Das Gold der Insel

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Der Oliven-Wanderweg beginnt in Deià, führt vorbei am Dörfchen Lluc Alcari und weiter nach Port de Sóller.

Im Spätherbst, wenn sich die Strände leeren und Ruhe einkehrt, dann beginnt die Zeit für das andere Mallorca: Ländliche Idylle, einsame Fincas und die Suche nach dem wahren Gold der Insel.

Mallorca ist nicht gerade bekannt dafür, dass dort Kamele zu Hause sind. Eher vermutet man hier die Partylöwen. Dennoch – es gibt ein Kamel, das seit einigen 100 Jahren auf der Baleareninsel heimisch ist. Der Weg zu ihm ist in Wanderkarten eingezeichnet. Es ist auch gar nicht scheu, sondern steht fest verwurzelt da und trotzt seit Generationen Wind und Wetter.

 „Ist es nicht wunderschön?“ Josep Oliver tätschelt einen Höcker des Kamels. Zumindest das, was mit ein bisschen Phantasie der Höcker sein könnte. „Es Camell“ (das Kamel) ist ein uralter, schrulliger Olivenbaum, die knorrigen Äste verschlungen, ein Kunstwerk der Natur. Wie nicht wenige Ölbäume auf Mallorca.

Olivenbäume auf der Insel sind 500 Jahre alt

In Sichtweite alter Pfade gibt es unzählige solcher Exemplare, etwa links und rechts von einem der Themenwanderwege, die seit kurzem von der Interessensgemeinschaft „Oli de Mallorca“ – Öl von Mallorca – beworben werden. Eine dieser Routen führt durch den gebirgigen Westen der Insel: Der Camí de Muleta beginnt in der Nähe des Künstlerdörfchens Deià, an der Landstraße nach Sóller.

Schon wenige Meter abseits des Asphalts beginnt die Ruhe. Nur noch der Wind ist zu hören und das Zirpen der Grillen. Hin und wieder durchbricht das Geschrei eines Esels die Stille. Und die fast jungenhafte Begeisterung von meinem Begleiter Josep Oliver für die traditionellen Olivenhaine. „90 Prozent der Olivenbäume auf unserer Insel sind im Durchschnitt 500 Jahre alt“, erklärt er mir und macht dabei Gesten, die so ausladend sind wie mancher Ölbaumstamm. „Ein paar sollen sogar 1000 Jahre oder älter sein.“

Die spektakulärsten und schönsten unter ihnen haben von ihren Besitzern Namen bekommen. Etwa „Madona“ (bedeutet auf Deutsch Matrone) oder „Na Flamarades“ („Die in Flammen stehende“). „Auf Mallorca kennt diese Bäume fast jedes Kind“, sagt Josep. Josep Oliver ist Präsident der Vereinigung Oli de Mallorca. Die Gesellschaft kümmert sich seit sieben Jahren um die Vermarktung und Zertifizierung des mallorquinischen Olivenöls. Zuvor verkam das Öl zusehends zu einem vernachlässigten Nebenprodukt.

Seit der Tourismus das wesentliche Geschäft der Insel ist, hatte kaum noch jemand Interesse an der eher beschwerlichen Landwirtschaft. Die jüngere Generation der Plantagenbesitzer steuert dieser Entwicklung entgegen. Mit Erfolg. Olivenöl aus Mallorca hat seinen ehemals ausgezeichneten Ruf als Gold der Insel schon fast wieder erlangt. „Wir arbeiten daran,“ sagt Josep Oliver. Schließlich wurde Mallorcas Olivenöl einst in den gesamten Mittelmeerraum verschifft.

Am Ende des alten Postpfades, der in Deià startet, haben Wanderer einen schönen Blick auf Port de Sóller.

Etwa vom Port de Sóller aus, dem Zielpunkt der Wanderung. Zum Wiederaufblühen der mallorquinischen Ölkultur trägt auch die Zusammenarbeit der Landwirte mit den ambitionierten Köchen der Insel bei. Einer von ihnen ist Guillermo Méndez, Chefkoch im Restaurant El Olivo in Deià. „Der Geschmack des Olivenöls erinnert uns an die Einfachheit und gleichzeitig die Wunder des Lebens“, erklärt er beinahe poetisch. „Ich liebe es, damit zu arbeiten.“ Erst recht, seit Olivenöl aus Mallorca wieder runtergeht wie Öl.

Das El Olivo ist stilgerecht in einer ehemaligen Olivenölmühle aus dem 16. Jahrhundert untergebracht. Nach einem kurzen Bergmarsch und knapp drei Kilometern Wegstrecke entlang der Cami de Muleta ist Es Camell erreicht. Von dort sind es nur noch wenige hundert Meter zu einem historischen Landsitz, dem Muleta de Ca S’Hereu.

