Prominente Politikerin wechselt das Lager

Wie nationalistisch sind die Unterstützer des Brexit?

+
Ukip-Chef Nigel Farage vor seinem umstrittenen Brexit-Plakat.

London - "Wollen wir wirklich Lügen erzählen und Hass und Fremdenfeindlichkeit verbreiten, nur um eine Kampagne zu gewinnen?" Das sagt die konservative Abgeordnete Sayeeda Warsi, bis gestern eine Brexit-Befürworterin. Jetzt wechselt Warsi das Lager. 

Update vom 20. Juni 2016: Am Donnerstag stimmt Großbritannien über den Verbleib in der EU ab. Alle aktuellen Infos finden Sie in unserem News-Blog zum Brexit.

Nach dem Mord an der britischen Labour-Politikerin Jo Cox kommt der überraschende Wechsel von Sayeeda Warsi ins Lager der Europa-Unterstützer wie ein Paukenschlag. Zwei Tage lang hatten die Brexit-Befürworter und Gegner innegehalten und ihre Kampagnen ausgesetzt. Diese rollen jetzt an zum Endspurt, am Donnerstag geht das überall mit Spannung erwartete EU-Referendum über die Bühne. 

Der rechtsradikale Hintergrund des Cox-Attentäters wird unterdessen immer offenkundiger. "Tod den Verrätern, Freiheit für Großbritannien", sagte der mutmaßliche Attentäter Thomas M. bei seiner ersten Anhörung vor Gericht aus. Zumindest der zweite Teil des Satzes deckt sich mit der nationalistischen Rhetorik einiger Brexit-Befürworter. Deren offen fremdenfeindlichen Parolen waren der Auslöser, warum Sayeeda Warsi nun der britischen Brexit-Kampagne den Rücken gekehrt hat.

Ins Lager der Brexit-Gegner gewechselt:  Sayeeda Warsi

Den letzten Ausschlag für ihre Entscheidung habe ein Plakat mit dem Slogan "Breaking Point" (Bruchstelle) gegeben, sagt die pakistanischstämmige Politikerin. Auf dem Poster ist ein langer Flüchtlingstross zu sehen - fast ausschließlich Männer - und will den Eindruck einer Invasion erzeugen. "Die EU hat für uns alle versagt", steht darauf geschrieben. Nigel Farage, Chef der EU-feindlichen Ukip-Partei hatte das Plakat für den Endspurt der Brexit-Kampagne präsentiert und damit viel Kritik geerntet. Schottlands Erste Ministerin Nicola Sturgeon nannte es nur "abscheulich", andere sprachen von "offenem Rassismus".  "Dieses Plakat war für mich persönlich die Bruchstelle", erklärt Sayeeda Warsi. Selbst der Chef der offiziellen Brexit-Kampagne, Michael Gove, sagte, er sei angesichts des Plakats "erschaudert".

Es ist eine seltsame Mischung, die in Großbritannien den Brexit will. Auf der einen Seite des Spektrums sind Rechtsradikale. Ein Teil der Befürworter sind Arbeiter, die Angst vor der Konkurrenz beispielsweise aus Polen haben. Dabei sei die Langzeitperspektive für Großbritannien durch die Zuwanderung von "energischen, jungen, dynamischen, arbeitslustigen Migranten aus Osteuropa" eine gute "demografische Perspektive für Großbritannien", so der renommierte Historiker Timothy Garton Ash in einem Interview mit dem TV-Sender Phoenix. "Doch kurzfristig hat dies Kosten". 

Brexit: Die Selbstsicherheit der Oberschicht

Ein weiterer Teil der EU-Hasser kommt aus der Oberschicht. "In der britischen Elite gibt es "eine unglaubliche Selbstsicherheit", ist sich Ash sicher. Diese gehe zurück auf das einstige Empire, das längst nicht mehr ist. Nigel Farage, Chef der Ukip-Partei symbolisiert diesen Teil der Brexit-Befürworter perfekt: Er ist der Sohn eines Börsenmaklers, besuchte das angesehene Dulwich College und arbeitete als Investmentbanker. Er wohnt im beschaulichen Süden von London im Stadtteil Bromley, dessen Ausländeranteil im Vergleich zur Rest von London gering ist. Weit weg von der Arbeiterklasse, die Farage für den Brexit gewinnen will - mit fremdenfeindlichen Plakaten. 

