Mai 2016

Projekt Eigenheim: Baufamilie Geirhos und ihre Almhütte 2.0

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Das ist Baufamilie Geirhos: Gertrud (32) und Johannes (33) sowie ihre zweijährige Tochter Johanna.

Als Gertrud und Johannes Geirhos ihr Projekt Eigenheim in Angriff nahmen, hätten die Vorstellungen der beiden gegensätzlicher nicht sein können. Er wünschte sich ein altes Bauernhaus, sie dagegen wollte „bloß nichts mehr renovieren“. Die Lösung? Ein neues Haus nach traditioneller, regionaler Bauart.

Großkitzighofen/Ostallgäu - Ein uriges Holzblockhaus mit offenem Grundriss, alpenländischem Charme und modernem Komfort. Die Almhütte 2.0 quasi, direkt im beschaulichen Örtchen Großkitzighofen bei Buchloe. Fensterläden anstatt Raffstores, Feuerholz anstelle von Photovoltaik, blühende Geranien über dem Balkongeländer. „Nachdem klar war, dass wir uns ein neues Haus im traditionellen Landhausstil bauen wollen, lag der gemeinsame Weg vor uns,“ blickt Johannes Geirhos zurück.

Zwischen Nostalgie und Moderne. Das Landhaus der Familie Geirhos ist konsequent an der Gestalt alter Bauernhäuser ausgerichtet – und verzaubert durch einen ganz besonderen Charme.

Die Geirhos, das sind Krankenschwester Gertrud und Versuchstechniker Johannes sowie ihre zweijährige Tochter Johanna. Man darf es an dieser Stelle erwähnen: ein Geschwisterchen hat sich bereits angekündigt. Im 180 Quadratmeter großen Neubau ist ja auch noch jede Menge Platz. Als sich die jungen Leute für einen Neubau in der rund 450-Seelen-Gemeinde entschlossen, gab es das Baugebiet noch nicht einmal. Für Johannes Geirhos, der in Großkitzighofen aufgewachsen war, kam allerdings kein anderer Ort, schon gar kein Grundstück in der Stadt infrage. Die Wartezeit bis zur Erschließung des Gebiets „Am Grasflecken“ verkürzten sie mit ausführlichen Plänen, mit Flohmarktstreifzügen und vorbereitenden Holzarbeiten. So entstanden die schmuck verzierten Stirnbretter am Dach bereits weit vor der eigentlichen Bauphase. „Zum Glück“, sagen beide im Nachhinein „hatten wir im Vorfeld so viel Zeit für die Planung.“

Die blieb ihnen später nicht. Für ihren Neubau im Landhausstil mit gemauertem Erdgeschoss und einem Obergeschoss in reiner Blockbohlenbauweise haben die beiden jungen Bauherren die Ärmel hochgekrempelt, jeden Mauerstein, jede Holzbohle mit angefasst. Trotz Eigenregie konnten sie die rund 15-monatige Bauzeit vom 20. Mai 2014 bis zum Einzug Anfang August 2015 überschaubar halten. Seitdem dürfen Haus und Bewohner zusammenwachsen.

Halb Stein, halb Holz: Ein Massivbau der traditionellen Art

Mal Stein, mal Holz pur – das Landhaus der Geirhos besticht durch seine klare Baubiologie.

Die traditionelle Bauweise alter oberbayerischer Bauernhäuser bestimmte auch die Konstruktion des Eigenheims der Familie Geirhos. Über Jahrhunderte hatte es sich in der Region bewährt, auf ein solides, gemauertes Erdgeschoss ein zweites Geschoss in stabiler Holzbauweise aufzusetzen. „Die echte Blockbauweise ist die traditionsreichste Art, ein Holzhaus zu bauen“, erzählt Johannes Geirhos. „Also genau nach unserem Geschmack.“ Viele natürliche Materialien sollten ihr Haus ausmachen, allen voran ein Holz, das atmet. So suchten uns fanden sie eine Holzbaufirma, die sich auf die Erstellung von Blockhäusern spezialisiert hat.

