Darum vermisst Stuttgart seine Bordelle

Stuttgart - Die Betten werden nicht vermessen - wohl aber die Zimmer für die “käufliche Liebe“. Die Stadt Stuttgart jagt nach einer neuen Steuer. Und die ist nicht ganz unumstritten.

Bärtige zahlten in Russland, Perückenträger und Jungfrauen einst in Preußen, selbst Streichhölzer und Spielkarten kosteten schon extra. Der Erfindungsreichtum bei Steuern war von jeher groß. In Stuttgart werden städtische Mitarbeiter bald mit dem Zollstock unterwegs sein. Bordellsteuer heißt das neue Projekt, und es stellt die Mitarbeiter der Stadtverwaltung vor eine echte Herausforderung. Denn das “horizontale Gewerbe“ ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen. “Rote Laternen wären bei manchen Räumen nicht schlecht“, sagt der zuständige Abteilungsleiter Rolf Kiener.

Abkassiert wird für alle Flächen, die dem erotischen Vergnügen dienen, erklärt der Fachmann. Und das nicht mehr nur in Striplokalen und Sexkinos, sondern eben auch bei Bordellen und kleinsten Ein-Frau-Etablissements. Wo es mit “Anbahnung und Vollzug“ zur Sache geht, sind laut Kiener zehn Euro pro Monat und Quadratmeter fällig. Reine Theken, Toiletten und Büros bleiben außen vor - trotzdem kommt da schnell was zusammen. 150 Quadratmeter Vergnügungsfläche kosten demnach 18 000 Euro im Jahr, und selbst ein Räumchen mit 17 Quadratmetern summiert sich auf gut 2000 Euro. “Begeisterung löst das nicht aus“, räumt Kiener ein.

Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg hatte im Februar 2011 entschieden, dass der Betreiber eines Bordells zur Vergnügungssteuer herangezogen werden kann. Allerdings sind die Anlaufstationen für lustvolle Stunden bisweilen schwer zu finden. Das Internet wird für die Stadt zur wertvollen Quelle. Doch: “Das erste Problem war ja, dass solche Seiten für uns als städtische Mitarbeiter normalerweise gar nicht frei sind“, berichtet Kiener. Mit der Sondergenehmigung kamen große Augen. “Es ist erstaunlich, was es da so alles gibt.“

Wer den städtischen Mitarbeitern einmal aufgefallen ist, bekommt zunächst Post. Weist er seine Sexflächen nicht freiwillig mit maßstabsgerechtem Grundrissplan nach, wird vermessen. Die Mitarbeiter gehen immer zu zweit, schon aus Sicherheitsgründen. Um peinliche Momente zu vermeiden, wird der Besuch vorher angekündigt. “Man will ja nicht da rein müssen, wenn der Betrieb läuft“, sagt Kiener.

14,5 Milliarden Euro werden nach Schätzungen von Schwester Lea Ackermann, Chefin des Frauenhilfevereins SOLWODI, deutschlandweit mit Sex umgesetzt. Keine Kleinigkeit. Hochrechnungen zu den möglichen Steuereinnahmen in Stuttgart hat Kiener noch nicht. “Wir sind noch ziemlich am Anfang.“

Pforzheim verzichtet lieber auf die Bordellsteuer und bittet auch künftig nur Pornokinos und Tabledance-Schuppen zur Kasse. Bei der Prostitution sei das Verhältnis von Aufwand und Einnahmen zu schlecht, sagt ein Stadtsprecher. “Wir haben eigentlich keine großen Bordelle.“ Was es gebe, sei Prostitution im Privaten und auf der Straße - häufig wechselnd und kaum zu erheben. Es sei da schließlich schwer festzustellen, ob ein Geschlechtsakt stattgefunden habe oder nicht. Der Sprecher sieht noch ein anderes Problem: “Durch die Besteuerung würde man die Prostituierten eventuell auf die Straße drängen.“

dpa

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