"Pille danach": Rezeptfreiheit stößt auf viele Bedenken

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Am häufigsten nehmen 16- bis 20-Jährige die "Pille danach" ein. Kritiker warnen, viele junge Frauen könnten nun allzu sorglos mit der "Notfallverhütung" umgehen.

Mehr Selbstbestimmung und Freiheit für die Frauen, sagen die einen. Gesundheitliche Risiken und mehr Abtreibungen, befürchten die anderen. Schon ab Mitte März soll die "Pille danach" ohne Rezept in Apotheken erhältlich sein.

Am Freitag (6. März) hat der Bundesrat dafür grünes Licht gegeben. Nun sind die Präparate ellaOne mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat (UPA) und PiDaNa mit dem Wirkstoff Levonorgestrel (LNG) verschreibungsfrei abzugeben. Einigen Experten bereitet die fehlende Kontrolle durch einen Arzt Kopfzerbrechen.

Die "Pille danach" dient der Notfallverhütung. Sie soll eine ungewollte Schwangerschaft nach ungeschütztem Sex vermeiden, indem der Eisprung verzögert oder gehemmt wird. Aber das Unwissen sei groß, sagt Werner Harlfinger, Kongresspräsident der Frauenheilkundetagung Foko 2015 in Düsseldorf. "Wir Frauenärzte sind in großer Sorge, dass die Zahl der ungewollten Schwangerschaften und der Abbrüche steigt."

UPA hält der Mediziner sogar für gefährlich. "Die Substanz hat es in sich." Die "Pille danach" gelte als Verhütungsmittel, UPA könne allerdings in großer Menge abtreibende Wirkung haben, erklärt er. Werde nur eine UPA-Tablette mit der 30-Milligramm-Dosis eingenommen, sei die Einnahme sicher. Aber: "Wenn UPA höher dosiert wird und bereits eine Schwangerschaft vorliegt, kann es zu einem Abort kommen, also zu einer Abtreibung und zu lebensbedrohlichen Blutungen für die Frau."

Was kaum bekannt ist: Für schwere Frauen sind die beiden Präparate nicht geeignet. Ab 75 Kilogramm lasse die Wirkung von LNG nach, bei über 90 Kilogramm sei auch UPA zur nachträglichen Verhütung nicht mehr geeignet, warnt Harlfinger. "Es dürfte wohl schwierig werden für den Apotheker, nachts durchs Fensterchen einzuschätzen, wie viele Kilos die Frau vor ihm wiegt." Wer zu Thrombose neige, dürfe kein LNG verwenden, betont der Berufsverband der Frauenärzte.

Je schneller die Pille genommen wird, desto eher kann sie eine Schwangerschaft verhindern. Der Wirkungsgrad der beiden Präparate ist unterschiedlich: UPA für 35 Euro kann bei einer Einnahme zwei Tage nach dem Sex noch etwa jede zweite Schwangerschaft verhindern, das günstigere LNG nur noch jede dritte, wie Frauenärzte erklären. Auch danach muss bis zur nächsten Monatsblutung weiter verhütet werden - und zwar nichthormonell, also mit Kondom.

Sorge vor Sorglosigkeit geht um. Am häufigsten nehmen 16- bis 20-Jährige die "Pille danach" ein. "Den jungen Frauen wird es jetzt supereinfach gemacht, ich sehe das sehr kritisch", sagt die Hebamme Gaby Robes. "Die Frauen haben eine größere Freiheit. Aber es könnte sein, dass damit leichtsinnig umgegangen wird, auch mit Blick auf Sexualität, auf wechselnde Partnerschaften." Und: "Es ist nicht gut, dass der Austausch mit dem Gynäkologen verloren geht, dass die Frau nicht vorher erfährt: Was macht das mit meinem Körper?"

Die Rezeptfreiheit ist von Brüssel vorgegeben, für die gesamte Europäische Union (EU). In der Politik sehen das viele positiv. NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) meint: "Es wird höchste Zeit, dass Frauen in Deutschland genauso selbstbestimmt über den Bezug der "Pille danach" entscheiden können wie in anderen Ländern der EU."

Auch die Studentin Marie hält den Schritt für richtig. "Es hilft, wenn man in einer Notlage ist und Angst hat vor einer Schwangerschaft." Manche junge Frau habe vielleicht Hemmungen, nach einem One-Night-Stand für ein Rezept zum Arzt zu gehen. "Ich weiß nicht, ob ich die "Pille danach" nehmen würde, aber ich finde es gut, dass Frauen diese Wahlfreiheit bekommen", sagt die 20-Jährige.

Birgit Seelbach-Göbel, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie, sagt: "Es wird eine Unmenge von Frauen geben, die die "Pille danach" einnehmen werden. Leider auch viele, die sie gar nicht brauchen, weil sie vom Zyklus her nicht schwanger werden können." Und: "Es sieht nach Freiheit aus. Aber tatsächlich ist es vor allem ein großer Markt. Und die Pharmaindustrie profitiert."

dpa

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