September 2015

Hausbau mit Handicap

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Das Haus von Roman Martin hält gänzlich ohne metallische Verbindungselemente zusammen.

Bauherr Roman Martin auf der Suche nach der passenden Lösung.

Das Haus von Roman Martin hält gänzlich ohne metallische Verbindungselemente zusammen.

Tiefenbach/Sonthofen - Noch ein paar Jahre bei den Eltern wohnen bleiben oder doch lieber in die eigenen vier Wände ziehen? Vor diesen Überlegungen stand der damals 21-jährige Roman Martin wie so viele andere junge Erwachsene auch. Mit einem kleinen Unterschied: Mit Handicap gestaltet sich die Wohnungssuche ungleich schwerer. Es müssen nicht nur alle Eckdaten wie die Anzahl der Zimmer, die Größe, Ausstattung oder Lage der Immobilie stimmen; die Wohnung muss auch den besonderen Anforderungen und Bedürfnissen entsprechen, damit man sich auch mit Behinderung uneingeschränkt und frei in den eigenen vier Wänden bewegen kann. Für Rollstuhlfahrer Roman Martin ein schwieriges Unterfangen.

Wohnraum den Bedürfnissen anpassen

Dinge, die Menschen ohne Handicap im Alltag kaum auffallen, können für Rollstuhlfahrer zum unüberwindbaren Hindernis werden: Treppen, höhere Schwellen und Stufen sind nur mit fremder Hilfe überwindbar; hohe Boards und Schränke unerreichbar, schmale Räume und enge Flure ein Fortbewegungs-Hindernis für Rollstuhlfahrer. Schnell war klar: Sich wirklich frei und uneingeschränkt bewegen zu können, gelingt nur in einem Wohnraum, der sich den Bedürfnissen von Roman Martin anpasst und nicht umgekehrt. Eine passgenaue Lösung musste her. Der Knackpunkt, an dem bei vielen das Projekt Eigenheim scheitert: Die hohen Kosten. Da die Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb führen, konnten sie ihrem Sohn den benötigten Baugrund in Tiefenbach zur Verfügung stellen.

Ein unverleimtes Holzhaus

Ein Holzhaus, bestehend aus einhundert Prozent Natur und sonst nichts. Das Haus von Roman Martin hält gänzlich ohne metallische Verbindungselemente oder Leim zusammen. Wie das geht?

Das Geheimnis

Hauptgrund für ein Holzhaus war für Martin das angenehme Raumklima.

Die Bauweise in „holzverdübeltem Kreuzlagenaufbau“ ist ein Aufbau, in dem mehrere Holzschichten horizontal, vertikal und diagonal miteinander verbunden werden. Die extrem trockenen Buchenholzdübel, die verwendet werden, um die Elemente miteinander zu verbinden, entziehen dem verwendeten Fichtenholz seine Restfeuchtigkeit. „Die Dübel quellen auf und halten die Holzelemente so zusammen“, erklärt der Häuslebauer. „Dadurch arbeitet das Holz auch weniger als bei herkömmlichen Holzhäusern“. Die patentierte Holz-Bauweise überzeugte Roman Martin voll und ganz. Doch der Hauptgrund, warum er sich für ein Holzhaus entschied, war ein anderer: „Ich mag das angenehme Raumklima in Holzhäusern“. Die weiteren Vorteile eines Holzhauses genießt der Häuslebauer natürlich trotzdem. Durch die ausgleichenden Eigenschaften des Baumaterials konnte Roman Martin auf den Einbau eines Belüftungssystems verzichten. Das Holz kann, anders als viele andere Baustoffe, ungehindert atmen und gleicht dadurch die Feuchtigkeit in den Räumen aus. „Schimmel sollte hier kein Problem werden“, so der Bauherr.

