Ein Traum wird wahr

USA: Einmal kreuz, vor allem quer!

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Fast neun Meter lang, 2,50 Meter breit: unser Wohn-, Schlaf- und Küchenauto. Kein Lkw-Führerschein nötig.

Mit dem Wohnmobil von der Ost- zur Westküste. 13.789 Kilometer hat unsere Redakteur Rüdolf Bögel in einem Wohnmobil zurückgelegt...

Diesen Traum haben viele geträumt. Auf zum Pazifik! Die amerikanischen Siedler machten sich dorthin auf und quälten sich über Hunderte und Tausende Meilen durch Wälder, Wüsten und über Wiesen…

In einem der berühmtesten Western, „Spiel mir das Lied vom Tod“, war der Bau einer durchgehenden Bahnlinie von Ost nach West das zentrale Thema. Vom Atlantik zum Pazifik – manchmal muss man sich Träume erfüllen. Wir fuhren mit dem Wohnmobil von Bar Harbor in Maine/Neuengland nach San Francisco/Kalifornien. 13.789 Kilometer. Ein Ritt auf vier Reifen mit zehn Zylindern und 320 Pferdestärken unter der Haube. Und man darf es schon an dieser Stelle verraten: Manchmal übertrifft die Wirklichkeit sogar die Träume. USA – ein bisschen kreuz, aber vor allem quer – let’s go West!

10. Oktober, Mount Desert Island, Maine

Hier also fängt alles an. Eine grüne Insel am Rande des Acadia Nationalparks in Maine. Es wird der schönste Campingplatz der ganzen Reise bleiben und immer einen Platz in unseren Sehnsüchten haben. 25 Grad, Sonnenuntergänge am einsamen Strand, Rotwein, Lobster-Rolls. So schmeckt New England. Nach drei Tagen hier an der Ostküste fühlen wir uns gerüstet. Ein letzter Blick auf den Atlantik, das nächste Meer wird der Pazifik sein.

11. Oktober, Stroudsburgh, Pennsylvania

Tanken für 160 Dollar: Der V 10 von Ford läuft und läuft und säuft!

Weil wir die unendlichen Wälder und die Great Plains südlich der großen Seen schnell hinter uns haben wollen, geben wir in den ersten vier Tagen Gas. Kilometer fressen, um ins Herz Amerikas vorzustoßen. Der Indian Summer, wenn sich die Blätter im Herbst kunterbunt verfärben, hat uns den ganzen Tag begleitet. Leider auch der kaputte Highway. Amerika muss arm sein. Ein Pick-up der Sorte RAM wirbelt einen Asphaltbrocken hoch und hinterlässt einen ständig größer werdenden Sprung in der Windschutzscheibe. Das geht ja gut los, aber die ersten 600 von 2400 Meilen sind geschafft.

12. Oktober, New Paris, Ohio

Über den Atlantik geflogen, 1200 Meilen gefahren und doch nur in Paris, allerdings New Paris in Ohio. Der riesige Campingplatz ist zum Fürchten. Überall Halloween-Szenen, Gräber, Sensenmänner, böse grinsende Kürbisse, Blut. Alles künstlich natürlich. Hier ist jedes Wochenende Halloween-Party für Kinder. Wir gehen in eine Hamburger-Kneipe. Sie heißt Baumbachs.Der beste Burger, die besten Spareribs der Reise und supernette Amerikaner.

13. Oktober, Joplin, Missouri

Die nächsten 600 Meilen. Komisch, das Autofahren macht uns nichts aus. Durch die Tempolimits gibt es kaum Stress. Tempomat rein und dahingleiten in unserem Urlaubstruck, der knapp 25 Liter pro 100 Kilometer schluckt. Kleiner Trost: Der Liter kostet unter einem Dollar. Apropos Tempolimit. Es ist eine Mär, dass in den USA nur 55 Meilen pro Stunde gefahren werden darf. Häufig sind 65 Meilen erlaubt, und es gibt auch Strecken, da sind 75 Meilen möglich. Wir haben bei St. Louis den Mississippi überquert, sind nun an der Grenze zu Indiana. Morgen geht’s nach Texas.

