Revolte im Himmelreich

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Die Riegersburg thront markant auf einem Felsen über der Oststeiermark.

Schön, sehr schön war die südliche Steiermark schon immer. Rebhügel bis zum Horizont, Wald und Kürbisfelder...Doch die Gegend nahe an der Grenze zu Slowenien ist nun ein Geheimtipp unter den Genießern.

Rund um Gamlitz, Ehrenhausen und Leutschach dürfen sich Wein- und Feinschmecker liebevoll betreut fühlen, in behaglichen Vier-Sterne- Hotels, einem Dutzend Haubenlokalen und 300 Buschenschänken. Wie erklärt sich das Aufstiegswunder eines ursprünglich eher ärmlichen und abgelegenen Landstrichs? Wer hat die Speisekarten für verwöhnte Gaumen neu zusammengestellt?

Woher kam die Qualitätsexplosion der Rebensäfte, die auf internationalen Weinmessen Furore machen? „Den Sprung nach vorn verdanken wir einer Revolte der jungen Winzer und Köche“, erzählt Weinbaudirektor Werner Luttenberger.

Sauvignon blanc - mit möglichst wenig Chemie

Angefangen habe alles mit dem Weinpansch- Skandal von 1986, der damals ganz Österreich in Verruf brachte. Der Schock beschleunigte auch in der Steiermark die längst fällige Generationenablöse.

Schluss mit der Massenproduktion von Dutzendweinen, predigten die nachdrängenden Söhne, her mit intelligenteren, markanteren, frischeren Sorten. Zu den Erneuerern zählte der heutige Spitzenwinzer Hannes Sattler. Gemeinsam mit einigen Kollegen aus der Weinbauschule Siebenberg knüpfte er am Netzwerk künftiger Innovation. „Wir waren echte Freunde, die keine Geheimnisse voreinander hatten“, erzählt Sattler. Es ging um Böden, um das Mikroklima, um Gärungsmethoden, um die Lagerung des Weins in Holz oder Edelstahl, um Schädlingsbekämpfung mit möglichst wenig Chemie. Sogar die simple Frage, ob zwischen den Reben Gras wachsen soll oder nicht, stand ausgiebig zur Debatte. Antwort: Ja, denn dort finden die Schädlinge ihre angemessene Heimstatt und lassen die Weinstöcke in Ruhe. Natürlich galten die Pioniere zunächst als Phantasten und Spinner. Inzwischen jedoch dreht die gesamte Region eifrig nach modernsten vinologischen Erkenntnissen an der Qualitätsschraube. So werden alle Rebstöcke mehrmals pro Saison beschnitten. Die Lese geschieht per Hand und nicht selten in fünf oder sechs Etappen je nach Reifegrad der Traube. Bei Schlechtwettereinbruch zur Erntezeit muss jede angefaulte Beere einzeln per Hand ausgeklaubt werden.

„Steirisches Himmelreich“

Die Mühe lohnt. Vor allem die hochrangigen Weißweine – der Sauvignon blanc, der Grauburgunder und ein herrlich trockener Muskateller – haben die Weinkarten der prominentesten Restaurants in New York und Tokio erobert.

„Absatzsorgen sind uns fremd. In unseren Kellern liegen eher zu wenige als zu viele Flaschen“, freut sich Johann Dreisiebner, Obmann des steirischen Weinbauverbandes. Dass sein winziges Territorium unmöglich mit den Werbemillionen globaler Konzerne Schritt halten kann, stört ihn überhaupt nicht. Er verlässt sich ganz auf die Mundpropaganda von Weinkennern, die das Seltene suchen. Die Kellerreform war gelungen. Höchste Zeit also, auch die Küche zu revolutionieren. Seit den Tagen der Kaiserin Maria Theresia kochten die Gastbetriebe stets ein und dasselbe – Wiener Schnitzel, Schweinsbraten, Gulasch, allenfalls noch die „Klachlsuppe“ aus Schweinsfüßen, das Armeleutegericht des österreichischen Südens. In den Buschenschänken gab es zum Krug Wein Schmalzbrote und das „Verhackerte“ aus zerkleinertem Rauchfleisch und Schweinefett. Mittlerweile verblüffen prominente Haubenköche mit vergessenen Edelprodukten ihrer Heimat. Sie haben den Speck des Mangalizaschweins und den Schinken des Mastochsen wieder entdeckt. Statt faden Hühnerbrüsten aus Großfarmen schieben sie den Kapaun aus Großmutters Kochbuch ins Rohr.

Philosophie: „Unsere Eigenart pflegen“

Kreativ geht es auch in den Buschenschänken zu. Dieter Firmenich in Berghausen zum Beispiel serviert Häppchen vom geräuchertem Karpfen, Leberparfait mit Traminergelee, Kernölpesto auf Weißbrot und Dörrpflaumen im Speckhemd. Die Aufbruchstimmung scheint das ganze Musterländchen erfasst zu haben.

Gourmet-Paradies - die südliche Steiermark.

