Heimat der Waltons: Gute Fahrt, John-Boy!

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Postkartenmotiv: Ein Mann fotografiert die Herbstfärbung am Blue Ridge Parkway in der Nähe des Grandfather Mountain in North Carolina.

Der Blue Ridge Parkway ist die längste Panoramastraße der USA. Sie führt geradewegs durch die Heimat der TV-Serie „Waltons“. Unser Autor Stephan Brünjes war dort im Herbst unterwegs.

Am besten zuerst mal den groben Überblick verschaffen – vom Schornstein aus. Durch ihn führt praktischerweise ein Fahrstuhl nach oben. Nur die letzten 44 Stufen muss man kraxeln und steht dann in gut 123 Metern Höhe sozusagen auf dem Dach North Carolinas – dem „Chimney Rock“. Dieser Granitfelsen mit eingebautem Aufzug heißt so, weil er wie ein Riesen-Schlot aus der Landschaft hervorragt und den 360-Grad-Blick in die Blauen Berge bietet. Zwischen dicht bewaldeten Hügeln und Kuppen schlängelt sich der Blue Ridge Parkway durch, eine einzigartige, 755 Kilometer lange Panorama-Straße, zugelassen nur für Ausflugsverkehr und gar nicht so leicht zu finden.

Die längste und farbenprächtigste Panorama-Ausflugsstraße der USA

 

Familienbande: Die TV-Serie „Die Waltons“ zeigt das einfache Leben einer Großfamilie in den Blue Ridge Mountains; sie lief von 1972 bis 1981 mit insgesamt 221 Folgen.

Denn anders als sonstige US-Attraktionen wird der Parkway nicht an jeder Ampel marktschreierisch mit Adjektiven aus der „Super“- und „Greatest“-Schublade angepriesen, sondern bescheiden erwähnt, bloß mit seinem Namen auf kleinen braunen Hinweisschildern. Kurz hinter Asheville, nach den ersten Kilometern auf dieser kurvigen, lediglich zweispurigen Landstraße die nächste Überraschung: Kein einziges Werbeplakat am Straßenrand, keine Tankstellen, keine Burger-Buden, weder Hotels noch Läden, nicht mal Häuser gibt es hier. Nur Natur: Im Frühjahr Rhododendren- und Azaleen-Dschungel, deren Blütenpracht in rosa, orange und rot förmlich zu explodieren scheint. Während des Sommers „tragen“ die Hügel und Senken seitlich des Parkways grün. Am schönsten und prächtigsten aber ist der Herbst – Indian Summer überall, feurig leuchtend mit allem, wozu sich Laub verfärben kann, von quittengelb bis weinrot.

Und dazwischen immer mal fette, schwarze Bremsstreifen. Sie prangen wie Tattoos in so mancher der stets sanften Kurven und erzählen davon, dass hier wieder ein Steuermann im Auto zu lange Seh-Mann war und vor lauter betörender Botanik die Straße aus den Augen verlor. An den alle paar Kilometer eingerichteten Rastplätzen mit 1a-Aussicht kommt man mit passionierten Parkway-Drivern schnell ins Gespräch und wähnt sich sogleich in einer Art Geheimbund. Denn alle schwärmen nur von dieser Straße, aber stets so unamerikanisch dezent und leise, als wollten sie einen Geheimtipp vor allzu viel Andrang bewahren. Helen und Barry in ihrem froschgrünen Jaguar E-Type von 1970 etwa empfehlen Little Switzerland, einen Ort, vollständig mit schweizerischen Fahnen beflaggt und von seinen Bewohnern so getauft, weil die Berge drum herum angeblich aussehen wie die eidgenössischen Alpen. Na ja, mit viel amerikanischer Fantasie vielleicht…

Kaum ist das Florida-Rentner-Pärchen Richtung Bonsai-Schweiz abgerauscht, erzählt Harley-Fahrer John, er knattere mit seinen vier Kumpels den Blue Ridge Parkway in diesem Jahr komplett und gemütlich entlang, vom Great Smoky Mountains National Park in North Carolina bis hoch in den Nachbarstaat Virginia. Am Ende will er dann alleine noch weiter zum „Waltons-Museum“. „Gute Fahrt, John-Boy“, ruft das Lederkutten-Quartett hämisch und haut ihm dabei kräftig auf die Schulter. Doch John lässt sich nicht beirren, er will sehen, wo genau seine Lieblings-Serie der Siebziger spielte.

In Schuyler war es, einem 400-Seelen-Ort etwas abseits des Parkways. Hier wohnte Autor Earl Hamner und hat sich nicht nur die Geschichten rund um die kinderreiche, strenggläubige und herzensgute Sägewerks-Familie ausgedacht, sondern auch den ewig gleichen Schlusssatz jeder Folge: „Gute Nacht, John-Boy“. Die Serie spielt exakt zur selben Zeit, in der der Blue Ridge Parkway entstand – kurz nach der Weltwirtschaftskrise in den Dreißiger Jahren. US-Präsident Roosevelt kurbelte die Wirtschaft mit Arbeitsbeschaffungsprogrammen an – in den damals armen und ländlichen Bundesstaaten Virginia und North Carolina gab er eine Ausflugsstraße für den zunehmenden Autoverkehr in Auftrag.