Endlose Haine von Olivenölbäumen 

Im Erdgeschoss des Steinhauses steht eine wuchtige, bestens erhalten Olivenmühle samt Mühlstein. Und auf der Terrasse stehen frisch gedeckte Tische. Nach wenigen Minuten kommt die Inselspezialität auf die Teller: Pa amb oli – Brot mit Öl. Natürlich mit hauseigenem Olivenöl. Die weiten, sonnenverwöhnten Felder vor Augen und die me mediterranen Gerüche von Kräutern in der Nase schmeckt das Öl einfach köstlich. Dazu werden eingelegte Oliven verzehrt, Schinken, Salami und Käse. Die Abendsonne hüllt die Landschaft in ein weiches Licht – man könnte es stundenlang auf der Terrasse aushalten. Doch es wartet noch ein kleiner Fußmarsch zum Ziel in Port de Sóller. Und es warten erneut endlose Haine mit beeindruckenden Ölbäumen.

Alles Unikate, die ganz wider der EU-Norm Jahrhunderte lang wachsen durften, wie sie wollten. „Wir ernten sowieso von Hand, da ist es egal, wie krumm die Bäume sind“, meint Josep Oliver. Es geht vorbei an mannshohen Gräsern und üppigen Rosmarinbüschen, die vor hohen Natursteinmauern bestens gedeihen. „Wir nennen sie Trancas“, erklärt Josep.

Der Bau dieser auf Mallorca allgegenwärtigen Umrandungen ist wahre Handwerkskunst. Sie wird neuerdings wieder in einer eigenen Berufsschule gelehrt – seit es Geld von der Europäischen Union für den Erhalt der Mauern gibt. Die Lehrlinge erfahren, wie man ohne Mörtel Mauern aufschichtet, die viele Jahrhunderte überdauern werden. Es ist schon so: Nicht nur bei den Olivenbäumen besinnt sich Mallorca wieder seiner eigentlichen Wurzeln.

Martin Cyris

DIE REISE-INFOS MALLORCA

REISEZIEL Mit 3600 Quadratkilometern (98 Kilometer in Ost-West-Richtung, 78 in Nord-Süd) ist Mallorca die größte der Baleareninseln. Sie liegt im westlichen Mittelmeer, etwa 170 Kilometer vom spanischen Festland (Barcelona) entfernt.

Baleareninsel Mallorca

ANREISE Mit Air Berlin, Tuifly oder Condor täglich von München nach Palma de Mallorca. Ab ca. 150 Euro für den Hin- und Rückflug.

WOHNEN & OLIVEN
Ca N’Verdera, Fornalutx: Designhotel im historischen Ortskern von Fornalutx. Ab Ende Oktober, zur Olivenernte, werden Olivenölarrangements angeboten. Sie beinhalten einen Ausflug in einen Olivenhain, das Pflücken von Oliven sowie das anschließende Pressen in einer Mühle. Am Abend wird die persönliche Flasche Olivenöl überreicht.
Ab 185 Euro/DZ mit Frühstück. Tel. 0034/971-638203.

Monnaber Nou, Campanet: Ruhiger, abgelegener Gutshof mit eigenem Olivenhain und hauseigenem Olivenöl. Der junge Hotelbesitzer begleitet interessierte Gäste auf einen Spaziergang zu den schönsten Bäumen auf seinem Grundstück. Ab 121 Euro/DZ mit Frühstück. Tel. 0034/971-877176.

La Residencia, Deià: Beliebtes Hotel mit eigenem kleinen Ölbaumgarten, in dem einige kolossale Exemplare stehen. Es eignet sich sehr gut als Ausgangsbasis für die im Text beschriebene Tour. Spezialität im angeschlossenen Restaurant El Olivo: natürlich Pa amb oli (Brot mit Öl).
Ab 205 Euro/DZ mit Frühstück. Tel. 0034/971- 639011.

Alle Unterkünfte gehören der Hotelkooperation Reis de Mallorca an, in der sich überwiegend ländliche, familiär geführte Finca-Hotels zusammengeschlossen haben. Info/Buchung im Internet unter www.reisdemallorca.com

WANDERN Die im Text beschriebene Tour beginnt an der Landstraße Deià-Sóller bei Kilometer 56,9. Diese und drei weitere Touren sind beschrieben in der Broschüre „Olivenöltourismus Mallorca“. Sie ist zu beziehen über das Spanische Fremdenverkehrsamt (s.u.) oder unter www.newsmallorca.com. Informationen zum Thema liefert auch die Internetseite www.illesbalearsqualitat.cat

WEITERE INFOS Spanisches Fremdenverkehrsamt in München, Tel. 089/53074611, www.spain.info

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