14. Oktober, Lubbock, Texas

Mulmig ist uns an diesem Ort schon, hier gibt es die berühmtesten Sandstürme der USA, so viel Staub, dass der Tag zur Nacht wird. Aber es bleibt ruhig. Wir haben die Riesenwälder im Osten durchquert, die großen Ebenen in Illinois hinter uns gelassen. Mit gelegentlichen Ausflügen über die berühmte Route 66 geht es nach Lubbock. Hört sich nach Sheriff, Kopfgeld und Galgenvögeln an. Aber Lubbock bleibt friedlich.

15. Oktober, Carlsbad Caverns, New Mexico

Der schönste Bogen der Welt: Der Delicate Arch, ein Sandsteinbogen, ist hunderte Millionen Jahre alt.

Geschafft: 2400 Meilen Straße liegen hinter uns und eine der größten Sensationen vor uns beziehungsweise unter uns. Die Höhlen von Carlsbad bestehen aus einem ganzen System von über 100 Einzelhöhlen, bis zu 487 Meter tief, der zugängliche Teil liegt 230 Meter unter der Erde. Runter kann man einen drei Kilometer langen Pfad gehen, rauf geht’s aus Sicherheitsgründen mit dem Aufzug. Der größte Raum der Carlsbad Caverns, The Big Room, ist 550 Meter lang, hat eine mittlere Breite von 100 Metern und misst an seiner höchsten Stelle 80 Meter. Die höchste Tropfsteinsäule hat über 30 Meter. Unvergleichlich! Aber die größte Sensation wartet oben am Höhlenausgang, und zwar in der Dämmerung. Zehntausende mexikanische Freischwanzfledermäuse schwärmen jeden Abend – wie im berühmten Meat-Loaf-Song „Like a bat out of hell“ – zum Jagen aus. Man kann das Spektakel, das hoch am Himmel wie dutzende Mückenschwärme aussieht, von einem Amphitheater aus beobachten.

16. Okt., Nat.Park Guadalupe Mountains, Texas

Wir übernachten direkt im Nationalpark, weit ab von jeder Zivilisation, der nächste Ort Carlsbad ist 80 Kilometer entfernt. Der Himmel ist so groß und so weit! Big Sky sagen die Amerikaner. Weil es kaum Streulicht der Zivilisation gibt, sieht man hier einen sensationellen Sternenhimmel. Direkt neben unserem Auto beginnt der Wildpark. Hier gibt es vor allem eines: Berglöwen. Auf dem Naturpfad, auf dem wir heute gewandert sind, soll einer gewesen sein. Ein Amerikaner, der uns entgegenkam, meinte: „I smelt him“, ich habe ihn gerochen. Komisches Gefühl, auch wenn man sich die Warntafel am Beginn des Weges ins Gedächtnis ruft. „Wenn Sie einem Puma begegnen“, so lautet die Anweisung, „machen Sie sich größer als Sie sind, rudern sie mit den Armen, reden Sie laut. Schauen Sie dem Puma auf keinen Fall in die Augen, beobachten Sie ihn von der Seite und drehen Sie ihm nie den Rücken zu.“ Fast kann man den Berglöwen brüllen hören in der Einsamkeit.

17. Oktober, Albuquerque, New Mexico

Schneeweiß, trotzdem 35 Grad plus: White Sandsi heißt die Wüste mit den Gipssand-Dünen.

