Versöhnliche Töne nach Missbrauchsstreit

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Justizministerin Sabine Leutheusser- Schnarrenberger (FDP) und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, legten ihren Streit über die Aufarbeitung der Übergriffe am Donnerstag bei.

Berlin - Nach dem großen Streit, jetzt die Versöhnung: Im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch Minderjähriger wollen Bundesregierung und katholische Kirche künftig an einem Strang ziehen.

Justizministerin Sabine Leutheusser- Schnarrenberger (FDP) und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, legten ihren Streit über die Aufarbeitung der Übergriffe am Donnerstag bei. Die “umfassende“ Aufklärung vergangener Missbrauchsfälle in kirchlichen Einrichtungen müsse “entschlossen“ vorangetrieben werden, teilten sie nach ihrem Treffen in Berlin mit. Im Zentrum der Aufarbeitung müssten die Opfer stehen. Ihnen sei großes Leid zugefügt worden. Zollitsch erläuterte die eingeleiteten Schritte der katholischen Kirche.

Die Ministerin dagegen betonte, dass innerkirchliche Maßnahmen die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nicht verzögern oder behindern dürften, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung. Zeitgleich forderten vor dem Brandenburger Tor rund 250 ehemalige Heimkinder von Staat und Kirche Entschädigungsleistungen und Entschuldigungen. Sie werfen den Institutionen vor, in den 1950er bis spät in die 1970er Jahre die Menschenrechte vieler Kinder in Kinderheimen verletzt zu haben: Neben Zwangsarbeit, Mangelernährung und Bildungsentzug habe es extreme körperliche und sexuelle Gewalt gegeben.

Missbrauchsvorwürfe: So hat alles begonnen

Chronologie der Missbrauchsfälle

Nach Schätzungen des Vereins ehemaliger Heimkinder (VEH) geht die Zahl der Missbrauchsfälle in die Hunderttausende. Die Täter, vor allem die Kirche, sollten zudem in Krankenkassen einzahlen, um die Traumatherapien der Betroffenen zu finanzieren. Die Demonstration richtete sich auch gegen den “Runden Tisch Heimerziehung“, der am Donnerstag erneut in Berlin zusammenkam. Das Forum arbeitet seit Anfang 2009 Missbrauchsfälle in den Heimen der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren auf. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, sagte dem Sender “rbb-Inforadio“: “Die Kirchen werden sich der Forderung nach materieller Entschädigung für erlittenes Leid nicht entziehen.“ Man wolle aber die Diskussionen des Runden Tisches abwarten. Am Donnerstag waren auch bei der evangelischen Kirche in Köln zehn Missbrauchsfälle aus den 40er, 50er und 60er Jahren bekanntgeworden. Die Täter seien aber alle tot.

Papst Benedikt XVI. hat angesichts des Missbrauchsskandals in katholischen Einrichtungen zu Reue und Buße aufgerufen. “Wir Christen haben, auch in der letzten Zeit, oft das Wort Buße vermieden“, sagte er in einer Andacht im Vatikan vor Mitgliedern der Päpstlichen Biblischen Kommission. “Jetzt, angesichts der Angriffe der Welt auf uns, die von unseren Sünden sprechen, sehen wir, dass Buße tun können eine Gnade ist.“ Zu sehen sei auch, wie notwendig die Buße sei. Der Schmerz der Buße, das heiße der Reinigung und der Wandlung, bedeute auch Erneuerung und sei das Werk göttlicher Barmherzigkeit.

Der Tübinger Theologe Hans Küng kritisierte dagegen Benedikt XVI., der an diesem Montag (19.4.) fünf Jahre im Amt ist. Er finde nicht die Wege, um die Kirche aus ihrer tiefsten Vertrauenskrise seit der Reformation zu führen, schrieb Küng unter anderem in der “Neuen Zürcher Zeitung“ und der “Süddeutschen Zeitung“. Er rief die Bischöfe zum Widerstand gegen den Papst auf. Am Tag vor dem 83. Geburtstag von Benedikt XVI. an diesem Freitag schrieb Küng in einem offenen Brief an die Bischöfe, sie dürften nicht wie “Statisten ohne Recht und Stimme wirken“. Es sei dringend nötig, dass Reformen in der Kirche notfalls gegen den Willen des Papstes angeschoben würden. Am Freitag nächster Woche nimmt ein Runder Tisch der Bundesregierung seine Arbeit auf, um die Missbrauchsfälle aufzuarbeiten. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung der Justizministerin wird sich dabei mit den rechtlichen Schlussfolgerungen befassen. Die Bischofskonferenz will sich daran aktiv beteiligen.

Thema soll neben der Durchsetzung des staatlichen Strafanspruchs auch die Frage sein, wie das Leid der Opfer in den Fällen, die bereits verjährt sind, “angemessen anerkannt“ werden könne. Zu den betroffenen Institutionen gehört auch die nicht- konfessionelle Odenwaldschulen in Hessen, in der am Freitag die Jubiläumsveranstaltungen zum 100-Jährigen Bestehen beginnen. Nur wenige Stunden zuvor waren neue Vorwürfe gegen Ex-Schulleiter Gerold Becker bekanntgeworden.

dpa

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