Auszeichnung wurde erstmals vergeben

Der Mann mit dem dicken Fell

+
Ende Mai bekam Daniel Piechaczek (Mitte) seine Urkunde von DEB-Präsident Franz Reindl (links) und Gerhard Lichtnecker, Schiedsrichter-Obmann des Verbands, überreicht.

Landsberg – Der HC Landsberg ist in der abgelaufenen Eishockeysaison frühzeitig aus dem Meisterschaftsrennen ausgeschieden. Doch heimlich, still und leise wanderte ein anderer Titel an den Lech, sogar ein nationaler: Daniel Piechaczek ist Deutschlands Eishockey-Schiedsrichter der Saison 2015/16. Der 41-Jährige hat sein Hobby zum Beruf gemacht und ist einer von drei Profi-Referees, die sich die Deutsche Eishockey Liga, die DEL, leistet. Im Gespräch mit dem KREISBOTE gibt der Landsberger, der jährlich an die 100 Partien in und außerhalb der ganzen Bundesrepublik leitet, Einblicke über seinen Berufsalltag, Gepflogenheiten auf dem Eis und seine nächsten großen Ziele.

Landsbergs Eishockeyfans erwachen gerade erst wieder aus ihrem „Sommerschlaf“. Die Schals und Trikots sind noch im Schrank verstaut, das Eis in der Eissporthalle ist noch ganz frisch. Doch hinter den Kulissen herrscht emsiges Treiben: Längst schwitzen die Kufen-Cracks wieder beim Sommertraining. Das gilt auch für Daniel Piechaczek aus Landsberg. Bereits seit dem Jahr 2007 ist er einer von heute drei Profi-Schiedsrichtern im deutschen Eishockey. „Meine Saisonvorbereitung ist der eines Spielers nicht unähnlich“, gibt der Berufs-Referee Einblicke in seinen Sommer-Fahrplan. „Ein, zwei, drei Wochen Auszeit“ habe es nach der abgelaufenen Spielzeit bedurft, um mal „alles sacken zu lassen“. Doch dann ging es schnell wieder zur Sache. „Konditionell und in Sachen Fitness wird einem schon einiges abverlangt“, beschreibt der 41-Jährige. „Man muss am Ball bleiben und auf seine Ernährung und Gesundheit achten.“

Das tut Piechaczek – und zwar so gut, dass er seiner Leidenschaft hauptberuflich nachgehen kann und darf. Bis zu 100 Partien leitet der Eishockey-En­thusiast pro Saison. Insbesondere in der DEL, der höchsten deutschen Liga, bei der er auch unter Vertrag steht. Daneben sind internationale Turniere die großen Highlights im Kalender des Mannes in schwarz-weiß. Bei der U20-WM im Dezember 2015 in Finnland pfiff er ein Viertel- und Halbfinalspiel. Auch für einen Veteranen, der seit seinem Einstieg 1998 die Leitung von rund 1.100 Spielen inne hatte, ein besonderer Moment: Die weltbesten Talente, die „prospects“, hätten „richtig tolles Eishockey“ geboten. Auch bei der Herren-A-WM schnürt Piechaczek immer wieder seine Schlittschuhe, zuletzt 2016 in Russland. Daneben finden sich acht Einsätze im Rahmen eines Austauschprogramms in der russischen Liga, der KHL, in Piechaczeks Vita. In der Moskauer Ecke, St. Petersburg und Zagreb, eine Enklave des transnationalen russischen Wettbewerbs, wurde der deutsche Vorzeige-Unparteiischen unter anderem aufgeboten.

Nun also die Auszeichnung zum „Schiedsrichter der Saison“, die Ende Mai in Ratingen und überhaupt verliehen wurde. „Wir haben sehr viele gute Schiedsrichter in Deutschland, als dementsprechend groß empfinde ich die Ehre, dass die Wahl auf mich gefallen ist“, freut sich Piechaczek. Dass die eigentlich geplante Überraschung bei der Übergabe schon vorab vermasselt worden war, schmälerte die Freude nicht: Eine Sekretärin von DEB-Präsident Franz Reindl hatte das Unterfangen versehentlich auffliegen lassen, als sie dem designierten Preisträger die Bahntickets aushändigte.

