Tallinn: Altes Herz und junges Leben

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Alte Mauern, junge Menschen: Tallinn, die kleinste Hauptstadt des Baltikums, lebt von den Kontrasten.

Mittelalter und Moderne: Tallinn bietet reizvolle Kontraste. Noch ist die estnische Hauptstadt ein Geheimtipp. Das soll sich ändern. 2011 ist Tallinn Europäische Kulturhauptstadt.

Doch schon heute lohnt sich die Reise, zumal Tallinn inzwischen von München per Direktflug erreichbar ist.

Schmale gotische Türme, verwinkelte rote Ziegeldächer. Dazwischen eine Jugendstilfassade mit barbusigen Ägypterinnen – wie ein Bühnenbild von Verdis „Aida“. In Tallins Altstadt, die man leicht in einer Viertelstunde durchquert, verirrt sich das Auge. In den Gassen grobes Steinpflaster, über das nur geübte Estinnen mit hochhackigen Schuhen zu schweben verstehen. Innerhalb der zwei Kilometer langen Stadtmauern mit ihren kolossalen Wehrtürmen erahnt man noch den Puls der mittelalterlichen Hansestadt. Die prächtigen Kaufmannshäuser sind teils überschminkt mit barocken und klassizistischen Fassaden. Ihr Kern aber ist bis zu 800 Jahre alt.

Eine Silhouette fast wie ein Scherenschnitt: Viele Türme prägen das Bild von Tallinn, das sich den Besuchern der Stadt am Hafen bietet.

 „In den 50ern wollte man hier alles abreißen“, erzählt Juri, der Stadtführer. Tallinn sollte aus Betonplatten neu entstehen. Heute hütet die Stadt ihr Herz, das zum Unesco-Kulturerbe gehört. Das Mittelalter wird konserviert, aufpoliert – und inszeniert. Vor der „Olden Hansa“, einem der mittelalterlichen Lokale (rechtzeitig reservieren!) laden Burgfräulein in langen Gewändern die Gäste ein. In der „Krambude“ daneben kaufen Besucher mundgeblasene Gläser und Ziegenmilch- Seife.

Über dem Eingang des gotischen Rathauses von Tallinn (das ehemalige Reval) hängt wieder das alte Staatswappen mit den drei blauen Löwen. Während der sowjetischen Besatzungszeit (1940 bis 1990) war das Symbol des Widerstands verboten.In den oberen Räumen bedecken Malereien die Wände, darunter liest man holprige altdeutsche Verse. Auch die Deutschen waren einmal Herren der Hansestadt.

Heute ist in den historischen Gebäuden rund um den Raekoja-Marktplatz vor dem Rathaus die „Fellini Pizzeria“ eingezogen und das „Maharaja India“. Schon bei den ersten Sonnenstrahlen stellen die Restaurants Stühle und Tische heraus.

Gegenüber dem Rathaus, in der rechten Ecke der Häuserzeile, versteckt sich die älteste noch betriebene Apotheke Europas. In Gläsern lagern getrocknete Bienen und Krötenbeine. Hinter der hölzernen Theke verkauft ein Heilkundiger im Leinenhemd alte Kräuterrezepturen. Der Nebenraum ist ein Mini-Museum mit kuriosen Stücken wie aus einer Hexenküche.

Die Gasse links von der Apotheke führt in Tallinns süßestes Museum, das eigentlich ein exquisiter Marzipan-Laden ist. Dort kann man den Süßwarenkünstlern auf die Finger sehen. Auf dem Tisch stehen die weißen Rohlinge. Ein paar Pinselstriche mit Lebensmittelfarbe – und sie verwandeln sich in ein Häschen oder ein Kind mit Blumenkorb. Ein hübsches Mitbringsel.

Mit etwa 400 000 Einwohnern ist Tallinn die kleinste Hauptstadt des Baltikums.

Kopfsteinpflaster-Gassen winden sich den etwa 50 Meter hohen Domberg hinauf. Dort sind die Paläste und Botschaften groß und prächtig – und auch der Blick auf die untere Altstadt. Auf dem Berg stand vor etwa 900 Jahren eine Holzburg, Handelszentrum der späteren Hansestadt. Heute ist hier der Regierungssitz. Busse mit Touristen halten vor der mit goldenen Kuppeln geschmückten russisch-orthodoxen Newsky-Kathedrale, aus der sonntags gregorianische Choräle klingen. Über den Giebeldächern kreischen die Möwen. Doch in die mittelalterlichen Mauern dringt keine Seeluft – obwohl das Meer wenige hundert Meter entfernt ist. Eine vielspurige Straße trennt die „Dicken Margarete“, den größten Wehrturm der Altstadt vom Hafen, wo täglich tausende Fährtouristen ankommen – viele aus dem nur 80 Kilometer entfernt Finnland.

Wenn Tallinn den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ trägt, sollen Meer und Stadt vereint sein. Das verspricht zumindest Laur Kaunissaare, Programmkoordinator der Stiftung „Tallinn 2011“. Gerade entsteht eine Kulturmeile am Meer, eines von vielen Projekten. „Träumt Euch was“, haben die Initiatoren die Menschen aufgefordert. In dieser Stadt fällt einem das nicht allzu schwer.

Sonja Gibis

DIE REISE-INFOS ZU TALLINN

REISEZIEL Mit etwa 400 000 einwohnern ist Tallinn die kleinste Hauptstadt des Baltikums. Die Altstadt ist ein mittelalterliches Schmuckstück.

ANREISE Die Lufthansa fliegt täglich von München nach Tallinn. Abflug ist um 19.25 Uhr, der Flug dauert knapp zweieinhalb Stunden. Preis: zirka 340 Euro. Der Flughafen Tallinn ist nur fünf Kilometer vom Zentrum entfernt.

KLIMA Tallinns Klima ähnelt dem Mittelschwedens, mit kurzen Sommern und strengen Wintern.

GELD Die Währung sind – wohl noch bis 2011 – estnische Kronen. 1 Euro sind 15,6 estnische Kronen.

SPRACHE Estnisch. Die meisten Esten sprechen aber gut englisch.

TALLINN CARD Mit dieser Ermäßigungskarte, die unterschiedlich lange gilt (z.B. 24 Etunden für 24 Euro) hat man freien Eintritt in Museen, kann die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und erhält Rabatte in Restaurants und zahlreichen Geschäften. Inklusive ist auch eine Stadtführung und -rundfahrt. Man erhält die Tallin Card in vielen Hotels, Tourismusbüros und auch am Flughafen.

GASTRO-TIPP Wer glaubt, dass die Schweinshaxen in Bayern am üppigsten sind, wird im „Kulsde Notsu Korts“ in der Nähe des Rathausplatzes (Dunkri 8) eines Besseren belehrt. Schon die rosigen Blumenkästen an der Fassade mit Rüssel und Ringelschwanz verraten die Spezialität des „Goldenen Schweinchens“.

KULTURHAUPTSTADT 2011 Das bisherige Programm der künftigen Kulturhauptstadt steht online unter www.tallinn2011.ee (auf englisch).

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