So toll die Übernachtung im Nationalpark war, so unbrauchbar waren die Duschen. Und Hook-ups (also Anschlüsse für Wasser, Abwasser und Strom) findet man hier überhaupt nicht. Katzenwäsche, kurzes Frühstück. Wir reiten weiter. Heute geht es an der faszinierenden Felsnase El Capitan der Guadeloupe Mountains quer durch die Wüste. Dieser charakteristische Felsen diente als Orientierungspunkt für Indianer, Abenteurer und auch die Armee. Durch die Wüste kämpfen wir uns voran, am Grenzort El Paso vorbei zum National Monument White Sands.

Diese Wüste ist berüchtigt für die erste Atombombe der Welt (Manhattan Projekt), berühmt aber auch für die riesigen weißen Sanddünen, die sich durch die Hochebene ziehen. Der Gipssand wurde von den umliegenden Bergen geweht. Verrückt: Man hat das Gefühl mitten im Winter angekommen zu sein, weil auch die Straßen weiß sind, aber wenn man aussteigt, prallen einem 35 Grad Hitze entgegen. In den nicht geschützten Bereichen haben sich Familien versammelt, bunte Sonnenschirme sind überall. Die Kinder rutschen auf Schlitten durch die weiße Sandpracht. Genauso bizarr ist das Leben auf den Sanddünen: Hier leben Mäuse, die gehen so sparsam mit der Flüssigkeit um, dass Sie nur Kristalle pinkeln.

Vorbei an Los Alamos, wo die Kernforschungsanlagen für das Manhattan Project waren, geht’s weiter zur größten Stadt New Mexicos, Albuquerque.

18. Oktober, Santa Fe/New Mexico

Huch ein Taxi: Beim standesgemäßen Surfen auf der San-Francisco-Tram ist Vorsicht angesagt.

Schnelles Frühstück bei Starbucks. Ein Segen für Europäer, denn statt Rührei, Speck, Kartoffeln und dünnem Kaffee, in dem sich allenfalls der Schatten der Bohne spiegelt, gibt es anständigen Cappuccino und noch besser: ein gutes Croissant. Das passt zu diesem Tag auf dem Weg durch den Wilden Westen. Denn Santa Fé, die dritt älteste Stadt der USA mit der ältesten Kirche Nordamerikas, hat sich vom einstigen Western-Dorado zur Vorzeigecity verändert. Rechtzeitig stoppten die Stadtväter die Zerstörung der alten Häuser, und so ist der Kern von Santa Fé fast originalgetreu erhalten geblieben. Lehmbauten mit Dachterrassen und Veranden zieren den Hauptplatz, in den begrünten Innenhöfen gibt es bezaubernde Cafés und Kneipen. Indianischer Schmuck überall, Cowboystiefel von Künstlern gestaltet – hier trifft der Kitsch die Kunst. Ein Tipp: Die besten Fajitas mit Huhn gibt es am Stand auf dem Hauptplatz.

Über Wälder (Carson National Forest) wundervolle Täler mit Ranches schrauben wir die Straße an den Ausläufern der Rockies entlang, und auf der anderen Seite wieder hinunter. Nationalpark Mesa Verde lautet unser Ziel, und mit dem letzten Tageslicht treffen wir auf dem letzten Campingplatz ein, der noch geöffnet hat. Wir müssen das Zuwasser ab 22 Uhr abklemmen. Frostgefahr.

19. Oktober, Mesa Verde, Arizona

Wer immer die Chance hat, diesen Nationalpark zu besuchen, sollte auch Umwege in Kauf nehmen. Denn hier ist etwas ganz Besonderes: Alleine die Anfahrt über sich endlos windende Serpentinen, durch lange Felstunnel hinauf zu einer Hochebene, von der aus man in jede Richtung bis zu 200 Meilen sehen kann. Toll. Hier oben ist auch ein Feuerbeobachtungsposten, sieht aus wie ein Leuchtturm. Wegen der Sicht wird hier die Wacht über die Wälder gehalten.

Der König aller Schluchten: Am Rand des Grand Canyon führt ein 12 Kilometer-Wanderweg entlang.