Doch natürlich ist auch ein Spitzen-Schiri in einer rasanten Sportart wie dem Eishockey nicht vor falschen Entscheidungen gefeit. Das weiß auch der Geehrte selbst. „Wir sind alle nur Menschen, die Fehler machen.“ Sich nicht zu lange zu grämen, habe er erst lernen müssen. „Das gelingt mir immer besser. Dennoch betreibe ich natürlich intensive Fehler­ursachenforschung und setze mich aktiv damit auseinander.“ Teils im Zusammenspiel mit Ehefrau Bianca, die Piechaczeks Faible fürs Eishockey und das Schiedsrichterwesen teilt. Sachlich und ganz ohne Dissonanzen gelängen diese Diskussionen. Überhaupt, Videoschulungen seien sein „täglich Brot“, beschreibt der Wahl-Landsberger, der seit 2014 als Kontingent-Schiedsrichter für die Riverkings pfeift und dies „definitiv“ auch weiterhin tun wird. Mit einigen Machern des Vereins pflege er enge Freundschaften und „es erfüllt mich mit Freude, diesen Verein weltweit zu vertreten.“

Und wenn der Unparteiische nicht weltweit unterwegs ist, kommt die Welt eben zu ihm. Denn im Eishockey geht es nicht nur bisweilen ruppig, sondern auch sehr international zu. Wie verständigt sich ein DEL-Schiedsrichter bei dieser Vielzahl an Spielern aus aller Herren Länder? „Mit Deutschen spreche ich natürlich deutsch, mit allen anderen klappts auf Englisch.“ Dass es auch mal laut und emotional werde – von den Rängen und auf dem Eis, sei normal. „Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt. Man kann auch einmal etwas bewusst überhören und darf nicht alles persönlich nehmen.“ Doch irgendwann gelte es natürlich auch, einen Schlussstrich zu ziehen.

Was macht für Piechaczek selbst überhaupt den Reiz am Eishockey, dem er sich so derart verschrieben hat, und der Schiedsrichterei aus? Es sei einfach ein „toller Sport“, dem er, nachdem absehbar war, dass es als Spieler „irgendwann nimmer gelangt hat“, erhalten bleiben wollte, erklärt der 41-Jährige, der sämtliche Nachwuchsteams in Geretsried durchlaufen hat. Als sich dann die Chance ergab, als Referee einzusteigen, habe er diese am Schopf gepackt und bis heute nicht bereut.

Ähnliches kann sich Piechaczek, der mindestens noch in der kommenden Saison als Profi-Schiedsrichter auf den Eisflächen unterwegs sein wird, auch für die fernere Zukunft vorstellen. Ob er als Funktionär, Schiedsrichter-Beobachter oder -ausbilder seiner Materie treu bleiben will, weiß er noch nicht. Auch eine Rückkehr in den alten Beruf als Diplom-Ingenieur oder gelernter Industrie-Mechaniker sei denkbar.

So oder so gilt das volle Augenmerk aber vorerst den anstehenden sportlichen Aufgaben: Die Herren-WM im Sommer 2017 in Paris und Köln sei definitiv ein reizvolles Ziel, ebenso die Teilnahme an Olympia. In Sotschi 2014 war Piechaczek bereits dabei, nun lockt die Aussicht auf die Spiele 2018 in Südkorea. Doch erst einmal ruft das Tagesgeschäft. Während der HCL Mitte September noch mitten in der Testphase steckt, geht es in der DEL dann schon wieder um Punkte – mit Deutschlands bestem Eishockeyschiedsrichter mittendrin.

Rasso Schorer

Meistgelesene Artikel

Befreiungsschlag misslingt

Landsberg – Im letzten Spiel des Jahres bringt der TSV Landsberg eine Führung trotz halbstündiger Überzahl nicht über die Zeit. Damit überwintert die …
Befreiungsschlag misslingt

Ein wichtiger Schritt

Landsberg – Nach einer bisher wenig erfolgreichen Saison trat das DJK-Team der Landsberger Basketball-Damen unter Coach Sascha Kharchenkov vor Kurzem …
Ein wichtiger Schritt

"Wunderbare Vorbilder"

Landsberg – Im großen Sitzungssaal des Landratsamts Landsberg wurden auf der diesjährigen Sportlerehrung des Landkreises 83 Sportler und Funktionäre …
"Wunderbare Vorbilder"

Kommentare