Michael Gove, Chef der Brexit-Kampagne, rührt mehr für die Oberschicht die EU-Austritts-Werbetrommel. Doch auch er hat jetzt ein Glaubwürdigkeitsproblem. Gove hatte behauptet, es gebe in den Wirtschaftswissenschaften Unterstützer für den Brexit. In einer TV-Debatte konnte er aber keinen einzigen Namen nennen und wurde vom Interviewer regelrecht vorgeführt: Als Gove erklärte, 35 Millionen Briten würden unter der EU leiden, fragte ihn der Moderator, woher er die Zahl denn habe. Der Brexit-Kampagnen-Chef konnte keine einzige Quelle anführen. 

Boulevardpresse heizt die Brexit-Befürworter an

Befeuert wird das Getöse um den Brexit von der Boulevardpresse, die fast durch die Bank für einen EU-Austritt eintritt. Ash spricht von "Verfälschungen". "Unglaublich! Die 'Sun', die Bild-Zeitung auf Englisch - hatte eine Schlagzeile : 'Die Königin ist für Brexit'. Überhaupt nichts dahinter, eine schlichte Fälschung", so der Historiker. Für das Boulevardblatt gab es eine Rüge vom Presserat, die Queen ließ dementieren. Aber die Stimmung hatte das Blatt da schon angeheizt. 

Der Historiker befürchtet, dass ein erfolgreicher Brexit eine Kettenreaktion haben könnte - "ein sehr gefährliches Moment für Europa". Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Front National in Frankreich, könne sich zu einer Frexit-Kampagne ermuntert sehen - wie die Anführer anderer rechten Parteien in Europa. Mit Aussichten auf Erfolg. Denn in einer Generation, die ohne Krieg aufgewachsen sei fehle der Kitt für ein gemeinsames Europa. Die Frage sei deshalb, so Ash: "Vermögen wir es den Leuten diese Gefahr des Rückfalls in den Nationalismus, auch in den Krieg, auch in die Diktatur zu vermitteln durch Geschichte - ohne dass sie das persönlich erleben müssen?"

So absurd es klingen mag: Vielleicht war es gerade der Appell an rechtsradikale und nationalistische Gefühle, die den Brexit-Befürwortern beim Referendum den Sieg kosten könnte. Durch den Mord an der britischen Labour-Politikerin Jo Cox habe die Kampagne an Dynamik eingebüßt, ärgert sich Farage. Tatsächlich hat eine Umfrage am Sonntag ergeben, dass derzeit 45 Prozent der Briten für den Verbleib in der EU sind, 42 Prozent dagegen. Somit hat sich zumindest bei den Meinungsforschern das Blatt gewendet, denn die Brexit-Befürworter mussten Verluste hinnehmen.

mb

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

PISA-Rückschlag: In diesen Fächern schwächeln deutsche Schüler

Berlin - Kein Schulvergleichstest wird so genau gelesen wie die PISA-Studie. Der beruhigende Aufwärtstrend, den Deutschland nach dem „PISA-Schock“ …
PISA-Rückschlag: In diesen Fächern schwächeln deutsche Schüler

Neuauszählung der Stimmen in Michigan gestoppt

Washington - Es ging um 0,2 Prozentpunkte, dennoch hat Jill Stein bei der Neuauszählung der Stimmen des Präsidentschafts-Wahlkampfes im US-Staat …
Neuauszählung der Stimmen in Michigan gestoppt

Grünen-Politiker tot am Rheinufer aufgefunden

Mannheim - Am Montagmorgen wurde am Brühler Rheinufer eine verbrannte Leiche gefunden. Dabei soll es sich um den Landtagsabgeordneten Wolfgang …
Grünen-Politiker tot am Rheinufer aufgefunden

Kommentare