Schmerzen im Urlaub

Gallenkolik auf der Ferieninsel

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Steine und Gallenblase sind draußen: Dr. Simon Rieder untersucht einen Patient mit dem Ultraschallgerät. Der ist hier erst vor wenigen Tagen operiert worden, sein Bauch ist noch aufgebläht, was bald zurückgehen wird.

Wer Gallensteine hat, muss nicht gleich unters Messer. Doch bei starken Schmerzen oder einer Kolik sollte man sie mitsamt der Gallenblase sofort entfernen. Auch wenn ein Urlaub dann im OP endete.

Sich bücken und vom Bett aufstehen – damit hat Albert Faust (Name geändert) noch Probleme. Erst eine Woche liegt seine Bauch-Operation zurück. Ein minimal-invasiver Eingriff zwar, die vier Schnitte waren kaum so lang, wie ein Finger breit ist. Doch die Wunden sind noch frisch. Wenn der 49-jährige Rheinländer die Bauchmuskeln anspannt, schmerzt es noch. Denn das zerrt an den Nähten.

Auch jetzt, als er von der Untersuchungsliege im Klinikum Bogenhausen aufstehen muss, verzieht Albert Faust kurz das Gesicht. Doch er winkt ab. Gegen die Schmerzen vor der Operation sei das gar nichts. Ausgerechnet im Urlaub, auf der griechischen Insel Thassos, hat es ihn erwischt. Es war Nacht, als die Schmerzen im rechten Oberbauch begannen. Er durchwühlte seine Reiseapotheke, fand Schmerztabletten und ein krampflösendes Mittel. Denn noch hoffte Faust, die Beschweren würden von selbst wieder verschwinden. So wie schon einmal, im Spätherbst vergangenen Jahres.

Damals spürte er plötzlich Schmerzen auf der rechten Bauchseite. Doch waren die längst nicht so heftig. „Eher wie bei einer Magen-Darm-Grippe“, sagt Faust. Er ging zum Arzt, der beim Ultraschall ein paar kleine Gallensteine entdeckte. Ein solcher war wohl aus der Gallenblase in den -gang gelangt und hatte damit die schmerzhafte Kolik ausgelöst, vermutete der Arzt. Inzwischen sei der Stein aber wohl selbst abgegangen.

Etwa 15 Prozent der Erwachsenen haben Gallensteine

Dass sich in der Gallenblase Kristalle bilden und zu Steinen anwachsen, passiert gar nicht so selten. „Bei etwa 15 Prozent der Erwachsenen“, sagt Dr. Simon Rieder, Assistenzarzt am Klinikum Bogenhausen. „Meist verursachen die Gallensteine aber keine Beschwerden.“ Werden sie bei einer Ultraschall-Untersuchung zufällig entdeckt, sei das daher kein Grund für einen Eingriff, ergänzt Prof. Wolfgang Schepp, Chefarzt der Gastroenterologie am Klinikum. „Auch nicht mit dem Hinweis, dass man eine Narkose in jüngeren Jahren besser verträgt“, sagt er.

Den meisten Menschen bereiten Gallensteine auch später keine Probleme. Haben sie aber erst einmal zu Beschwerden geführt, etwa eine Kolik ausgelöst, sollte man bald handeln und die Steine mitsamt Gallenblase entfernen. „Etwa 50 Prozent der Patienten erleiden innerhalb eines Jahres erneut eine Kolik“, sagt Schepp. Die Schmerzen entstehen, wenn ein Stein aus der Gallenblase in die Gallenwege gespült wird und dort stecken bleibt. Dann kann sich die Gallenflüssigkeit bis in die Leber zurückstauen. Diese und auch die Gallenblase selbst können sich entzünden. Sogar zu einer gefährlichen Entzündung der Bauchspeicheldrüse kann es kommen. Denn diese bildet Verdauungssäfte, die ebenfalls in den Dünndarm fließen. Blockiert ein Gallenstein die Mündung des Bauchspeicheldrüsengangs, stauen sich diese – das Organ kann sich entzünden.

Auch Albert Faust wurden die Gallensteine erneut zum Problem – diesmal ausgerechnet im Urlaub. Er wollte darum erst mal abwarten und hoffte, dass die Schmerzen wie beim ersten Mal von selbst verschwinden würden. Sieben Stunden lang harrte er aus, ehe er endlich einen Arzt ins Hotel kommen ließ. Immer neue Schmerzwellen überrollten ihn, er wand sich in Krämpfen. „Wie Angelhaken, die von allen Seiten daran zerren“, beschreibt Faust – und zeigt mit den Händen, wie sich der Schmerz in seinen Bauch krallte.

