Bluttest auf Down-Syndrom in 70 Kliniken

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Über 70 Kliniken bieten umstrittenen Bluttest auf Down-Syndrom

Mittel gegen die Menschenwürde oder gegen riskante Eingriffe bei Schwangeren? Ein Bluttest auf das Down-Syndrom hat zu hitzigen Diskussionen geführt. Nun ist er endgültig auf dem Markt.

Der viel kritisierte vorgeburtliche Bluttest auf das Down-Syndrom ist seit Montag auf dem Markt. Er sei in mehr als 70 Praxen und Kliniken in Deutschland, Österreich, Liechtenstein und in der Schweiz verfügbar, teilte der Hersteller LifeCodexx in Konstanz mit. Der Test sei „ausschließlich schwangeren Frauen zugänglich, die sich in der 12. Schwangerschaftswoche oder darüber befinden und die ein erhöhtes Risiko für Trisomie 21 beim ungeborenen Kind tragen“. Der Chromosomen-Fehler Trisomie 21 führt zu geistigen Behinderungen und körperlichen Auffälligkeiten.

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, bedauerte die Markteinführung: „Ich kann mich nicht damit abfinden, dass mit diesem Test eine weiteres Mittel geschaffen wird, behinderte Menschen zu diskriminieren, denn Menschen mit Down-Syndrom werden damit in ihrem Grundrecht, ihrem Recht auf Leben, diskriminiert.“

Hüppe hatte bereits in der Diskussion ein Verbot des Bluttests gefordert und sich bei seiner Argumentation auf ein Rechtsgutachten gestützt, wonach der Test eben mit geltendem Recht nicht vereinbar sei. Zum Kreis der Kritiker zählten Ethiker und Kirchen.

„Bereits heute entscheiden sich über 90 Prozent der Eltern bei dieser Diagnose für eine Abtreibung“, sagte Hüppe. „Ich befürchte, dass mit dem neuen vermeintlich "einfacheren" Test die Suche nach Menschen mit Down-Syndrom noch verstärkt wird.“ Eltern, die sich für ein Kind mit Down-Syndrom entscheiden, werden sich nach seiner Einschätzung künftig noch öfter rechtfertigen müssen.

Das Land Baden-Württemberg, Sitz des Herstellers und damit zuständig, hatte den Test nach früheren Angaben des Stuttgarter Sozialministeriums nicht verboten, weil dafür die rechtlichen Voraussetzungen nach dem Gendiagnostikgesetz nicht gegeben seien.

Die ursprünglich für Juli geplante Markteinführung des Tests hatte sich verzögert, da das Unternehmen dem Regierungspräsidium Freiburg nachträglich Fragen zum Medizinprodukterecht beantworten musste. Die Behörde gab Ende Juli grünes Licht. Eine Prüfung des Produkts durch das Präsidium sei damit nicht verbunden, hieß es damals. Anders als im Arzneimittelrecht gebe es für die Einführung von Medizinprodukten kein besonderes Zulassungsverfahren.

LifeCodexx hatte den Bluttest nach eigenen Angaben von 2009 bis 2012 unter anderem in Zusammenarbeit mit führenden pränataldiagnostischen Zentren und Kliniken in Deutschland und der Schweiz entwickelt. Der Test ermöglicht die Erkennung des Down-Syndroms ohne Eingriff in den Mutterleib.

Bislang testeten Ärzte mit einer Fruchtblasenpunktion, die medizinische Probleme bis hin zur Frühgeburt verursachen kann. Nach Einschätzung des Unternehmens kann der neue Test die Zahl der eingriffsbedingten Fehlgeburten „deutlich reduzieren und allein in Deutschland bis zu 700 Kindern das Leben retten, die jährlich durch Komplikationen bei invasiven Untersuchungen sterben“.

Unternehmensvorstand Michael Lutz kündigte am Montag zudem an: „In naher Zukunft wird der "Praena-Test" auch weitere chromosomale Veränderungen wie Trisomie 13 und 18 feststellen können.“ Hüppe will laut Mitteilung darauf drängen, den Test zum Anlass einer neuen politischen Diskussion zum Thema Pränataldiagnostik zu nehmen.

Das Down-Syndrom

Menschen mit Down-Syndrom haben einen Erbgutabschnitt zu viel. Das Chromosom 21 liegt bei ihnen dreifach statt nur zweifach vor. Daher kommt auch die Bezeichnung Trisomie (Verdreifachung) 21. Auf fast 700 Geburten kommt nach Angaben des Arbeitskreises Down-Syndrom etwa ein Kind mit Trisomie 21.

Charakteristisch sind körperliche Auffälligkeiten und eine verminderte Intelligenz. Typische organische Probleme sind Herzfehler, die Anfälligkeit für Infekte und Schwerhörigkeit. Wissenschaftlich beschrieben hat die Besonderheiten von Menschen mit Trisomie 21 erstmals der englische Neurologe John Langdon-Down (1828-1896) im Jahr 1866.

dpa

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