Genau das ist der Parkway geblieben, aber heute – 75 Jahre nach dem ersten Spatenstich – mit enormem Freizeitangebot rechts und links der Schlangenlinien-Straße. Überall wo „Zipline-Touren“ locken, kann man eingehakt an Seilen durch den Wald sausen. Am Gipfel des 1818 Meter hohen Grandfather Mountain wartet die wackelige und höchste Hängebrücke der USA sowie Mildred, eine Braunbären-Omi, im Tierpark. Beim Whitewater-Rafting in Boone wird garantiert jeder nass, entweder weil die weiße Gischt der Stromschnellen des Watauga-Rivers ins Schlauchboot schwappt oder weil die Mannschaft des Nachbarkahns gerade mit riesigen Spritzpistolen angreift. Deutlich gelassener geht es bei Burnsville zu, wenn Rex Frederick, ein ehemaliger Börsenmakler, und seine Frau Aileen auf ihrer Clear Creek Guest Ranch alle Gäste, Stallknechte und Hausangestellten mit deftigen Steaks sowie frischen Forellen gemeinsam zu Tisch bitten.

Selbst wer hier deutsches Bier vermissen sollte, muss am Parkway nur die richtige Abfahrt finden – ins Örtchen Sylva zu Dieter Kuhn. Der vor 40 Jahren ausgewanderte deutsche Besitzer der Brauerei Heinzelmann hat Alt, Weizen oder Lager im Zapfhahn. Fließen wird es garantiert am 10. September, dann feiern Anwohner und Fans den 75. Geburtstag ihres Blue Ridge Parkway, und es wird lange dauern, bis jemand John-Boy gute Nacht sagt.

Stephan Brünjes

INFOS ZUM BLUE RIDGE PARKWAY

REISEZIEL Der 755 Kilometer lange, extra für den Fremdenverkehr gebaute Highway führt längs der Blue Ridge Mountains, einem Teil der Appalachen im Osten der USA. Die Straße verbindet den Shenandoah-Nationalpark (US-Staat Virginia) und den Great Smoky Mountains National Park (US-Staat North Carolina).

ANREISE Lufthansa fliegt von München, US Airways von Frankfurt aus nonstop zum nächstgelegenen großen Flughafen Charlotte im US-Ostküstenstaat North Carolina. Preise: ab rund 800 Euro (Hin- und Rückflug), Flüge mit einmal Umsteigen kosten ab rund 700 Euro. Von Charlotte ist der Blue Ridge Parkway per Auto in etwa drei Stunden erreichbar.

ANGEBOT Bei Canusa Touristik ist die zweiwöchige Mietwagenrundreise „Best of North Carolina“ im Angebot, die auch durch die Great Smoky Mountains führt. Im Preis ab 395 Euro pro Person sind zwölf Hotelübernachtungen und zwei Wochen Mietwagen (unbegrenzte Freimeilen, Versicherung) enthalten. Info und Buchung bei Canusa unter www.canusa.de oder Tel. 040/22 72 53 53.

ÜBERNACHTEN Entlang der Panoramastraße gibt es Unterkünfte unterschiedlicher Qualität und Preise: In die gehobene Kategorie gehören zum Beispiel das Hotel Crowne Plaza Tennis & Golf Resort Asheville (www.ashevillecp.com) oder La Quinta Inn & Suites in Boone (www.lq.com), Zimmer ab rund 90 US-Dollar (rund 71 Euro). Luxuriös-rustikal sind die Blockhütten auf der Clear Creek Guest Ranch (www.clearcreek ranch.com), Pro Nacht ab 195 US-Dollar (rund 153 Euro, mit VP).

FEIER Die zentrale Feier zum 75. Geburtstag des Parkway findet vom 10. bis 12. September in Cumberland Knob, dem Grenzort zwischen North Carolina und Virginia statt. Hier begann der Bau der Straße im Herbst 1935. Alle Infos rund um die Festivitäten stehen im Internet unter www.blueridgeparkway75.org.

AKTIVITÄTEN Zipline-Touren gibt’s zum Beispiel bei www.screamtimezipline.com, Whitewater-Rafting u.a. bei www.usaraft.net, www.frenchbroadrafting.com oder www.highmountainexpeditions.com.

ATTRAKTION Der Chimney Rock State Park ist täglich geöffnet. Eintritt für Erwachsene: 14 US-Dollar (rund 11 Euro), Kinder (6 bis 15 Jahre) 6 US-Dollar (rund 4,70 Euro). Info unter www.chimneyrockpark.com.

WEITERE INFOS zum US-Bundesstaat North Carolina gibt es bei der North Carolina Division of Tourism, c/o Wiechmann Tourism Service GmbH, Scheidswaldstraße 73, 60385 Frankfurt, Tel. 069/25 53 8260, www.VisitNC.de.

Der kostenlose Reiseplaner 2010 der Capital Region USA, zu der auch Virginia gehört, kann per E-Mail bei crusa@claasen.de oder unter Tel. 008 00/96 53 42 64 (gebührenfrei) bestellt werden. Weitere Auskünfte zur Region im Internet unter www.capitalregionusa.de.

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