Zertifiziertes Holz aus der Region

Die ökologische Bauweise, bei der ausschließlich zertifiziertes Holz aus der Region verwendet wird, schließt dabei auch den Verzicht auf sämtliche Chemikalien ein. Damit wird nicht nur ein angenehmes, sondern ein besonders gesundes Raumklima geschaffen, weshalb die Bauweise auch für Allergiker empfohlen wird. Durch den Verzicht auf Holzschutzmittel „altert“ das Haus mit seinem Besitzer mit. Die Wetterseite des Lärchenholzschirms hat sich bereits leicht grau verfärbt, was dem modernen Gebäude einen gewissen Charme verleiht.

Verwendung von „Mondholz“

Das Schlagen des Holzes nach dem Mond ist eine, Jahrhunderte zurückreichende, Tradition, die sich positiv auf die Haltbarkeit des Naturmaterials auswirken soll. Zum richtigen Zeitpunkt geerntet, nämlich bei abnehmendem Mond in der Zeit der Saftruhe, soll das Holz dichter, langlebiger und widerstandsfähiger gegenüber Schädlingen sein.

Ein Haus ohne Treppe

Roman Martin wohnt auf drei Ebenen in Hanglage. Rampen dienen hier als Verbindungen.

Baut ein Rollstuhlfahrer ein Eigenheim, stellt sich zwangsläufig die Frage, auf welche Art und Weise typische Barrieren vermieden werden können. Ein Bungalow ist da mit Sicherheit die „einfachste“ Lösung. Durch das Wohnen auf einer Ebene wird das größte Hindernis, die Treppe, einfach umgangen. Roman Martin hingegen wohnt auf drei Ebenen in Hanglage – beim Blick auf sein Handicap eine eher unkonventionelle Art, zu leben. Doch einige kleinere und größere Kniffe machen es möglich, dass sich Roman Martin völlig ohne Einschränkungen und ohne fremde Hilfe auf allen drei Ebenen bewegen kann.

Eine Rampe als Verbindung

Die Ebenen sind zueinander versetzt anstatt übereinander gebaut. Den dadurch deutlich geringer ausfallenden Höhenunterschied zwischen den Stockwerken kann Roman Martin mithilfe einer Rampe, die das Zentrum des Wohngebäudes bildet, überwinden. „Der Architekt ist dabei auf meine Wünsche eingegangen und wir sind uns schnell einig geworden, wie das Haus aussehen soll“, berichtet Roman Martin von der Planungsphase. So wurde für den sportlichen jungen Bauherren eine Rampe mit einer deutlich größeren Steigung als der in der DIN-Norm vorgesehenen Steigung von maximal sechs Prozent eingebaut.

Großzügige Bewegungsflächen

Die Bauzeit des Hauses dauerte von April 2011 bis Juli 2012.

Auf die Beachtung der ein oder anderen Vorgabe kann dennoch nicht verzichtet werden: Die Türen sind mit einem breiteren Durchgangsmaß auch mit dem Rollstuhl problemlos passierbar, Dusche und Waschbecken im Bad be- und unterfahrbar. Auch der Grundriss fällt eine Nummer größer aus. Nicht, weil Häuslebauer Roman Martin den Luxus liebt, sondern weil er mit seinem Rollstuhl einen gewissen Radius benötigt, um sich frei bewegen zu können. Wichtig sind beispielsweise großzügige Bewegungsflächen am Anfang und Ende einer Rampe sowie vor und hinter jeder Tür. Die Flurbreite soll mindestens 120 cm betragen. Die Erfahrung in den eigenen vier Wänden zeigte denn aber: „Der Flur hätte, im Nachhinein betrachtet, auch kleiner ausfallen können“. Ein Aufzug ist ebenfalls notwendig, um schwerere Lasten von einer Etage zur anderen transportieren zu können.

Heute schon an morgen denken

Ein Unfall, eine Krankheit oder eine Behinderung können einen in jedem Alter treffen. Immer mehr Häuslebauer beziehen deshalb das Thema Barrierefreiheit in die Planungen mit ein und stellen so sicher, dass sich alle Familienmitglieder auch im Alter oder im Falle einer Behinderung uneingeschränkt in den eigenen vier Wänden bewegen können. Eine spätere Nachrüstung ist nicht nur teuer, sondern auch nicht immer problemlos möglich.

