksalstages - sie sollte recht behalten. Eine Auswahl von Presseschlagzeilen, nachdem alles offiziell wurde, sehen Sie in der Fotostrecke oben.

Und nun: Mega-Krise in Brüssel, Wirtschaftskrise in Großbritannien, Rücktritt von Premierminister David Cameron.

Die Nacht der Nächte - es war eine Zitterpartie pur. Erst sagte das angesehene YouGov-Institut einen Sieg des Pro-Europa-Lagers voraus, der Rechtspopulist Nigel Farage räumte schon praktisch seine Niederlage ein, das britische Pfund stieg an den Finanzmärkten.

Doch dann, langsam aber stetig, wendete sich das Blatt. Zug um Zug fuhren die Brexit-Leute Gewinne ein, selbst dort, wo das EU-Lager vorne lag, fiel der Vorsprung deutlich schmaler aus als erwartet. Die Märkte reagierten prompt, innerhalb weniger Stunden fiel das Pfund auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten.

Als schließlich die Sonne über London aufging, war klar: Die Stunde des Brexits hat geschlagen. „Befreiung Großbritanniens vom Diktat Brüssels“, wie es die Austrittsfans gerne nennen? Oder der sichere Weg in Wirtschaftskrise, Jobverluste und Währungsverfall, wie das Pro-EU-Lager prophezeit?

Noch im Morgengrauen bauten die TV-Crews ihre Kameras vor Downing Street 10 auf. Kein leichter Gang für Cameron. Der Premier hat sich gründlich verzockt. 2013 hatte er das Referendum ins Spiel gebracht - Ziel war damals, Widersacher und EU-Kritiker in den eigenen Reihen ruhigzustellen.

Camerons Wahlkampf-Strategie war von Beginn an gewagt, ein Vabanquespiel, ein Spiel mit Feuer: Noch vor Monaten ließ er kein gutes Haar an der EU, dann, nach einigen „Reformen“ und Zugeständnissen aus Brüssel, mutierte er über Nacht zum EU-Fan. Sonderlich glaubwürdig war das nicht.

Die Frage ist: Was hat die Briten trotz aller Warnungen zum „No“ zu Europa getrieben? Lange Zeit hätte sich kaum jemand träumen lassen, dass das Rausgehen-Lager jemals eine Mehrheit erzielen würde. Doch dann holten die Brexit-Leute mächtig auf: In den vergangenen Wochen war es vor allem das Thema Migration, mit dem sie punkten konnten.

Die Flüchtlingsströme in Europa, die Migranten aus der EU - es war das Angstthema, das die Menschen ganz ähnlich auch in anderen Ländern umtreibt. In Skandinavien, in Frankreich, in Deutschland.

Zugleich war es ein Thema, wie geschaffen, um Emotionen anzuheizen, Vernunft und Argumente ins Abseits zu drängen. Und es war nicht nur der rechtspopulistische Nigel Farage, der auf dieser Klaviatur spielte.

Das Grundproblem: Selbst eingefleischte EU-Fans müssen zugeben, dass Europa in den vergangenen Monaten und Jahren nicht gerade in Top-Form war. Eurokrise, Flüchtlingskrise, mickriges Wachstum - will man einem solchen Club unbedingt angehören?

Brexit als Ironie der Geschichte

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die Briten - das Volk der Pragmatiker und Anti-Ideologen - ausgerechnet diese Briten schlitterten in einen Konflikt, der in einen Glaubenskrieg ausartete, der immer härter, immer verbissener geführt wurde.

Krude Sprüche, wilde Polemik und unhaltbare Anschuldigungen hatten ihre große Stunde. Boris Johnson, der wortgewaltige Brexit-Anführer, verglich das Einigungsbestreben der EU gar mit der Eroberungspolitik Hitlers und Napoleons.

Es war die Stunde der Populisten und ihrer wilden Versprechungen: „Independence Day“ nannte Johnson den Wahltag - „Unabhängigkeitstag“, als sei Großbritannien eine Sklavenkolonie der „Brüssel-Diktatur“.

Doch auch Cameron setzte auf Panikmache, gebetsmühlenhaft wiederholte er, dass die Wirtschaft beim Brexit geradewegs den Bach runtergehe, jonglierte mit Zahlen über Jobverluste, Wirtschaftseinbruch und Investitionsrückgang. Doch gegenüber den vermeintlichen Wunderheilern aus dem Brexit-Lager wirkte er blass, wie eine Krämerseele, ein Getriebener.

Es ging um mehr als um Wirtschaftszahlen und Wachstumsziffern, es ging bei dem Votum um etwas Tiefgründigeres. Johnson und seine Leute nennen es „Souveränität“, wieder „Herr im eigenen Haus“ sein. Klingt schwammig - und ein bisschen nach altem Empire-Feeling.

„Hinter dem gegenwärtigen Aufruhr lauert ein verzweifeltes Bedürfnis nach nationaler Identität“, meint der Autor Geoffrey Wheatcroft im Londoner „Guardian“. Die Briten, dieses Inselvolk, das noch vor gar nicht so langer Zeit weite Teile des Globus beherrschte - was ist jetzt ihre Rolle in der Welt?

„Der Euroskeptizismus reicht vom kruden Rassismus über Abneigung gegenüber Immigranten bis zu ärmlichem Patriotismus und Sehnsucht nach imaginären versunkenen Zeiten“, meint Wheatcroft.

Und nun? Die EU steht vor der schwersten Krise ihrer Geschichte. „Business as usual“, einfach Weitermachen wie bisher, ist wohl kaum möglich, das räumte schon Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble ein, der einen Kurswechsel forderte. Doch wie soll der neue Kurs aussehen?

Brexit: Folgen, Ergebnisse, Gründe, Erklärung

Was genau ist der Brexit eigentlich - das können Sie hier nachlesen. Wir haben uns außerdem Gedanken über die Folgen für Deutschland gemacht, die der Austritts Großbritanniens aus der EU haben könnte. Alles, was Sie zum Brexit wissen müssen, können Sie zudem hier nachlesen.

dpa

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