In dieser Hochebene, die von Schluchten zerschnitten wird, lebten ab ca. 750 nach Christus die Anasazis, zuerst auf der Ebene, dann zogen sie sich knapp 400 Jahre später plötzlich und ohne Grund in die Klippen der Canyons zurück, wo sie mehrstöckige Hochhäuser aus dem Felsen schlugen. Eine Kultur – geheimnisvoll und mystisch. Ihre Städte sehen aus wie Stein-Skylines, modern und zugleich archaisch. Irgendwann im 13. Jahrhundert schlossen sich die verstreuten Völker zusammen, um ein Denkmal, eine Kirche, eine Kultstätte (keiner weiß es) zu bauen. Es ist ein mysthisches Steinlabyrinth, das nie richtig fertig wurde. Denn mittendrin verschwanden die Anasazi unerklärlicherweise wieder aus diesem Gebiet. Ein Tipp: Die Nationalparkverwaltung unterhält an exponierter Stelle ein Hotel. Wer hier ein Zimmer bucht, dürfte mit einem der besten Rundumblicke der Welt belohnt werden.

20./21. Oktober, Moab, Utah

Ist der dick, Mann! : Ein Sequoia-Baum, tausende Jahre alt, kann nur bedingt umschlungen werden.

Und jetzt geht es Schlag auf Schlag mit den Höhepunkten. Vorbei die Zeiten als das Fahren noch das Ziel war. Wir sind am Vorabend in Moab eingetroffen, dem Einfallstor zum Mittleren Westen. Und gleich die gute Nachricht vorneweg. Moab liegt zwar im konservativen Mormonenstaat Utah, ist aber sehr liberal und unterhält sogar eine kleine Privatbrauererei.Unbedingt hingehen! Ebenfalls Pflicht ist ein Besuch im nächstgelegenen und weniger bekannten Nationalpark The Arches. Hier stehen rund 2000 rote Sandsteinbögen, 140 bis 180 Millionen Jahre alt. Hier türmen sich zerklüftete Felswände mit Riesenfenstern. Der schönste Bogen ist Delicate Arc. Man kann ihn von unten betrachten, aber noch besser ist es bei Sonnenaufgang circa eine Stunde dorthin zu wandern. Dieser Blick, als die rote Sonne ihre Strahlen durch den Bogen schickte, war einer der Höhepunkte der Reise.

Moab ist übrigens auch ein guter Ausgangspunkt für den Nationalpark Canyonlands. Hier haben sich Colorado und Green River tief in das Land eingebraben, Furchen wie von Riesenhand gemacht und eine einzigartige Mondlandschaft geschaffen. Der beste Teil des Parks: Island in the Sky, eine Hochebene, die man mit dem Auto erkunden kann.

22. Oktober, Bryce Canyon, Utah

Nach einer weiteren kalten Nacht fahren wir klamm zu der nach dem Grand Canyon wohl berühmtesten Schlucht der USA. Sie ist so unwirklich schön! Diese roten Sandsteinfelsen, die sich wie eine Säulenkaskade in die Schlucht ergießen. Die mächtigen, trutzigen Steinriesen, auf denen man spähende Komantschen vermutet. So schön kann der wilde Westen sein, riesige Blaufichten und Douglas-Tannen, rote Felswände, murmelnde Bäche, hinter der nächsten Ecke muss die Ponderosa-Ranch aus Bonanza liegen…

23. Oktober, Grand Canyon, Arizona

Die Königin der Schluchten, der Canyon aller Canyons – am Lake Powell, dort wo er noch Glen Canyon heißt, sind wir schon sprachlos. Ein eng geschnittenes Tal, mit dem Riesenhammer in den Erdboden geschlagen, vielleicht von Thor persönlich, steile Felswände, senkrechter Blick runter zum Colorado. Es kommt noch besser. Nach weiteren zwei Stunden erreichen wir den Desert-View-Eingang am South Rim und schauen dort zum ersten Mal in den unendlichen Schlund. Jetzt fliegen können! Runter zu dem blauen Fluss, der wie ein Rinnsal erscheint, über die grünen Baumoasen am Talgrund gleiten, sich von der Thermik tragen lassen an bizarren Felsformationen vorbei, die nach allen bekannten Göttern dieser Welt benannt sind, und wieder hoch über die Kante zur Landung ansetzen. Das wäre wunderbar.

