Reisen für Trauernde

Tapetenwechsel gegen den Schmerz

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Zeit für den Schmerz - Reisen für Trauernde

Einen Menschen zu verlieren, schmerzt. Manchmal hilft ein Tapetenwechsel, um mit der Trauer besser fertig zu werden. Aber nur einfach einen Urlaub in der Sonne zu buchen, funktioniert oft nicht.

Eine Alternative können Reisen mit anderen Trauernden sein. Die Veranstalter haben sich auf das Seelenschmerz-Klientel eingestellt.

Irmgard Beuse ist viel unterwegs, meistens mehrere Monate im Jahr. Im November geht es wieder nach Andalusien. Reisen ist gewissermaßen Beuses Beruf. Doch unterwegs ist sie ausschließlich mit Menschen, die nicht automatisch in Stimmung für Urlaubsfreuden sind: Menschen, die ihren Partner verloren haben oder einen anderen Angehörigen. Regenbogenreisen, abgekürzt Re-Bo-Reisen, der Veranstalter, den Beuse zusammen mit ihrer Schwester Hildegard Peters gegründet hat, ist spezialisiert auf Touren für Trauernde.

Trauer dauert oft Monate. Der Austausch mit anderen, denen es auch so geht, kann dann helfen – manchmal auch der gemeinsame Urlaub. Die passenden Reiseangebote mit Begleitung durch ausgebildete Trauerbegleiter gibt es längst. Das sei allerdings nur eine kleine Nische im Reisemarkt, sagt Sibylle Zeuch vom Deutschen Reiseverband DRV. Der entscheidende Vorteil solcher Angebote sei die Chance, mit Menschen zu verreisen, die genau wissen, wie es einem geht, sagt Psychologin Ulla Steger.

Irmgard Beuse bietet seit 2007 solche Reisen an. Wie es ist, plötzlich den Partner zu verlieren, wusste sie selbst da nur zu gut: Zwei Jahre zuvor war ihr Mann gestorben. Aus dem Gesprächskreis für Trauernde, dem sie sich angeschlossen hatte, kam die Anregung, doch mal eine Reise zu organisieren – schließlich hatte Beuse 30 Jahre lang ein Reisebüro geführt. „Ich staune immer noch über die Resonanz“, sagt die 75-Jährige. „Wir hätten nie gedacht, dass es so viele einsame und traurige Menschen gibt.“ Was das Besondere an dem Konzept ist? Irma Beuse zitiert, was eine Frau ins Gästebuch geschrieben hat: „In vielen Situationen versteht man sich auch ohne Worte.“

Die Bezeichnung „Trauerreisen“ mag Beuse nicht so – weil es nicht um Trauer geht. „Wir lachen genauso viel, wie geweint wird“, sagt sie. „Es sind immer Gäste dabei, die gute Laune verbreiten.“

Für manche Teilnehmer ist es der erste Urlaub seit Langem: „Eine Frau hat sich jetzt angemeldet, deren Mann hatte Parkinson und Demenz. Sie hat ihn zehn Jahre lang gepflegt und ist da gar nicht vor die Tür gekommen“, erzählt Beuse. „Das muss die erstmal wieder lernen.“

Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer ist weiblich. „Aber auch Männer kommen mehr und mehr dazu“, sagt Beuse. „Dass sich Paare bilden, kommt aber ganz selten vor.“ Dabei gibt es durchaus schon Stammkunden: „Es waren schon einige drei- oder viermal dabei, eine Dame macht jede Reise mit“, erzählt sie. Inzwischen plant Beuse jedes Jahr eine große Tour. Im nächsten Jahr geht es drei Wochen nach Südafrika. In diesem Jahr standen vier Wochen Neuseeland auf dem Programm.

Auch TUI, der Marktführer unter den Reiseveranstaltern, hat seit 2010 ein ähnliches Angebot im Programm. „Reisen ins Leben“ heißt es. Der Tourismuskonzern arbeitet dafür mit der Trauerakademie von Fritz Roth zusammen. Wie bei Re-Bo-Reisen sind immer Trauerbegleiter mit dabei, die den Teilnehmern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. „Es gibt tägliche Gesprächskreise“, sagt Carsten Cossmann, der bei der TUI für die Markteinführung verantwortlich war. „Aber sie sind fakultativ – niemand muss sich daran beteiligen, wenn er nicht will.“

TUI ist bei der Reisemesse ITB im vergangenen Jahr für die Reisen ins Leben mit dem Tourismuspreis „Goldene Palme“ ausgezeichnet worden. Da war das Angebot noch ziemlich neu, und laufend wird verbessert. „Wir haben die maximale Gruppengröße inzwischen von 18 auf 10 bis 14 gesenkt“, sagt Cossmann. „Und wir haben gelernt, dass wir nicht nur ganz kleine Boutiquehotels suchen müssen.“ Auch größere Häuser mit 130 Zimmern seien durchaus geeignet – vorausgesetzt, dass sie eine familiäre Atmosphäre haben.

Reiseziele bei der TUI sind zum Beispiel Zypern oder das Allgäu. „Überdurchschnittlich gefragt sind Madeira und Teneriffa“, sagt Cossmann. Die Reisen sind auf sieben Tage angelegt und auf eine maximal vierstündige Fluganreise.

Auch bei TUI buchen deutlich mehr Frauen: „Das Verhältnis liegt bei 70 zu 30“, sagt Cossmann. Das liege nicht nur an ihrer im Durchschnitt höheren Lebenserwartung. „Sie sind auch offener für aktive Trauerbewältigung.“ Gebucht werden Reisen ins Leben verstärkt in der Vor- und Nachsaison. „Vor allem in der dunklen Jahreszeit“, erzählt Cossmann.

Betriebswirtschaftlich ist das Angebot für TUI nicht der große Renner: Die Zahl der Buchungen steigt langsamer als erwartet. „Wir werden damit nie reich werden“, sagt Cossmann. „Aber es ist trotzdem eine sinnvolle Geschichte.“

Andreas Heimann

DIE REISE-INFOS ZU TRAUERREISEN

Re-Bo-Reisen bietet beispielsweise unter dem Motto „Dem Fasching entfliehen“ vom 9. bis 16. Februar 2013 eine Reise nach Zypern an, die mit Flügen, 7 Ü/HP, Ausflügen und qualifizierter Trauerbegleitung ab 1180 Euro pro Person kostet. Info und Buchung unter Tel. 028 52/60 35 oder unter www.re-bo-reisen.de.

Reisen ins Leben der TUI hat u.a. vom 5. bis 12. Februar 2013 eine siebentägige Reise nach Madeira im Programm, die mit Flug, 7 Ü/HP, Ausflügen, Wanderung und Trauerbegleitung durch die Private Trauer Akademie Fritz Roth ab 1810 Euro pro Person kostet. Fragen zur Buchung werden unter Tel. 05 11/567 89 98 oder in Internet unter www.reiseinsleben.de beantwortet, Fragen zum Reiseinhalt beantwortet die Private Trauer Akademie Fritz Roth, Tel. 022 02/93581 80.

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