Silber bei der U16-Europameisterschaft

"Ich brauche den Ball in der Hand"

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Leonie Fiebich (am Ball) und das deutsche Team waren bis zum Finale kaum aufzuhalten.

Landsberg – Während den Olympischen Spielen kam es wieder vermehrt auf den Tisch: Zu viele Sportarten in Deutschland fristen neben König Fußball ein Schattendasein. Geht es um den Damenbereich, fallen meist sogar noch weniger Krümel an Aufmerksamkeit ab. Der vorliegende Artikel widmet sich einer jungen Frau, die für ihre große Passion einiges an Mühen auf sich nimmt und dafür jüngst mit dem Vize-Europameistertitel im Basketball und einer hohen persönlichen Auszeichnung belohnt wurde. Vorhang auf für Leonie Fiebich, U16-Nationalspielerin aus Landsberg.

„Wir haben Geschichte geschrieben.“ Diese Erkenntnis hat zwar gebraucht, um ins Bewusstsein von Leonie Fiebich durchzusickern, doch mittlerweile ist die Enttäuschung, am noch größeren Wurf gescheitert zu sein, der Freude gewichen. Denn die Landsbergerin hat mit der U16-Basketballnationalmannschaft etwas vollbracht, das bisher noch keinem anderen deutschen Team geglückt ist: Den Gewinn des Vize-Europameistertitels im italienischen Udine. Einen großen Beitrag zu diesem Coup leistete Fiebich, die anschließend zu einem der All-Stars des Turniers gekürt wurde.

„Klar ist das cool“, freut sie sich über die Auszeichnung, „doch der Teamerfolg ist wichtiger“. Überhaupt habe das Kollektiv auf dem Weg zum Triumph eine ganz wichtige Rolle gespielt: „Jeder hat sich mit Jedem verstanden“, beschreibt sie den harmonisch-fokussierten Spirit im Team. Das Erfolgsrezept? „Wir waren sehr athletisch, konnten rennen, hatten aber auch große Spielerinnen dabei und eine gute Team-Defense.“ Bei der EM im Vorjahr war es noch vorrangig darum gegangenen, den Klassenerhalt in der A-Division zu fixieren, nun gelang sensationell der Finaleinzug. Für Fiebich keine allzu große Überraschung: „Die Trainer haben von Spiel zu Spiel geschaut aber mein Ziel war von Anfang an das Treppchen oder zumindest das Halbfinale.“ Weniger konkret waren ihre Vorgaben an sich selbst: „Ich wollte einfach nur alles geben und zeigen, was ich kann.“

Das gelang über weite Strecken exzellent, auf dem Weg ins Halbfinale gehörte Fiebich zu Deutschlands herausragenden Akteurinnen. Doch irgendwann war die Luft raus: „Nach dem Halbfinale war der Akku gefühlt nur noch zu zehn Prozent voll. Nach dem Finale hatte ich überhaupt keine Energie mehr. Das war wirklich schwierig.“ Bei sieben Spielen und täglichen Trainingseinheiten in neun Tagen verständlich. Fiebichs Punkteschnitt ließ deutlich nach, im Endspiel gegen Spanien, das mit 48:62 verloren ging, markierte sie nur noch drei Zähler. „Sie haben von Anfang an eine Spielerin auf mich abgestellt, die mich gezwickt und irritiert hat. Ich hatte keine Kraft mehr, mich durchzusetzen“, gibt sich die 16-Jährige, die die Ibererinnen in der Vorrunde noch mit 21 Punkten fast im Alleingang geknackt hatte, selbstkritisch.