Barrierefrei oder behindertengerecht

Barrierefreies Wohnen für optimierte Bewegungsradien.

Diese Begriffe werden nicht selten gleichgesetzt. Dennoch unterscheiden sie sich in mancherlei Hinsicht: Wer barrierefrei baut, hat noch lange kein behindertengerechtes Haus. Bei einem barrierefreien Bau können die Bewegungsradien beispielsweise geringer ausfallen als bei einem rollstuhlgerechten Objekt. Darüber hinaus bringt jedes Handicap unterschiedliche Erfordernisse mit sich. Wer die DIN 18040-2 für barrierefreies Bauen bereits bei der Planung miteinbezieht, kann aber bereits die Grundlagen schaffen, um sich auch im Falle einer Behinderung weiterhin frei bewegen zu können. Weitere wichtige Elemente wie Beleuchtungen oder Markierungen im Falle einer Sehbehinderung oder ein unterfahrbares Waschbecken beziehungsweise eine unterfahrbare Küchenzeile im Falle einer Gehbehinderung können dann leicht und den individuellen Erfordernissen der konkreten Behinderung entsprechend nachgerüstet werden.

Heizen mit Geothermie

Das Thema Energieverbrauch, vor allem bei der Heizung, wird aufgrund steigender Energiepreise immer wichtiger für Häuslebauer. Am leichtesten lässt sich dieser Kostenfaktor überschaubar gestalten, indem Wärmeenergie gar nicht erst verbraucht wird. Durch die ohnehin guten Dämmeigenschaften des Baumaterials kommt die Außenhülle des energiesparenden Holzhauses von Roman Martin mit einer 16 Zentimeter dicken Holzfaserdämmung aus. Die patentierte Holzbauweise mit dem 17 Zentimeter dicken, unverleimten, mehrschichtigen Materialaufbau verspricht dabei noch bessere Dämmeigenschaften als bei konventionellen Vollholz-Bauten. Auch die Innenwände in Holzständerbauweise sind mithilfe von Holzfasern gedämmt.

End-Energiebedarf deutlich gering

Die Küche ist an die speziellen Bedürfnissen von Roman Martin angepasst.

Das Versprechen des Bauunternehmens hat sich beim Blick auf die errechneten Energiewerte voll erfüllt: Das Niedrigenergiehaus von Roman Martin aus Tiefenbach (Sonthofen) hat einen Jahres-Primärenergiebedarf von 71 Kilowattstunden pro Quadratmeter und pro Jahr, womit das Gebäude durch die KfW in die Energieeffizienzklasse 70 eingestuft wurde. Der End-Energiebedarf des Wohnhauses und damit der für den Verbraucher relevanten Bedarfswert ist mit einem berechneten Wert von nur 39 Kilowattstunden allerdings nochmals deutlich geringer.

Erdwärme-Sonden in 110 Meter Tiefe

Sein Haus beheizt Roman Martin in erster Linie mit Erdwärme, die über zwei 110 Meter tief in die Erde eingelassene Erdwärme-Sonden bezogen wird. In den Sonden wird das darin zirkulierende Wasser durch die Wärme aus den Tiefen der Erde auf etwa 13 Grad erwärmt. Mithilfe von Wärmepumpen, die dem Wasser die Wärme dann wieder entziehen, wird die Wärme zu höheren Temperaturen verdichtet. Die Wärme wird mithilfe eines Puffers gespeichert und steht dadurch stets zur Warmwasserbereitung sowie zum Heizen bereit.

Keine Brennstoff-Lagerung nötig

Diese Form der Beheizung ist zwar in der Anschaffung etwas teurer als andere Heizsysteme und durch die erforderliche Tiefenbohrung baulich relativ aufwendig, kann aber durch einige Vorteile überzeugen: So entfällt beispielsweise der Lagerplatz für Brennstoffe wie Heizöl oder Pellets und auch die laufenden Betriebskosten sind gering. Über eine Fußbodenheizung gelangt die behagliche Wärme dann in die Wohnräume. Der gemauerte Kachelofen im Wohnbereich sorgt an kalten Tagen für zusätzliche Wärme.