24. Oktober, Grand Canyon

Heute wandern wir den Schluchtrand entlang. Der sogenannte Rim Trail ist alles in allem zwölf Kilometer lang, rentiert sich aber auf alle Fälle. Zurück geht es mit dem Bus, der alle zehn Minuten fährt. Wanderungen in den Grand Canyon hinein sind ebenfalls möglich. Doch Vorsicht! Bloß nicht leichtsinnig sein! Genau informieren, genügend Wasser mitnehmen, die meisten Touristen vergessen, dass Sie in großer Höhe (2100 Meter) sind und dass es ziemlich heiß wird. Wanderungen zum Grund des Canyons und wieder zurück sind in einem Tag nicht zu schaffen.

25./26. Oktober, Las Vegas, Nevada

Ab in die Spielerstadt! Durch die Wüste ins Lichtermeer. Wir reiten hinunter in die Ebene der Glücksritter. Weil das Wohnmobil zu groß für die Tiefgarage ist, müssen wir in zweiter Reihe hinter den Hotelpalästen, Spielbanken und Musicaltheatern parken. Laderampen, schlechte Zäune, billige Buden. Obendrüber fährt der Transrapid, in dem man quasi in zehn Minuten direkt ins Casino einsteigt. Ansonsten und im Vergleich zu vor zehn Jahren ist Las Vegas noch prächtiger und noch verschwenderischer geworden. Eines der tollsten (und vor allen Dingen kostenlosen) Spektakel ist das gigantische Wasserballett vor dem Hotel Bellagio. Musik steuert die Fontänen, die bis zu 30 Stockwerke hoch in den Himmel schießen. Wir spielen und verlieren, aber wir haben uns ein Limit gesetzt, 100 Dollar, zu zweit!

27. Oktober, Lake Isabella, California

Das war ein langer Weg! Von Vegas durch die Wüste und das berühmte Death Valley, wo im Sommer die Temperaturen schon mal auf über 50 Grad steigen. Ein Tal wie eine Mondlandschaft. Jetzt dürstet es uns nach Grün.

28./29. Okt., Sequoia Nat. Park, Kalifornien

Bärenhunger: Im Nationalpark Sequoia muss das Essen in Kästen gesperrt werden.

Orangen, Wal- und Erdnüsse, Oliven- und Granatapfelhaine. Auf den kalifornischen Plantagen wächst alles. Stundenlang fahren wir durch die Felder bis wir endlich den 1800 Meter hoch gelegenen Bergrücken erklimmen können, auf dem die größten Bäume der Welt leben. Die Sequoias. Sie sind jedoch nicht alleine hier. Sondern zum Beispiel mit den Bären. Dort wo die Zelte stehen, gibt es überall abschließbare Metallboxen. Hier müssen alle Lebensmittel aufbewahrt werden, wenn man keinen nächtlichen Raubtierbesuch provozieren will. Klingt lustig, ist es aber nicht, denn Braunbären sind nicht zimperlich bei der Nahrungssuche. Was noch schlimmer ist: Ein Raubtier, das sich einmal an die Nahrung von Menschenhand gewöhnt hat, muss erschossen werden. Denn es geht nie mehr auf die Jagd. Bärentränen!