Unten Mauerwerk, oben Blockbau

In der traditionellen Bauweise alpenländischer Bauernhäuser entsteht Bohle um Bohle das Eigenheim in Großkitzighofen.

Ihr Erdgeschoss mauerten sie gemeinsam mit einer beauftragten Bauunternehmung klassisch in 36er Mauerstärke. Ab der Geschossdecke ist dann Holz der vorherrschende Baustoff. Balken für Balken wurde die Vollholzkonstruktion errichtet. So können die einzelnen Balken miteinander verkämmt werden und das Blockhaus erhält seine legendäre Stabilität. Charakteristisch hierfür sind die an den Ecken überstehenden Balkenköpfe. Diese Eckverkämmung kommt ohne jegliche Befestigungshilfsmittel, wie Schrauben oder Nägel aus. Da Holz ein lebendiger Werkstoff ist, der über die Jahre noch arbeitet, ist es ganz normal, dass sich Blockhäuser um wenige Zentimeter setzen. Das wollte Johannes Geirhos jedoch verhindern und entschied sich für setzungsfreie Blockbohlen, die seine Holzbaufirma anbot. Hierbei handelt es sich um Dreischicht-Holzbohlen mit stehender Innenlamelle, für die der Hersteller Setzungserscheinungen ausschließt. Für größere Freiheiten in der Wahl der Konstruktion und der Materialien, der Heizungsart und der Befeuerung entschlossen sich die Geirhos auf eine KfW-Finanzierung und damit auch auf eine standardisierte KfW-Zertifizierung zu verzichten. Sie haben es nicht bereut, lieben ihr traditionell errichtetes Haus bis in die letzte Fuge.

Wildeiche, Apfelbaum und alter Fensterladen: Modernes Landhaus mit Herz

Kennen Sie das? Dass es einen schon beim Betreten eines Hauses in den Fingerspitzen kribbelt? Weil man unwillkürlich übers Thekenholz, die Tischplatte oders Treppengeländer streicheln will. Oder weil man unbedingt barfuß übers Parkett rutschen will. Man gar mit Nase die Wandverkleidung entlangschnuppern mag! In Sekundenschnelle ist klar: Das ist ein Haus, das am liebsten mit allen Sinnen begriffen werden will, wo Optik nur ein Element unter vielen ist.

Zirbenholz als Wandverschalung bringt die Tiroler Alm ins Wohnzimmer.

Genau so ist es der Autorin im Zuhause der Familie Geirhos ergangen. Das fein gehobelte, ziemlich wurmstichige Fichtenholz, das Theke und Fenstersimse ausmacht, stammt aus Fensterläden eines Jahrhunderte alten Bauernhauses und fühlt sich gut an. Wer sich auf die Bank am Kachelofen kuschelt, der kommt auf dem warmen, rötlichen Holz eines alten Apfelbaums zu sitzen wie auf einem Kissen. Und das Parkett - handgehobelte, gebürstete Eiche – ist ganz bestimmt nichts für die High-Heels-Freundinnen unter uns, barfuß aber ein Genuss. Tja, und die Sache mit der Nase: vom Zirbenholz an der Wohnzimmerwand strömt ein feiner, wohltuender Duft aus, von dem Johannes Geirhos sagt, dass er sich damit ein Stück Tiroler Alm ins Haus geholt habe.

Echtholzparkett – hier Landhausdiele Eiche im Altholzdesign mit Schwalbenschwanzdübeln – machen Lust auf barfuß gehen.

So sind die Details im Hause Geirhos nicht dem Zufall überlassen. Rund verputzte Kanten, offene Holzbalkendecken, Echtholzparkett oder grob strukturierte Steinfliesen, warme, erdige Töne, Spitzenvorhänge vor Sprossenfenstern: all dem lag die Idee zugrunde, die urige Gemütlichkeit einer Bauernstube einzufangen, ohne auf die Offenheit moderner Grundrisse verzichten zu müssen. „Natürliche, sinnliche Materialien und Dinge, die ihre eigenen Geschichten erzählen, haben den Weg in unser Haus gefunden“, lacht Gertrud Geirhos. Sie zeigt auf die alten, verzierten Ofentürchen, die den modernen, weiß verputzten Kachelofen schmücken. Beispiele wie diese gäbe es viele. Restaurierte Fensterrahmen, gusseiserne Pfannen, eine alte Kommode mit Aufsatzwaschtisch – Behaglichkeit wird groß geschrieben.

