Leidenschaft für einen Caravan

Hotelzimmer am Haken

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Aus- und Einstieg: Nach 45 Jahren hat der Münchner Kurt Gandl (re.) den Verkauf von Wohnwagenanhängern mit Hubdach an Rudolf Jocher übergeben und kann jetzt mehr Zeit im Caravan genießen.

Am Anfang war es ein Anhänger, der zu einem Sechs-Mann-Zelt ausgeklappt werden konnte. Heute sind es Hightech-Wohnwagen mit Fußbodenheizung, Anti-Schlinger-Kupplung und eingebautem Ausklappgrill.

Und immer ging es ums Reisen. Der Münchner Kurt Gandl hat 45 Jahre Caravangeschichte erlebt und mitgestaltet.

Sein Leben hatte meistens einen Haken. Wenn Kurt Gandl erzählt, geht’s nämlich um Anhänger, genauer: Wohnanhänger für Caravaner. Der Münchner kann inzwischen auf 45 Jahre als Unternehmer in Puncto mobile Freizeit zurückblicken, er war 1970 bei der allerersten Messe Caravan, Boot, Reisen C-B-R auf der Schwanthaler Höhe dabei, hat seither keine Ausstellung versäumt und am vergangenen Sonntag auf dem neuen Messegelände Riem seine letzte Reise- und Erlebnismesse free als Aussteller hinter sich gebracht. „Es war meine 44. Messe hintereinander. Da hat das Herz schon ein bisserl wehgetan“, sagt Kurt Gandl. „Aber irgendwann muss man das Heft aus der Hand geben.“

44 Mal auf der Reisemesse

Den Messefragebogen fürs kommende Jahr hat schon sein Nachfolger Rudolf Jocher ausgefüllt. Alles ist geregelt, die Verträge sind unterschrieben, der Übergang nahtlos. Der 73-Jährige ist zufrieden. Und es ist an der Zeit, eine Bilanz zu ziehen.

Mobilheim: Mit diesem Prospektfoto warb der französische Hersteller früher für den Urlaub im Wohnwagen.

Etwa 7000 Wohnanhänger und -wagen hat er in diesen viereinhalb Jahrzehnten verkauft. Hintereinander aufgestellt würden diese einmal quer durch München reichen, von Germering bis Vaterstetten. 16 davon hat er gleich bei seinem ersten Messeauftritt verkauft, das Stück zu 5300 Mark. Ein voller Erfolg. „Da habe ich gedacht, wenn es auf allen Messen so läuft, muss ich nur 20 Jahre arbeiten“, sagt Kurt Gandl und lacht. Dass er erst heuer einen Gang herunterschaltet, liegt nicht am wirtschaftlichen Erfolg, sondern daran, dass er so viel Freude am Verkaufen und an der Reisewelt hat.

Es sei immer aufwärts gegangen, sagt er. Bei ihm und mit der Caravanindustrie. In den ersten Jahren verkauften er und sein Bruder Wilhelm in ihrem Geschäft in der Esmarchstraße in München-Allach Autoanhänger, aus denen sich ein geräumiges Zelt für vier bis sechs Personen ausklappen ließ. Das war für viele Camper ein großer Fortschritt und nicht zuletzt ein Zeichen des sozialen Aufstiegs. „Die wollten weg vom Boden“, sagt Kurt Gandl. Nicht mehr im unbequemen Zelt auf der dünnen Luftmatratze schlafen, sondern in einem Bett und umgeben mit Komfort wie Küche, Heizung und Kühlschrank.

Frankreich als Reiseziel

Erinnerung: So wurden einst auf der Messe Caravan, Boot, Reisen C-B-R auf der Schwanthaler Höhe die Produkte für den mobilen Urlaub präsentiert.

Auf einer Sportartikelmesse in Köln wurde Kurt Gandl 1975 von einem französischen Hersteller gefragt, ob er nicht Deutschland-Importeur für zusammenlegbare Wohnwagen mit festen Wänden werden wolle, die in nur 30 Sekunden aufgestellt werden konnten. Kurt Gandl wollte. Seither vertreibt er die Reisewohnwagen mit Hubdach. Nebenbei hat er ein Urlaubsziel entdeckt: Weil die von ihm vertretenen Hersteller im Nordwesten Frankreichs beheimatet sind, war er oft in der Bretagne und der Normandie und schwärmt von Radtouren am Atlantik, der wilden Landschaft und dem fantastischen Essen.