So fühlt sich also der Platz an, auf dem die größten Bäume der Welt wachsen. Und hier steht er der Größte der Großen. Und der Älteste der Ältesten. Der Sherman-Tree, nach Schätzungen zwischen 2300 und 2700 Jahre alt. Als Jesus geboren wurde, war er schon lange da. Und wird hoffentlich noch lange da sein. Die größte Gefahr, das Fällen und Verarbeiten der Sequoias durch den Menschen, ist durch den Nationalpark-Schutz schon gebannt. Feuer kann dem Baum, der durch eine asbestartige Haut geschützt ist, auch nichts anhaben. Nein, die einzige Gefahr, die den friedlichen Riesen droht, ist die Umweltverschmutzung, vor allem vom Großraum Los Angeles. Noch ist nicht bekannt, welche Auswirkungen die Smogschichten haben, man kann nur hoffen. Und an die Waldwächter des Tolkien-Epos glauben. An die Baumbarts der alten Wälder.

Auf geht’s zum Pazifik! Wir gleiten den Bergrücken hinab, sehen am Rand der Straße sogar einen Luchs und durchqueren die kalifornischen Weinanbaugebiete. An der Morro Bay ist es so weit: Wir sind am Pazifik, endlich! Richtig schön wird es aber erst am Big Sur, dem berühmtesten Küstenabschnitt Nordkaliforniens. Hier erwartet uns völlig unerwartet eine Weltsensation. Kurz vor dem Hurst-Castle liegt ein unscheinbarer Parkplatz direkt am Meeresstrand. Darauf graue Steine, alles übersät, und in allen Größen. Doch stopp! Diese Steine hier bewegen sich. Gemächlich zwar, aber merklich. Ja, es sind See-Elefanten, zwar nur die Jungbullen, die älteren Tiere kommen später im Jahr. Dutzende, Hunderte. Diese Kolonie ist eine der größten der Welt. Sie kommen im Herbst natürlich zu Balz und Paarung, bleiben dann ein paar Monate, um sich dann wieder aus dem Staub zu machen in den Süden.

30. Oktober, Big Sur, Pacifica, Kalifornien

Kalifornische Traumküste: Am Big Sur unbedingt Campingplatz reservieren, vor allem am Wochenende!

Die Fahrt an der Steilküste entlang ist eine der schönsten dieser Reise. Wir frühstücken in Carmel am Strand mit frischen Bagels, Cream-Cheese und Kaffee. Und sind traurig, als wir so im Sand liegen, dass wir zu wenig Meer auf diesem Trip hatten. Entlang der Bucht von Monterey (Vorsicht, hier gibt es weiße Haie! Erst am Tag zuvor, ist ein Surfer angegriffen worden), hangeln wir uns die Küste entlang und fahren immer wieder durch dichte Nebelschleier. Jene berüchtigten nordkalifornischen Nebelbänke, die die großen Entdecker zur Verzweiflung getrieben haben, als sie den Eingang zur Bucht von San Francisco gesucht haben. Der Schleier wird immer dichter, und auch Pacifica, unsere letzte Station vor San Francisco bleibt zunächst verborgen. Nichtsdestotrotz leisten wir uns einen Platz in der ersten Reihe und vertrauen darauf, dass der Nebel sich bis zum Abend und zum Sonnenuntergang lüftet. Und er tut es: Vor uns zwei Gläser Rotwein, das Meer und der glutrote Sonnenball, der eintunkt und uns mit seinen letzten Strahlen Wehmut schickt. Die letzte Nacht im Wohnmobil lässt uns sentimental werden. Morgen werden wir den treuen Gefährten verlassen, der uns nie im Stich gelassen hat.

31. Oktober, San Francisco, Kalifornien

Vollbracht: Redakteur Rudolf Bögel am Pazifik. Dort ist auch der weiße Hai zuhause, siehe Schild.

