Internetportal gegen überflüssige Operationen

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Der Heidelberger Knie-Spezialist und Gründer des Internetportals "Vorsicht Operation", Hans Pässler.

In Deutschland wird nach Ansicht einiger Chirurgen allzu häufig unnötig operiert. Deswegen haben sie ein Zweitmeinungs-Internetportal gestartet, das jedoch umstritten ist.

Vorsicht Operation im Internet www.vorsicht-operation.de

Ob voreilig eingesetzte Hüft- und Kniegelenke oder ein überflüssiger Wirbelsäulen-Eingriff: Eine Gruppe renommierter Chirurgen beklagt zu viele unnötige Operationen und hat ein Zweitmeinungsportal im Internet gestartet. “Deutschland ist nicht nur in der Autoindustrie führend, sondern auch im Operieren“, sagt der Gründer von “Vorsicht Operation“, der Heidelberger Knie-Spezialist Hans Pässler (71), spöttisch. “Es werden zig Operationen gemacht, die nicht dem Patienten nutzen, sondern nur dem Arzt.“ Krankenkassen reagieren aufgeschlossen auf die Idee. Berufsverbände üben scharfe Kritik: Das Web könne nicht den persönlichen Arztkontakt ersetzen.

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In Deutschland wird laut Pässler bezogen auf die Einwohnerzahl doppelt so viel operiert wie etwa in Schweden, wo Ärzte ein festes Gehalt beziehen. Weshalb vor allem im ambulanten Bereich die Operationszahlen nach oben schnellen, erklärt er so: Der niedergelassene Operateur verbinde sich mit einem Operationszentrum, wo er den OP-Saal miete. “Er muss schon deshalb so viel operieren, um die Kosten für die Miete reinzubekommen.“ Bei Patienten, die bei ihm bisher eine Zweitmeinung einholten, seien gut die Hälfte der Eingriffe unnötig gewesen. Die Ausgaben für “Operationen und Prozeduren“ lagen laut Statistischem Bundesamt 2009 bei 45 Milliarden Euro - bei klaren Steigerungen in den vergangenen Jahren.

Interessierte Patienten sollen an das in dieser Woche angelaufene Portal ihre Röntgenbilder und Laborbefunde schicken - außerdem einen ausgefüllten Fragebogen. Bislang wollen nach Angaben Pässlers insgesamt 16 Spezialisten auf Gebieten wie Hüfte, Wirbelsäule oder Schulter an der Aktion teilnehmen. Darunter seien vor allem kürzlich in den Ruhestand getretene Chefärzte oder solche, die dies demnächst tun. Drei Experten für Knie, Rücken und Hand sind bereits aktiv, die anderen sollen in den kommenden Tagen und Wochen folgen. Kosten pro Gutachten: 200 bis 600 Euro. Sie nennen sich eine “Gruppe Seniorenchirurgen“.

85 Prozent der Operationen sind überflüssig

“Hochgradig unseriös“ findet der Berufsverband Niedergelassener Chirurgen (BNC) ein Zweitgutachten ohne persönliche Untersuchung. Der Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) sieht das ähnlich. “Manchmal gibt es fürchterliche Bilder - und der Patient spielt noch Golf“, sagt BVOU-Vizepräsident Andreas Gassen (49). Gassen unterstellt auch, dass es hier um Profit geht: Er selbst könne als Orthopäde bei Privatpatienten lediglich 21 Euro für eine Untersuchung mit Beratung abrechnen - bei gesetzlich Versicherten noch weniger.

Pässler findet das Honorar gerechtfertigt, zwei Stunden Arbeit sei pro Gutachten zu kalkulieren. Und da es sehr detaillierte Fragebögen seien, erfahre der Arzt bei der “Fern-Diagnose“ oft sogar mehr über den Patienten, “als er es in zwei Minuten in der Praxis tut“. Nicht zuletzt handele es sich bei seiner Gruppe um “ausgewiesene Experten“.

Eine Knie-OP schlägt sich laut Pässler bei der Kostenexplosion im deutschen Gesundheitswesen mit 1.700 Euro nieder, die künstliche Hüfte koste um 10.000 Euro, ein Wirbelsäulen-Eingriff bis zu 20.000 Euro.

Doch für konservative Behandlungsmethoden wie Physiotherapie oder Injektionen fehlen Geld

Zwei Krankenkassen haben bereits Interesse an dem Vorstoß. Die Deutsche Betriebskrankenkasse (BKK) prüft nach Angaben einer Sprecherin derzeit intern eine Zusammenarbeit. “Es gibt aber noch keinen Vertrag.“ Die private Debeka will “voraussichtlich in einer Testphase“ die Kosten übernehmen, wie ein Debeka-Sprecher sagt. Beide Kassen zählen zusammen rund drei Millionen Versicherte.

Die Techniker Krankenkasse (TK) verweist dagegen auf eigene Angebote zum Thema Zweitmeinung. So biete sie Mitgliedern seit 1,5 Jahren an, in einem Rückenzentrum ein zweites Gutachten einzuholen. “Erste Schätzungen zeigen, dass 85 Prozent der Operationen überflüssig sind und konservativ behandelt werden können“, berichtet eine TK-Sprecherin.

Doch für konservative Behandlungsmethoden wie Physiotherapie oder Injektionen fehlen die Budgets - da sind sich BVOU-Vizepräsident Gassen und Pässler einig. “Da ist ein großes Missverhältnis im Vergleich zu den Operationen“, sagt Pässler. Gassen gibt jedoch zu bedenken: “Da bietet das Portal keinen Ausweg. Wenn ich dann weiß, dass eine Operation überflüssig ist, bekomme ich ja keine alternative Behandlung geboten.“ Da seien “die Kassen gefordert“. Über mangelnde Resonanz kann sich Pässler trotz der Kritik nicht beklagen: In der ersten Woche hätten sich bei dem Portal schon 150 Patienten gemeldet.

Inga Radel, dpa

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