Urige Wärme: Kachelofen mit zeitgemäßem Komfort

Der großzügige, auf 13 Kilowatt ausgelegte Kachelofen ist das Herzstück des Wohnzimmers.

Urige, gemütliche Wärme verbunden mit modernem Komfort, Warmwasseraufbereitung und energetischer Effizienz? Hätten Sie da gleich an einen Kachelofen gedacht? Im Haus der Familie Geirhos übernimmt ein moderner, auf 13 Kilowatt Leistung ausgelegter Kachelofen die Versorgung mit Wärme und Warmwasser. Er verfügt über Wassertaschen, die auch die Fußbodenheizung sowie den Pufferspeicher fürs Brauchwasser mit der nötigen Wärme versorgen. Keramische Züge im Innern des Ofens geben die gespeicherte Wärme langsam und gleichmäßig ab. Die kommt bei Geirhos ideal zur Wirkung, die so ihr offenes Erdgeschoss langanhaltend beheizen können. Eine moderne Abbrandsteuerung regelt die Verbrennung. „Wir legen nur einmal am Tag nach und auch über Nacht kühlt das Haus nicht aus“, erzählt Gertrud Geirhos. Im Gegenteil. Der Kachelofen halte die Wärme locker auch über zwei bis drei Tage, so die Bauherrin. Und auch in kalten Wintern ist es im Haus überall mollig warm. „Eiskalte Schlafzimmer gehören trotz Holzheizung einer anderen Zeit an“, lachen die Eheleute. Für Wärme und Warmwasser benötigen sie rund 12 Ster Holz im Jahr. Eine vergleichsweise günstige Energiequelle für eine allseits behagliche Wärme.

Wie funktioniert das?

Wasserführende Kachelöfen haben in ihrem Innerem einen Wassertauscher (auch Wassertasche genannt) integriert. Über die Wände des Wärmetauschers wird die Wärme des Holzfeuers in das Wasser gespeichert. Das Warmwasser wird dann in einem Pufferspeicher gesammelt, der mit der bestehenden Zentralheizung, beispielsweise einer Fußbodenheizung verbunden ist. Auch für das Brauchwasser, wie die Dusche, kann der wasserführende Kaminofen genutzt werden.

Als keramische Züge bezeichnet man die aus Schamottplatten gemauerten Rauchgaskanäle im Speicherblock eines Ofens. Diese oft bis zu zehn Meter langen Rauchgaskanäle werden vom Kachelofenbauer berechnet und exakt zwischen Feuerraum und Schornstein abgestimmt.

Eine Abbrandsteuerung regelt die Luftzufuhr im Ofen, das heißt sie sorgt dafür, dass dem Feuer immer die optimale Luftmenge zugeführt wird. Die Verbrennungsluft gelangt exakt zum richtigen Zeitpunkt in den Brennraum und erwärmt die Speichermasse beim Kachelofen bestmöglich. Dadurch sind geringe Emissionen und ein niedriger Brennstoffverbrauch garantiert. Ideal geeignet ist die Abbrandsteuerung zur Überbrückung längerer Zeiten, in denen sich niemand um die Luftzufuhr am Ofen kümmern kann. So kann Familie Geierhos abends vor dem Schlafengehen Brennholz nachlegen. In der Nacht wird der Abbrand automatisch geregelt, so dass der Ofen am nächsten Morgen noch warm ist und im entstandenen Glutbett ein neues Feuer entfacht werden kann.

Impressionen: Ein Massivbau der traditionellen Art

Landhausküche in Creme: Nostalgische Optik, moderne Funktion

Für die leidenschaftliche Laible-Bäckerin können es nicht genug Backrohre sein, die sie zur Adventszeit befüllt. Zwei Backrohre hat sie sich demnach für ihre neue Herd- und Ofenkombi ausgewählt, die nur dem ersten Anschein nach an Großmutters Zeiten erinnert. Gertrud Geirhos lacht: „Es ist ein hochmoderner Induktionsherd, mit Knöpfen anstatt zu tippen.“ Die große, schwarzglänzende Herd- und Backofenkombination ist außerdem in ergonomischer Höhe, neben den zwei Backröhren gibt es auch noch einen integrierten Grill.