Wäre es inszeniert worden, wir hätten dem Regisseur zu seiner Leistung gratuliert. Durch bleiernen Nebel fahren wir durch San Francisco zur Golden Gate Bridge. Wir überqueren sie, sehen etwas mehr als die Handbreit vor dem Auto und parken am Visitor Center. Hätte nur noch der Walkürenritt von Wagner gefehlt, um diese Kulissenschieberei adäquat zu unterstreichen. Zunächst hören wir nur das dumpfe Hupen der Schiffshörner, dann beginnt der Nebel zu fließen, läuft wie ein Wasserfall über die Golden Gate Bridge und lässt sie wie schwebend aus den fließenden Massen aufsteigen. Gleichzeitig verschwindet der Nebel. In der Ferne, fast wie eine Fata Morgana, sehen wir die Wolkenkratzer auf der anderen Seite der Bucht, das Transamerica-Building mit der Pyramiden-Spitze. Wir sind da. Wir haben Amerika durchquert. Als wir von Bar Harbor auf die See blickten, schauten wir nach Europa, nun liegt Japan ganz weit weg vor uns. Unvorstellbar!

1. November, San Francisco

Im Kimpton Inn am Hafen genießen wir die letzten Tage, bummeln durch die Stadt, gehen in den alten Werften essen, surfen auf der Trambahn. Tolle Stadt, dennoch schleicht sich die Sehnsucht nach dem Asphalt wieder an. Die Straßen von Amerika, wenn einen dieser Virus mal gepackt hat, gibt es kaum Aussicht auf Heilung. Und das ist gut so!

RDF

Sieben Wichtige Tipps für diesen Trip

Reisespezialist für Kanada und die USA: Canusa. Perfekte Beratung und gute Vorort-Kenntnisse. Internet: www.canusa.de, das Münchner Büro per E-Mail: muc@canusa.de, Telefon: 089/8980780.

Camper-Vermietung: Cruise America. Sind günstiger als die Konkurrenz, haben aber auch das höchste Durchschnittsalter der Flotte.

Campingplätze: Gibt es ausreichend. Die schönen sind in der Hochsaison oft ausgebucht, also im Internet vorbuchen. Guten Standard haben die Campgrounds, die der Vereinigung K.O.A angehören. Es gibt sie fast überall, sie liegen aber teilweise auch direkt neben Highways. Ideal für die Durchreise. Sehr sauber. Wer genauer einsteigen will in die Campingplatzsuche sollte sich das Verzeichnis von „Woodalls“ besorgen. Aber Vorsicht: Ist ein wirklich fetter Katalog (Reisegewicht). Dafür steht aber vermutlich jeder amerikanische Campingplatz drin.

Beste Reisezeit: September/Oktober. Ab Mitte Oktober kann es schon sehr kalt werden, nicht nur in Maine, sondern auch in den hoch gelegenen Wüsten- und Gebirgsregionen von Utah und Arizona. Camper mit Standheizung nehmen.

Internet: Wenn man will, kann man einen Stick mitnehmen und sowohl bei AT&T als auch bei der Telekom einen Prepaid-Chip besorgen. Ist aber nicht nötig, die meisten Campingplätze bieten kostenloses W-Lan. Wer jetzt aufstöhnt und sagt: Ich brauch doch im Urlaub kein Internet – Vorsicht! Campingplätze in den Nationalparks oder am Big Sur sollte man vorbuchen.

Nationalparks: Wenn man vorhat, mehrere Nationalparks zu besuchen, dann sollt man sich am besten einen ein Jahr gültigen Nationalparkpass besorgen. Am besten beim ersten Visitor Center, das man aufsucht. Er kostet zwar 80 Dollar, spart aber jede Menge Geld und Zeit, weil man sich keine weiteren Eintrittskarten besorgen muss.

Geld: Bargeld lacht wieder in den Staaten. Tankstellen gewähren sogar Rabatt, wenn man bar zahlt. Kreditkarten werden dort auch gerne genommen, allerdings wollen die meisten Tanken jetzt den PIN-Code haben. Daran denken: EC-Karte für die USA freischalten lassen, viele Banken haben eine USA-Sperre. Das Gleiche gilt für die Kreditkarte, sie ist nicht automatisch für die USA gültig. Nicht dass Sie am Ende ohne Geld dastehen.

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