DAK-Studie: Pflegende Angehörige fühlen sich oft überfordert

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Laut DAK-Report ist Pflege von Angehörigen zu 90 Prozent Frauensache. Foto: Patrick Pleul

Die Pflege von Angehörigen kann sehr belastend sein. Nicht selten brechen alte Familienkonflikte noch schlimmer auf, wenn Kinder Vater oder Mutter pflegen. Diese Menschen brauchen mehr und bessere Betreuung.

Berlin (dpa) - Pflege von Angehörigen ist immer noch Frauensache - doch deren Bereitschaft nimmt inzwischen ab. Wie aus dem Pflegereport 2015 der DAK-Gesundheit weiter hervorgeht, nehmen zu 90 Prozent Frauen diese Belastung auf sich.

Ein Drittel der pflegenden Frauen sei berufstätig, davon ein Fünftel in Vollzeit. Immerhin steige die Zahl pflegender Männer inzwischen etwas an. Die pflegenden Angehörigen sind eine tragende Säule des deutschen Pflegesystems. Doch diese Säule ist sehr belastet, heißt es in dem Report, der sich dieses Mal auf die Lage der pflegenden Angehörigen konzentrierte. Viele von ihnen fühlen sich manchmal überfordert mit ihren Aufgaben - körperlich (50 Prozent) vor allem begleitet von Rückenbeschwerden, aber auch psychisch (68 Prozent) oder zeitlich (71 Prozent).

Derzeit gibt es in Deutschland rund 2,6 Millionen Pflegebedürftige. Schätzungen zufolge könnte sich deren Zahl bis 2050 verdoppeln. Ein Fünftel aller Pflegebedürftigen lebt in Heimen. 70 Prozent aller Pflegebedürftigen werden immer noch zu Hause betreut. Die Hauptlast tragen also Angehörige, meistens die Kinder, Partnerinnen und Partner der Betroffenen. Ohne sie würde das Pflegesystem zusammenbrechen, sagte DAK-Chef Herbert Rebscher.

Gepflegt werden überwiegend Menschen mit Pflegestufe Eins (knapp 50 Prozent). Doch auch die Stufen Zwei (30 Prozent) und Drei (zehn Prozent) sind mit ihrem intensiven Betreuungsbedarf in der häuslichen Pflege vertreten. Belastung und damit auch das Gefühl der Überforderung steigen dem Report der Krankenkasse zufolge, wenn die gepflegte Person dement ist. Bei jedem dritten Befragten ist das der Fall.

Rund 20 Prozent aller pflegenden Angehörigen leiden laut Report unter einer Depression. Auch Angst- oder Schlafstörungen kommen gehäuft vor. Insgesamt leidet etwa die Hälfte aller Pflegepersonen an psychischen Problemen, deutlich mehr als nicht-pflegende Menschen.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte, die Pflegenden nähmen die bisherigen Unterstützungsangebote kaum an. So schätze die Bundesregierung selbst, dass sich in drei Jahren maximal ein halbes Prozent aller 1,25 Millionen Betroffenen vom Job freistellen lassen werde und die Pflege- und Familienpflegezeit in Anspruch nehme. "Das wären 6750 Pflegende."

Die Pflegekassen bieten etwa kostenlose Pflegekurse an, bei denen die richtigen Handgriffe erlernt werden können. Aber laut DAK-Pflegereport 2015 wissen nur zwei von drei Angehörigen davon. Auch psychologische Hilfe kann in persönlichen Krisen in Anspruch genommen werden. Pflegekassen beraten zudem im Netz.

Doch nur ein Fünftel der Pflegenden hat laut Report je eine solche Hilfe genutzt. Der Pflegewissenschaftler Thomas Klie vermutet, dass vielen pflegenden Angehörigen offenbar die Zeit fehle, sich im hektischen Alltag noch um regelmäßige Termine zu kümmern. Andere begreifen nach Klies Einschätzung die Betreuung als "Schicksal, wo ich durch muss". Haushalte mit Migrationshintergrund sehen in der Pflege zu Hause grundsätzlich eine Bewährungsaufgabe für die Familie. Aber häufig liegt es einfach daran, dass es vor Ort keine erreichbaren Hilfsangebote gibt. Klie stellt nüchtern fest: Pflegeberatung funktioniert in Deutschland überwiegend nicht.

Die DAK startet daher mit dem "Pflegecoach" ein neuartiges Angebot im Internet speziell für pflegende Angehörige. Dabei handelt es sich um einen zertifizierten Pflegekurs, der online absolviert werden kann. Das Angebot kann von Versicherten aller Kassen kostenlos genutzt werden. Teilnehmer können verschiedene Module absolvieren, wann immer sie möchten. Hinzu komme ein soziales Netzwerk. Wer eingeloggt sei, könne sich mit anderen über Fragen und Probleme austauschen - auch anonym.

Die Bereitschaft von Menschen, sich über einige Jahre alleine um die Pflege von Angehörigen zu kümmern, nimmt laut Klie ab. Daher seien andere Modelle der Betreuung nötig - etwa innerhalb der "sozialen Nachbarschaft". Das bedeute ein Hilfemix aus Angehörigen, Nachbarn oder auch anderen gesellschaftlichen Gruppen wie Vereinen. Und genauso wie es Tageskindergrippen in Betrieben gebe, wäre Tagespflege in Betrieben auch denkbar.

Auch Alten-WGs, generationenübergreifende Quartiere oder gar ganze Dörfer, in denen Alte und Junge zusammen leben und sich umeinander sorgen, seien gute Ideen, die dringend vorangebracht werden müssten, sagt Rebscher. Und Klie ergänzt: Pflege stellt sich künftig immer mehr als gesamtgesellschaftliche Aufgabe dar.

Gesundheitsministerium zu Pflege

Bei der Pflege eines Angehörigen können Gefühle wie Wut auftreten. Das zeigt, dass etwas nicht stimmt und dass man etwas ändern sollte. Darauf weist das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) hin. In so einem Fall sollte man sich zunächst fragen: Woher kommt die Wut, und sind es bestimmte Menschen, die einen wütend machen? Im Prinzip gibt es dann drei Handlungsoptionen: Flucht - die Situation meiden -, Angriff - versuchen, die Situation zu ändern - und Aushalten - die Einstellung ändern, um die Situation besser zu ertragen, so das KDA in seiner Zeitschrift "Pro Alter" (Ausgabe September/Oktober 2015).

Gerade in der Pflege eines Angehörigen kann es klug sein, entsprechende Situationen zu vermeiden, die solche Gefühle auslösen. Denn bei Wut innerhalb der Familie ändert sich unter Umständen nur etwas durch Hilfe von außen.

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