Helfer in Haiti: "Die Cholera wird hierbleiben"

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Ein Kind mit Cholera-Symptomen in Arcahaie

Port-au-Prince - Andreas Fabricius hat das Cholera-Elend in Haiti jeden Tag vor Augen. Im Interview schildert er die drastische Lage auf der Karibik-Insel.

Der Gesundheitsmanager leitet für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) die Choleraklinik in Arcahaie, rund 30 Kilometer nördlich von Port-au-Prince.

Wie ist die Situation im Moment?

Fabricius: Wir haben fast kein Gebiet mehr, wo es keine Cholera gibt. Bis Montag haben wir 14 647 Fälle registriert. 917 Menschen sind gestorben. Wenn man das zusammenbringt kommt man auf eine Sterblichkeitsrate von 6,3 Prozent. Das ist sehr, sehr hoch.

Wer ist betroffen?

Fabricius: Bei uns in der Gegend sind es viele Menschen, die aus den Bergen kommen. Das sind vorwiegend ältere Menschen, das sind auch viele Kinder. Man kann aber sagen, dass es eigentlich alle betrifft. Und die Situation verschärft sich. Durch die langen Wege, die die Menschen haben, bleiben viele auf der Strecke. Ich habe erst heute früh gehört, dass Familien zu sechst losgehen und nur zu dritt ankommen. Die anderen sind unterwegs gestorben.“

Wie kann man helfen?

Fabricius: Wir gehen jetzt schon davon aus, dass es flächendeckend Cholerafälle geben wird. Ich denke, wir müssen mehr Cholera- Behandlungszentren haben. Die muss es auch flächendeckend geben. Es gibt ja Menschen, die sterben innerhalb von drei Stunden. Wenn man wie jetzt keinen schnellen Zugang zu einem Zentrum hat, dann sterben sie sofort. Wir müssen Cholera schon in den Dörfern erkennen. Die Kranken müssen schon dort mit Salzlösungen behandelt werden können.

Wissen Sie, wie die Situation vor dem Erdbeben war?

Fabricius: Cholera ist in Haiti weitgehend unbekannt. Über Jahrzehnte gab es sie hier nicht. Es gab zwar schon Durchfall-Epidemien, aber das war keine Cholera. Das ist auch genau der Punkt: die Leute können damit nicht umgehen. Manche Leute haben überhaupt keine Angst. Gerade kam ein Vater mit seinem kranken Kind. Der hatte den Arm voll mit Erbrochenem und mit Stuhl. Und er kennt die Gefahr nicht, die davon ausgeht. Dann gibt es auch wieder Leute, die ihre Verwandten nicht anfassen wollen, weil sie so einen Horror vor dieser apokalyptischen Krankheit haben.

Weiß man inzwischen, was die Ursache der Cholera in Haiti ist?

Fabricius: “Ja, es gibt Spekulationen. Man weiß mittlerweile, dass es ein asiatischer Stamm ist. Man muss da aber sehr vorsichtig sein. In dieser extrem heiklen Situation, in der sich Haiti momentan so kurz vor den Wahlen befindet, ist man schnell dabei, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Sicherlich ist es wahrscheinlich, dass die Cholera eingeschleppt wurde. Es könnte ein Tourist sein, es könnte aber auch jemand von den UN-Truppen sein. Es ist auch nicht wichtig. Denn die Cholera ist jetzt da und die Cholera wird hierbleiben.“

Was passiert mit den Leichen?

Fabricius: Wir haben im Moment in unserem Cholera-Camp ein Problem, weil sich die Leute weigern, die Leichen mit nach Hause zu nehmen. Es herrscht einfach eine riesige Angst, dass man sich infiziert - eine berechtigte Angst. Die Leichen werden normalerweise traditionell behandelt, von einem Mann, der ins Haus kommt. Jetzt sind diese Leichenpfleger mit der Cholera vollkommen überlastet. Sie wissen auch nicht, wie sie die Leichen behandeln sollen. Das muss man ihnen erst einmal erklären: Welche Gefahr gibt es - und welche ist irreal.

Gibt es eigentlich auch Psychologen vor Ort?

Fabricius: Daran haben wir auch schon gedacht. Wir müssen allerdings sagen, dass wir Prioritäten setzen müssen. Und dafür haben wir absolut keine Kapazitäten.

dpa

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