Nur dem ersten Anschein nach eine Antiquität. Der Induktionsherd und die Grill- und Backröhren erfüllen die Ansprüche moderner Laiblebäckerinnen.

Die gesamte Küche mit angeschlossener Speisekammer ist ein Schmuckstück des bekannten Landhausstils. Die verspielten Griffe und Armaturen, die Sprossenfensterchen an den Hängeschränken und die verzierte Kranzleiste machen den Charme der geräumigen Küchenmöbel aus Vollholz aus. „Wir haben uns gemeinsam und ohne zu zögern für diese Küche entschieden“, erzählt der Bauherr. Dazu haben sich die beiden Eheleute in einem Küchenstudio beraten lassen. „Unsere Küche passt wunderbar zu uns und zu unserem Haus“, bestätigt seine Frau. Wie alles im Haus der Geierhos steht auch ihre Landhausküche für Gemütlichkeit und eine herzliche Atmosphäre. Sie schafft eine Verknüpfung zwischen Tradition und Moderne und erhält durch die Natürlichkeit der verwendeten Materialien und Farben ihren ganz besonderen Charme.

Unikat mit Patina: Herausforderung Treppenbau

Unverwechselbarer Charme – die Treppe wurde aus dem Holz vergangener Jahrhunderte gefertigt.

„Diese Treppe ist mein ganzer Stolz“, sagt Johannes Geirhos und erinnert sich an die schlaflosen Nächte, die ihn seine Treppe gekostet hat. Denn diese Treppe gibt es wahrlich nicht von der Stange. „Als wir keine Treppe fanden, die uns gefallen hat, beschlossen wir kurzerhand, sie selbst zu bauen“, so der Techniker im Rückblick. Das Besondere daran: Er wollte dafür nur Altholz mit dem Charme der vergangenen Jahrhunderte verwenden. So stammen die Geländerstreben aus den zerschlagenen Fichten-Fensterläden eines alten Bauernhauses. Die großen, tragenden Balken und die Stufen sind aus handgehauenem Wildeichenholz mit zahlreichen Verästelungen gefertigt. Eine Treppe mit Charisma, Schmuckstück und Verbindungselement zugleich. Die Arbeit an ihr stellte sich jedoch als große Herausforderung dar: Millimetergenau mussten die einzelnen Holzelemente eingepasst werden, jede Stufe ein Unikat mit Patina. Für seine Idee erntete Johannes Geirhos daher auch manchen Spott. Er verwirklichte seine Treppe dennoch mit der Hilfe eines unerschrockenen Schreiners. „Ohne den Fachmann wäre es wohl nicht gegangen, aber heute ist gerade die Treppe meine größte Freude“, lacht der junge Bauherr.

Steckbrief

Anwesen

Einfamilienhaus im traditionellen Landhausstil, Neubau in Großkitzighofen/Ostallgäu der Familie Geirhos, Ziegel-Massivbau im EG, reiner Blockbau im OG

Kosten

rund 300.000 Euro (ohne Grundstück)

Grundfläche

880 m²

Wohnfläche

180 m²

Bauzeit

Mai 2014 bis August 2015 vom Spatenstich bis zum Einzug

Angaben zur Ausstattung

Neubau, Satteldach mit Quergiebel zur eineinhalbgeschossigen Doppelgarage, voll unterkellert, offener Holzbalken-Dachstuhl, Balkon

Heizung: zentraler Kachelofen (13 kW) mit Wassertaschen, Luftwärmepumpe, Fußbodenheizung

Grundriss: offener Wohn-Essbereich, 6 Zimmer, Badezimmer und Gäste-WC, Küche mit Speisekammer,

Böden: Vollholz-Parkett, Feinsteinzeug-Fliesen

Fenster: dreifach verglaste Holz-Sprossenfenster

Angelika Hirschberg

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