Fall Kalinka: Justizkrimi wird neu aufgerollt

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Der Arzt Paul Christian Dieter K. wartet am 16.07.2007 im Landgerichts in Coburg auf den Prozessbeginn. Im Pariser Justizpalast wird von Dienstag (29.03.2011) an einer der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre neu aufgerollt: der Fall Kalinka.

Paris - Der Justizkrimi um den Tod der 14-Jährigen Kalinka wird neu aufgerollt. Der deutsche Arzt Dieter K. muss sich deshalb vor einem Pariser Gericht verantworten. Hat er den Tod zu verantworten?

Im Pariser Justizpalast wird von Dienstag (29. März) an einer der spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre neu aufgerollt: der Fall Kalinka. Knapp drei Jahrzehnte nach dem Tod der 14-Jährigen soll ein Geschworenengericht aus drei Berufsrichtern und neun Schöffen den Fall neu bewerten. Selten hat ein Kriminalfall die Gemüter so beschäftigt und Spekulationen, Entrüstung und lebhafte Debatten über die Schwächen des Rechtssystems ausgelöst.

Die Geschichte könnte aus einem Hollywood-Drehbuch stammen. Aus Angst, der Tod seiner Tochter werde ungesühnt bleiben, übt ein verbitterter Vater auf der Suche nach Gerechtigkeit Selbstjustiz. Er lässt Helfer den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter aus Deutschland nach Frankreich entführen, die genauen Umstände sollen demnächst vor Gericht geklärt werden. Geknebelt, gefesselt und geschlagen findet die französische Polizei den Entführten - und nimmt ihn fest. Seit Oktober 2009 sitzt er nun bereits in einem Pariser Gefängnishospital.

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Kalinkas leiblicher Vater André Bamberski ist ein pensionierter französischer Steuerberater. Er hat sein Leben seit rund einem Vierteljahrhundert der Jagd nach dem Mann gewidmet, den er für den Mörder seiner Tochter hält: Kalinkas Stiefvater Dieter K., einen deutschen Mediziner. Der vom Bodensee stammende Mann war 1995 in Abwesenheit in Frankreich zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der heute 75-Jährige den Tod seiner Stieftochter Kalinka verursachte. Die Bundesrepublik lieferte ihn aber nicht aus, weil die deutsche Justiz zuvor ein Ermittlungsverfahren eingestellt hatte.

Das in Frankreich verhängte Urteil war vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte beanstandet worden, da das Verfahren in Abwesenheit des Angeklagten ablief und nicht einmal sein Anwalt gehört wurde. Nun, da Kalinkas leiblicher Vater den Deutschen gewaltsam über die Grenze schaffen ließ, soll der Fall in Frankreich neu aufgerollt werden. “Die Anklage lautet auf Mord“, betont sein Anwalt Yves Levano. Nach Medienberichten will sich auch die 1989 von Dieter K. geschiedene Mutter Kalinkas als Nebenklägerin dem Verfahren anschließen - sie hatte bisher mit ihren Aussagen die Darstellung ihres Ex-Mannes weitgehend gestützt.

Dieter K. ist kein unbeschriebenes Blatt. Seine Vergangenheit wird während des Verfahrens unweigerlich eine Rolle spielen: 1997 wurde er in Deutschland wegen einer Sexualstraftat verurteilt. Ein Gericht verhängte eine zweijährige Bewährungsstrafe, weil er eine 16-Jährige betäubt und vergewaltigt hatte. Lächerlich fanden Kritiker das ihrer Ansicht nach viel zu milde Urteil - zumal weitere, ähnliche Vorwürfe im Raum standen.

Nach Überzeugung von Kalinkas Vater hatte der Mediziner auch seine Tochter vergewaltigt und ihr eine tödlich wirkende Spritze gegeben. Die 14-Jährige hatte im Sommer 1982 mit ihrer Mutter bei deren neuem Partner am Bodensee gelebt. Das Mädchen war an Erbrochenem erstickt und hatte mehrere Einstiche am Arm. Dieter K. hatte erklärt, er habe dem Mädchen nur eine Spritze mit einem Mittel gegen Eisenmangel gesetzt, das auch die schnellere Bräunung der Haut bewirkt. Später habe er Wiederbelebungsversuche unternommen. Doch Frankreichs Ermittler sahen sein Handeln als ursächlich für den Tod an.

Seine Verteidigung hatte im Vorfeld des Prozesses vergeblich argumentiert, dass Dieter K. widerrechtlich im Land sei und dort nicht für etwas verurteilt werden könne, für das er in seiner Heimat nicht belangt werde. Doch Kalinka war französische Staatsbürgerin - und damit sieht sich Frankreichs Justiz zuständig. Sie hat eigene Ermittlungen aufgenommen und nach Medienberichten auch neue Zeugenaussagen gesammelt. Die deutschen Behörden beschränken sich auf konsularische Hilfe für den herzkranken Mediziner. Als Rechtsstaat biete Frankreich ausreichend Mittel und Wege, sich gegen vermeintliches Unrecht zu wehren, so die deutsche Haltung.

dpa

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