Kinski wäre 90: Darf man ein Scheusal bewundern?

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Der Schauspieler Klaus Kinski in einer Szene des Films "Nosferatu in Venedig" (Archivfoto von 1986). Foto: Metropol Film

Zu seinem 80. Geburtstag vor zehn Jahren wurde der 1991 gestorbene Klaus Kinski noch als Schauspielgenie gefeiert. Zu seinem 90. an diesem Dienstag stellt sich die Frage: Darf man die künstlerische Leistung eines mutmaßlichen Verbrechers noch bewundern?

Berlin (dpa) - Man hätte hellhörig werden können. 1977 trat Klaus Kinski in der Talkshow "Je später der Abend" auf. Es waren andere Zeiten, was man schon daran sieht, dass sowohl Kinski als auch der Moderator Reinhard Münchenhagen rauchten.

Kinski sprach ihn mehrfach als "Münchhausen" an, pöbelte in gewohnter Manier gegen das Publikum - das ihn gleichwohl beklatschte - und irgendwann sagte er dann: "Hier kommen Sie ins Gefängnis, wenn Sie mit einem zwölfjährigen oder vierzehnjährigen Mädchen schlafen, im Orient verheiraten sie sich mit elf Jahren. Was ist das für ein Unsinn?".

Damals konnte man einen solchen Satz im deutschen Fernsehen offenbar sagen, zumindest wenn man Klaus Kinski war. Er war das exzentrische Schauspielgenie, nach seinem Tod 1991 in Kalifornien nahm der Ruhm eher noch zu. Sicher wäre er auch jetzt wieder, zu seinem 90. Geburtstag am Dienstag (18. Oktober), gebührend gefeiert worden, wenn 2013 nicht etwas geschehen wäre: Seine Tochter Pola, geboren 1952 in Berlin, bezichtigte ihn des schweren sexuellen Missbrauchs. Die Übergriffe begannen demnach, als sie fünf Jahre alt war und endeten erst mit 19.

Klaus Kinski kann sich nicht mehr verteidigen. Die Schilderung von Pola Kinski wurde jedoch allgemein als glaubwürdig empfunden und mittlerweile auch durch Vorwürfe anderer Frauen untermauert. So erklärte seine zweite Tochter Nastassja Kinski, er habe auch sie mit Annäherungsversuchen belästigt, als sie vier oder fünf Jahre alt gewesen sei. "99 Prozent der Zeit hatte ich fürchterliche Angst vor ihm. Er war so unberechenbar, hat die Familie immer terrorisiert." Würde er heute noch leben, würde sie alles dafür tun, ihn hinter Gitter zu bringen. Auch die Moderatorin Désirée Nosbusch berichtete, sie sei als 15-Jährige während eines Interviews von ihm bedrängt und dann in einer Waldhütte eingesperrt worden.

Dass Klaus Kinski im Umgang alles andere als angenehm war, wusste man auch schon vor den Enthüllungen. Dafür muss man sich bei Youtube nur mal den Mitschnitt eines seiner Tobsuchtsanfälle am Set von "Fitzcarraldo" ansehen. "Gegen Schluss der Dreharbeiten boten mir die Indianer an, dass sie den Kinski ermorden würden für mich", erinnerte sich der Regisseur Werner Herzog später in einem TV-Interview. "Sie sagten: "Sollen wir ihn töten für dich?" Die waren ganz ernst, sie hätten ihn tatsächlich ermordet, wenn ich das gewollt hätte."

Ist es jetzt noch erlaubt, den Schauspieler Kinski zu bewundern? Es hat unter großen Künstlern manches Scheusal und sehr viele Egomanen gegeben. Für Kinskis Opfer ist es allerdings nicht möglich, das Leben vom Werk abzukoppeln. "Wenn ich ihn in Filmen gesehen habe, fand ich immer, dass er genauso ist wie zu Hause", sagte Pola Kinski in einem "Stern"-Interview. Sie habe ihr Buch geschrieben, weil sie es nicht mehr habe ertragen können, dass Kinski immer mehr zum Genie, zum Sensiblen hochgejubelt worden sei. Tatsächlich wurde in den Würdigungen, die vor zehn Jahren zu seinem 80. Geburtstag erschienen, häufig der öffentliche Rüpel mit dem "sensiblen Privatmann" kontrastiert.

Kinski hatte auf der Kinoleinwand ohne Zweifel eine Präsenz, wie sie nur von wenigen erreicht worden ist. Aber in seiner Paraderolle als skrupelloser Verbrecher mit dem irren Blick musste er sich womöglich weniger verstellen als man es zu seinen Lebzeiten für möglich gehalten hätte.

"Je schöner der Abend" mit Klaus Kinski von 1977

Wutausbruch am Filmset von "Fitzcarraldo"

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