Selbstkritisch ist die Landsberger Internationale, die mit der Nummer 13, die sie von Papa Matthias übernommen hat, aufläuft, auch beim Blick auf ihr Skillset: „Ich bin athletisch, wendig und vielseitig einsetzbar“, ist sich die 1,92 Meter große Fiebich ihrer Stärken bewusst. „Ich ziehe gerne zum Korb und spiele gute Pässe. Allerdings muss ich öfter werfen, meine linke Hand verbessern und Muskelmasse aufbauen.“ Diese Baustellen beackert sie fleißig, ein individuelles Fitness­programm sowie wöchentliches Einzeltraining mit Nationaltrainer Imre Szittya stehen auf dem Stundenplan. Und zwar neben drei wöchentlichen Einheiten bei der TS Jahn in München.

Dorthin war Fiebich im vergangenen Jahr gewechselt, nachdem ihr der Teich beim Landsberger Heimatverein DJK zu klein geworden war. In der abgelaufenen Saison kam sie in der WNBL, der höchsten weiblichen Nachwuchs-Spielklasse, zum Einsatz. Am Ende landeten die Landeshauptstädterinnen beim Final4 in der, mit 400 Zuschauern gefüllten, eigenen Halle auf dem 3. deutschen Platz. Nun nimmt Fiebich den Sprung in den Erwachsenen-Bereich in Angriff und stellt sich auf die deutlich härtere Gangart der 2. Bundesliga ein. „Da geht es ganz schön zu. Schon in der Bayernliga, in der ich mit Landsberg gespielt habe, wussten die älteren ‚Füchse‘, wie sie eine junge Spielerin aus dem Konzept bringen.“

Tipps, um sich darauf einzustellen, kann Fiebich sich in der Familie holen: „Tante, Onkel, Bruder, Papa, alle spielen Basketball“, verrät die Jugendliche, für die sich nie die Frage stellte, welche Sportart sie ergreifen wolle. Mit fünf Jahren fing sie an, im Verein zu trainieren, seitdem ist die Liebe zum Basketball ungebrochen. „Du musst mit allem rechnen. Eine deutliche Führung kann schnell weg sein. Es gibt kein Rumstehen, es geht ständig auf und ab. Das macht einfach Spaß.“ Verständlich, dass die vom Trainerstab verordnete dreiwöchige Pause nach der EM nicht ganz einfach einzuhalten ist. „Ich habe schon gemerkt, dass ich mal wieder den Ball in der Hand brauche. Es fehlt gerade ein Stück Lebensinhalt.“

Dass diese große Leidenschaft auch Opfer mit sich bringt, liegt auf der Hand. Das Gitarrespielen hat Fiebich aufgegeben, die Freizeit ist teils arg beschnitten. „Aber ich mache das gerne.“ Schwieriger stellt sich das im Zusammenspiel mit der Schule dar. Denn die ginge nun einmal vor, ab sofort besucht Fiebich die FOS. Diesen Spagat zu meistern, dürfte eine der großen Aufgabe der kommenden Wochen werden.

Denn: „Geld als Basketballspielerin zu verdienen, schaffen nur ganz wenige“. Nach dem Abitur auf ein College in den USA zu wechseln, sei aber eine Option. Ans Englisch-Sprechen müsste Fiebich sich dann allerdings gewöhnen. Als bei der EM nach einem Spiel auf einmal Interviews zu geben waren, sei das schon eine spezielle Erfahrung gewesen. „Da war ich völlig überfordert“, lacht sie. Ihre, bei dieser Gelegenheit kreierte, Wortschöpfung des „Rock‘n‘Roll-Teams“ begleitete die deutschen Equipe bis zum Turnierende.

Wie viel Rock‘n‘Roll in der nächsthöheren Altersstufe, der U18, in ihr und dem Nationalteam steckt, wird Fiebich bei der EM 2017 unter Beweis stellen. Allerdings nur in der zweitklassigen B-Division. Wie heftig fällt diese Rolle rückwärts aus? „Der Aufstieg ist definitiv das Ziel“, stellt Fiebich klar. Denn dann bestünde die Chance, sich 2018 mit einer Top-3-EM-Platzierung für die U19-WM im Jahr 2019 zu qualifizieren. Ein echter Traum für die Landsbergerin und ein erneut großer Erfolg für den deutschen Basketball.

Rasso Schorer

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