Küche für spezielle Bedürfnisse

Jung, und modern, gleichzeitig geschmackvoll und edel kommt die Küche mit den weißen Fronten und der schwarzen Granitarbeitsplatte daher.

Die Küche ist ebenfalls den speziellen Bedürfnissen von Roman Martin angepasst. Ein absenkbarer Hochschrank ermöglicht ergonomisches Arbeiten ohne auf die optische Wirkung, die hohe Schränke erzeugen, verzichten zu müssen. Die Arbeitsfläche ist größtenteils unterfahrbar. Auch hier ist ein größerer Abstand zwischen den beiden Zeilen der U-förmigen Küche eingehalten, der es Roman Martin ermöglicht, sich ohne Platzprobleme zu bewegen. „Da ich gerne koche, war mir eine gute Küchenplanung wichtig“, erzählt der Bauherr. Die rollstuhlgerechte Ausstattung der Küche tut dem Design allerdings keinerlei Abbruch. Die schwarzen und weißen Oberflächen bilden einen modischen und doch zeitlos-schönen Kontrast. Die neutralen Farben lassen außerdem Freiheit bei der farblichen Gestaltung des Raumes. Durch die U-Form der Küche und mithilfe eines Aufsatzes ist ein kleiner Theken- und Barbereich entstanden. Der breite und beidseitig nutzbare Block schafft außerdem zusätzlichen Stauraum und bildet darüber hinaus einen breiten, türlosen Gang, durch den der Wohn- mit dem Koch- und Essbereich verbunden ist. Die halboffen gestaltete Lösung von Wohnzimmer und Küche schafft eine Verbindung zwischen den beiden Räumen und sorgt doch für eine gewisse Teilung des großzügig bemessenen Raumes.

Ideale Wohnraumaufteilung

Energieeffiziente Häuser werden daher immer beliebter.

Durch die Lösung mit den auf halber Höhe zueinander versetzten Ebenen ergibt sich ein Kontakt zwischen den Etagen und dennoch eine klare räumliche Trennung. Auch nutzungstechnisch sind die Ebenen voneinander abgegrenzt: Auf der untersten Ebene befinden sich die Kellerräume und das Gästezimmer, die mittlere Ebene beherbergt die Wohnräume und führt ebenerdig in den Garten und die obere Ebene ist dem Eingangsbereich und den Privaträumen vorbehalten. Die mittig gesetzte Rampe verbindet alle Ebenen in dem halboffenen Wohnkonzept. Die Wirkung ist beeindruckend: Bei aller Offenheit und Großzügigkeit wirken die Räume, unterstützt durch die Wärme, die die Holzwände ausstrahlen, doch behaglich.

Steckbrief 

Roman Martin

aus Tiefenbach (Sonthofen)

Holzhaus

Einfamilienhaus

Neubau in Hanglage

Außenwände aus Holz in Kreuzlagenaufbau

Innenwände in Holzständerbauweise

Energieeffizienhaus

kfW70

Kosten

keine Angabe

Grundfläche Grundstück

908 Quadratmeter

Bauzeit

April 2011 bis Juli 2012

Angaben zur Ausstattung

Einfamilienhaus mit drei zueinander versetzten Ebenen (davon eine Kelleretage), Hauptgebäude mit versetztem Pultdach, Doppelgarage mit Satteldach, Bad, Gästebad, Gäste-WC, Koch- und Essbereich, Wohnbereich, Schlafzimmer, Büro, Wärmepumpe mit Erdwärmesonde, Fußbodenheizung, Fliesen in Anthrazit, Parkett in Robinie, Vinylböden in Altholz-Optik, dreifach-verglaste Alu-/Holz-Fenster mit elektrischen Jalousien.

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