Für den griechischen Arzt war die Diagnose schnell klar. Die Symptome, die Vorgeschichte, der brettharte Bauch – alles deutete darauf hin, dass ein Gallenstein schuld an der heftigen Kolik war. Mit einem Teststreifen in einer Urinprobe stellte er fest, dass auch die Konzentration des in der Galle enthaltenen Bilirubin (siehe Randspalte) viel zu hoch war. Der erhöhte Wert erhärtete den Verdacht des Arztes. Er riet Albert Faust, umgehend nach Deutschland zurückzukehren. Und nichts zu essen, damit er schnell operiert werden könne. Starke Schmerzmittel machten den Rückflug erträglich.

Ziel des Rheinländers war der Flughafen München: Bereits nach seiner ersten Kolik hatte er sich im Internet informiert und dabei auch nach Ärzten geschaut, die sich mit der Behandlung von Gallensteinleiden auskennen. Bei seiner Suche war er auf das Städtische Klinikum Bogenhausen gestoßen. Dort wollte er jetzt hin. Direkt vom Flughafen ging es in die Notaufnahme, wo noch am Abend die ersten Untersuchungen durchgeführt wurden.

Das Ultraschall-Gerät erlaubte einen ersten Blick in den Bauch. „Das sah aus wie eine Kraterlandschaft“, erzählt Faust. „Die Gallenblase war voller Steine, drei davon so groß wie Muskatnüsse.“ Sie rieben gegen die Wände der Gallenblase, die offenbar stark entzündet war – ihre Hülle war stark verdickt. Dazu passte das Ergebnis der Blutuntersuchung. Der CRP-Wert, ein Entzündungsmarker, war stark erhöht.

Der 49-Jährige bekam daher Antibiotika. Sie sollten die Entzündung bekämpfen. Erst nachdem diese abgeklungen war, wollten die Ärzte die Gallenblase entfernen. „In eine nicht mehr frische Entzündung hineinzuoperieren, erhöht das Risiko für Komplikationen“, sagt Prof. Ayman Agha, Chefarzt der chirurgischen Klinik im Klinikum Bogenhausen. So hielten etwa Nähte in dem aufgequollenen Gewebe nicht so gut.

Tatsächlich ging der CRP-Wert bei Albert Faust bald etwas zurück, am Mittwoch durfte er wieder etwas essen. Später aber bekam er starke Rückenschmerzen. Er dachte noch, es käme vom vielen Liegen. Doch in der Nacht folgte eine Kolik: Ein Gallenstein war in die Gallenwege geraten und steckte fest. Ein Fall für die Gastroenterologen der Klinik. Sie entfernten den Stein per Endoskop, das wie bei einer Magenspiegelung durch den Mund eingeführt und durch den Magen bis in den Dünndarm vorgeschoben wird (Artikel unten).

Danach ging es Faust sofort besser: Die Galle konnte wieder abfließen. Am nächsten Morgen wurde dann auch die Gallenblase mit den Steinen darin entfernt, unter Vollnarkose. Nur vier kleine Schnitte brauchte Prof. Aghas Team dafür. Operiert wurde mit der so genannten Schlüsselloch-Technik: Durch die kleinen Öffnungen in der Bauchdecke werden die OP-Instrumente und eine winzige Kamera eingeführt. Für bessere Sicht wird der Bauchraum mit Kohlendioxid ein wenig aufgebläht. Das Gas wird nach der Operation abgelassen. Der Bauch sieht aber noch einige Tage etwas aufgebläht aus. Auch bei Albert Faust, den jetzt nur noch die Nähte ein wenig zwicken. Bald können auch sie entfernt werden. Schon im August will er auf große Reise gehen: mit dem Segelboot über den Atlantik – und ohne Angst, mitten auf dem Ozean von einer erneuten Schmerzwelle überrollt zu werden.

Die Experten

Prof. Ayman Agha ist Chefarzt der chirurgischen Klinik am Städtischen Klinikum Bogenhausen in München und Prof. Wolfgang Schepp, Chefarzt der Gastroenterologie sowie Dr. Simon Rieder, Assistenzarzt am Klinikum.

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