Nirgendwo eine ungemähte Wiese, ein löchriges Scheunendach, kein lieblos hingebreitetes Plastiktischtuch in der Gaststube. Vorgärten und Balkone gehen in Lupinen, Rosen, Lavendel und Rosmarin unter. An den Hauswänden klettern Glyzinien hoch. Selbst die Straßenränder wirken manikürt. Alte Burgen legen sich moderne Museen zu. „Wir haben endlich begriffen, dass wir gut leben, wenn wir unsere Eigenart pflegen“, erklärt Luttenberger die erfolgreiche Grundphilosophie. Eine strenge Bauordnung bremst rabiate Häuslbauer. Gefördert werden nicht bombastische Hotelklötze, sondern behagliche Fremdenzimmer im Winzerhaus, froschgerechte Badeteiche, schattige Wanderpfade.

Sechs Weinstraßen schlängeln sich hügelab, hügelauf zu grandiosen Aussichtspunkten. Und so hockt man denn zum Abschied hoch droben in einer Buschenschänke und streckt die Beine von sich. Aus dem Glas leuchtet goldgelb der Muskateller. Vorn laufen die Rebstöcke in adretten Reihen bis ins Tal hinunter. Aus der offenen Kellertür steigt ein Geruch von feuchter Erde. In der Luft liegt eine seltsame, fast tibetisch anmutende Melodie, das vielstimmige Klappern von großen hölzernen Windrädern, den so genannten Klapotezen, deren Hauptaufgabe das Verscheuchen der Stare ist. Spätestens in solch einem Moment begreift man, warum diese Gegend „Steirisches Himmelreich“ heißt.

Inge Santner

DIE REISE - INFOS 

REISEZIEL Die südliche Steiermark liegt an der Grenze zu Slowenien und nahe bei Kärnten. Ausflüge nach Maribor, Ljubljana, Graz, Klagenfurt etc. sind leicht einzuplanen.

ANREISE Autobahn München-Salzburg, auf der A9 Richtung Graz die Ausfahrt Vogau-Straß nehmen, dann auf der B 69 nach Gamlitz.

REISEZEIT Ende September und der ganze Oktober. Da färbt sich das Weinlaub prächtig kupferrot. Mit Wetterglück darf gerechnet werden.

REISETYP Für Allround-Genussmenschen, die Freude an schöner Landschaft, gutem Essen und exzellenten Weinen haben.

WOHNEN Von hochklassig bis billig ist alles möglich. Typisch sind die gemütlichen Quartiere beim Winzer (z.B. Weingut Dreisiebner Stammhaus in Ehrenhausen, Tel. 0043/3453/25 90, Ü/F ab 35 Euro). Den Komfort eines Vier-Sterne-Hotels bietet das Weingut Sattlerhof (Foto) bei Gamlitz mit Haubenrestaurant (Tel. 0043/3453/445 40, Ü/F ab 68 Euro. Weitere Adressen und Arrangements unter www.suedsteirischeweinstrasse.at.

KULINARISCHES Die Weinschänken offerieren ausschließlich kalte Speisen, doch diese auf höchstem Niveau. Im Gourmetrestaurant freut man sich z.B, auf Polarsaiblinge aus steirischer Zucht. WEINE An den Hängen der südsteirischen Mittelgebirgslandschaft wachsen vor allem Weißweine: fruchtig-frischer Welschriesling, duftiger Muskateller, rassiger Weißburgunder, aromatischer Sauvignon und muskulöser Chardonnay, der hier Morillon heißt. Der Sattlerhof in Gamlitz ist besonders bekannt für seinen Sauvignon blanc.

  • Tipp: 2008 Sauvignon blanc Steirische Klassik, um 14 Euro zzgl. Versand bei www.moevenpick-wein.de. Im Weingut Pongratz (Kranachberg 73, Gamlitz, Tel. 0043/3453/44 77) reicht das Sortiment vom knackigen Welschriesling bis zum eichenfassgereiften Sauvignon blanc Ried Unterhochberg.
  • Tipp: 2008 Welschriesling, um 8 Euro zzgl. Versand bei www.weinhandel-preissler.de. Dynamiker mit immer neuen Ideen sind auch die Brüder Erich und Walter Polz (Grassnitzberg 54a, Spielfeld, Tel. 0043/3453/23 01). Ihre glasklaren Weine können im gutseigenen Buschenschank verkostet werden.
  • Tipp: 2008 Morillon Klassik, um 12 Euro zzgl. Versand bei www.weingrube.com
  • Vinofaktur Südsteiermark: Genusshandlung mit über 350 Sorten Wein aus der Steiermark, dazu Essige, Öle und edle Brände. An der Mur 13, Ehrenhausen- Vogau, Tel. 0043/345/34 06 77. Online- Bestellung und Versand unter www.vinofaktur.at.

SEHENSWERT Schloss Gamlitz mit einer Dauerausstellung historischer Weinbaugeräte; Kitzeck, Österreichs höchstgelegene Weinbaugemeinde; die Ölmühle Hartlieb in Heimschuh; das Naturparkzentrum Grottenhof in Kaindorf/Sulm.

FOTOKURSE zum Thema Wein veranstaltet das Naturparkzentrum Grottenhof in Kaindorf an der Sulm. Nächster Termin: 6. bis 8. Dezember. Pauschale mit Übernachtung im Wellness-Hotel für 300 Euro. Weitere Termine ab Mai 2010. Infos unter Tel. 0043/3454/64 82, www.rebenland.at.

WEITERE INFOS Tourismusverband Gamlitz, Tel. 0043/3453-3922, www.gamlitz.at. Tourismusverband Leutschach, Tel. 0043/3454/70 70 10, www.rebenland.at.

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