Twitter und Facebook

Amoklauf in München: Die fatalen Meldungen in sozialen Netzwerken

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München - Sie sind Fluch und Segen zugleich: Über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter verbreiteten sich schon während des Amoklaufs nützliche Informationen – aber auch Fehlmeldungen mit teils fatalen Folgen.

„Haut ab, versteckt euch irgendwo, Schießerei in der Fußgängerzone!“ Beim Eisessen mit ihren Kindern nahe des Isartors erreichte Eva S. diese Nachricht am Freitagabend über den Kurznachrichtendienst Twitter. „Mir wurde ganz schlecht“, sagt die Münchnerin. Schnell ging sie mit ihren Kindern nach Hause. „Mir klopfte das Herz bis zum Hals“, erinnert sich die 37-Jährige. Und ständig blinkten neue Hiobsbotschaften auf ihrem Handy. „Ich hab’ erst mal geheult, als wir zuhause waren.“ So wie ihr ging es Freitagnacht vielen.

Blitzschnell verbreiteten sich Nachrichten von den Schüssen am Olympiaeinkaufszentrum dank Handys und sozialer Netzwerke in München und in der ganzen Welt. Bei Twitter liefen im Achtelsekundentakt unter dem Hashtag #OEZ Neuigkeiten ein. Bald schon kursierte ein Video vom schießenden Täter, Bilder von Flüchtenden und von schwerbewaffneten Polizisten.

Auch Polizei nutzt Twitter und Facebook

Auf Twitter verbreitete sich die Nachricht rasend schnell.

Auch die offiziellen Stellen nutzten ausgiebig ihren Zugang zu den Netzwerken, um zu informieren: Die Polizei verbreitete aktuelle Entwicklungen und Hinweise in mehreren Sprachen und nutzte selbst Bilder und Videos von Privatpersonen für ihre Arbeit. MVG und Bahn informierten, als der Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel eingestellt und als er wieder aufgenommen wurde. Die Stadt München verbreitete nochmals alle wichtigen Nachrichten der Behörden. Und auf Facebook konnte man via „Safety check“ seine Freunde unkompliziert informieren, dass man in Sicherheit ist.

Doch schnell offenbarten sich die Schattenseiten der Netzwerke und ihrer Offenheit für jeden. Nachrichten von und Warnungen vor weiteren Schüssen in der Stadt, am Stachus, am Isartor, am Tollwood wurden im Netz gestreut. Auch erste schockierende Bilder – angeblich vom Inneren des Olympiaeinkaufszentrums – verbreiteten sich. Zu sehen: Leichen und meterlange Blutspuren. Kurz darauf der Hinweis: Die Bilder stammen von einem Anschlag in einem Einkaufszentrum in Südafrika.

Spekulationen und Gerüchte machten die Runde, rechte Parolen und linke Entgegnungen. Teile der AfD nutzen die Vorfälle, um Stimmung gegen Merkel zu machen und für sich zu werben. Und immer wieder: Fehlmeldungen über weitere Schüsse in der Stadt.

Gezielt in die Irre geführt?

Für die Sicherheitsbehörden ist der Umgang mit den Panik-Alarmen und womöglich falschen Fährten heikel. In Zeiten hoher Terrorgefahr ist die Polizei für Hinweise dankbar, Wachsamkeit kann Leben retten. Trotzdem wollen die Behörden im Nachgang prüfen, ob sie via Twitter oder bei einem der über 4300 Notrufe gezielt in die Irre geführt wurden.

„Wir werden versuchen, das einigermaßen nachzuvollziehen“, sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Zu viel „Blödsinn“ werde in den Netzwerken zu den Einsätzen verbreitet. In München war Freitagnacht genug Polizei in der Stadt, um zu Fehlalarmen zum Isartor oder zum Stachus zu rasen, wo Leute Schüsse gemeldet hatten. Stellt man sich eine Amoklage auf dem Land vor, wo die Streifen vor Ort aufgeteilt werden müssen, kann eine zum Fehlalarm rasende Einheit fatal sein. „Ein bewusst falscher Anruf, ein dummer Scherz, gefährdet das Leben anderer“, mahnt Herrmann. „Wir müssen das ernst nehmen.“

Justizminister Winfried Bausback (CSU) sagt, wer in solch kritischen Lagen „bewusst mit Irrlichtern um sich wirft, die so wertvolle Polizeiarbeit behindert und das Sicherheitsgefühl unserer Bevölkerung derartig massiv und niederträchtig beeinträchtigt, handelt nicht nur völlig unverantwortlich – er macht sich auch strafbar.“ Die Justiz werde die Gesetze entschlossen anwenden „und alles dafür tun, dass die Täter konsequent verfolgt und bestraft werden“.

Alle Entwicklungen zum Amoklauf in München erfahren Sie in unserem aktuellen News-Ticker.

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