Mindestens 150 Mal sei er auf Dienstreise in Frankreich gewesen. Die Sprache beherrsche er so, dass er etwas zum Essen bekomme und ein unverfänglicher Plausch möglich sei, fürs Geschäftliche hat der Münchner aber doch lieber einen Dolmetscher mitgenommen. Der hat ihm obendrein die besten Restaurants gezeigt. Das waren nicht die mit Sterneköchen und Gourmet-Auszeichnungen, sondern manchmal Häuser, „in die wäre ich alleine nie reingegangen“. Stets fragte dann sein Übersetzer, was denn der Wirt an diesem Tag für sich selbst gekocht habe. „Und das haben wir dann gegessen“, sagt Kurt Gandl. „Das war immer das beste Essen!“

Schwarzwald und die Seenplatte

Aufbau: Die Broschüre aus frühen Jahren zeigt, wie ein Wohnwagen mit stabilen Seitenwänden aufgebaut wird.

Während er all die Jahre auf Messen und in seinem Münchner Geschäft die Fahrzeuge fürs Reisen verkaufte, kam er selbst kaum raus. „Ich habe viele Jahre keinen Campingurlaub gemacht, ich musste ja arbeiten“, sagt Kurt Gandl. Das Reisen hat er natürlich inzwischen nachgeholt und zählt Ziele in Nordamerika und Südafrika auf, die er besuchte. Und mit den Wohnanhängern hat er die Mecklenburgische Seenplatte, den Schwarzwald und die Weingegenden am Rhein entdeckt. Er hat nichts vorab gebucht, sondern ist einfach losgefahren und hat die Vorzüge seines Produktes genossen.

Der ideale Campinganhänger

„Ich hab immer Fahrzeuge importiert, die zum Reisen waren“, sagt er. Die wiegen selten mehr als eine Tonne, sind problemlos an einen normalen Pkw anzuhängen, als Gespann leicht zu fahren und gerade so groß, dass sie in eine deutsche Normgarage passen. Und auf Messen und Campingplätzen ist ihnen die Aufmerksamkeit gewiss. „Ich gebe meinen Kunden immer ein paar Prospekte mit“, sagt Kurt Gandel und grinst. Die verteilen sie dann unterwegs – und schon ist wieder Werbung für sein Produkt gemacht worden. Die Käufer kommen aus allen Schichten, sagt er. Früher waren es mehr Familien, heute oft gut situierte Paare, deren Kinder aus dem Haus sind und die ein unkompliziertes Freizeitgefährt suchen, mit dem man auch schnell mal für zwei, drei Tage verreisen kann.

Insidertipps gibt’s gratis dazu

Tipps zu den besten Zielen gibt’s bei Kurt Gandl immer gratis dazu. In Meran zum Beispiel kennt er einen Stellplatz direkt an der Pferderennbahn, in der Südtiroler Apfelmetropole Lana weiß er einen mitten in den Obstgärten. „Die Kunden wollen auch eine Zielgebietsberatung.“ Und weil er schon so lange in der Branche aktiv und bekannt ist, schickt er schon mal gute Kunden mit dem Hinweis zu ausgewählten Stellplätzen: „Sagt’s einen schönen Gruß vom Gandl, dann bekommt ihr eine Nacht umsonst.“

Die Lust am Urlaub sei bei seinen Kunden über die Jahre stets gleich geblieben, sagt Kurt Gandl, gewandelt haben sich allerdings die Ansprüche an die Fahrzeuge. „Die Ausstattung wird immer hochwertiger. Der Deutsche will alles perfekt haben und alles drin haben, was es gibt.“ Das lassen sich seine Kunden auch etwas kosten: Bis zu 20.000 Euro müssen sie heute für die Topmodelle unter seinen Wohnanhängern hinblättern. „Camper sind keine armen Leute.“

Erst mal an den Staffelsee

Für sich selbst wird er noch einen Wohnanhänger aussuchen, „den stelle ich dann an den Staffelsee“. Da könne er bei schönem Wetter schnell mal rausfahren. Es ist aber fraglich, ob er allzu oft dort ist, denn er schmiedet schon Pläne. Genaues mag er noch nicht verraten, nur so viel: „Ich bleibe der Branche erhalten.“ Auch der Ruhestand hat bei Kurt Gandl einen Haken.

Volker Pfau

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