Mehrere Kandidaten

Hipster-Hauptstadt: Wurde Berlin abgelöst?

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Straßenszene aus der Szenekneipe "Noch Besser Leben" (NBL) während des Straßen- und Flohmarktfestes "Westpaket" und "Westbesuch" im Stadtteil Plagwitz in Leipzig (Sachsen).

Berlin - Lange galt: Wer anders war als der Mainstream, der ging nach Berlin. Inzwischen kommt eher die breite Masse. So mancher Szenegänger sucht daher „das neue Berlin“. Aber gibt es das überhaupt?

Ein bisschen ist es mit Berlin wie mit dem Vollbart. Was zu sehr gehypt wird, ist irgendwann nur noch Mainstream. „Berlin ist hinüber“ schrieb jüngst eine Journalistin der „Welt“. Sie ist nicht die Erste - und wohl auch nicht die letzte - die einen Abgesang auf die Hauptstadt anstimmt. Viel spannender als die Gründe, warum Berlin „durch“ ist, ist aber die Frage: Wohin zieht die Hipster-Karawane als nächstes?

„Ich bin einer von denen, die von Berlin nach Leipzig gezogen sind“, sagt Thilo Lang (38) vom Leibniz-Institut für Länderkunde. Lang leitet die Abteilung für Regionale Geographie Europas und beschäftigt sich auch mit Raum- und Stadtplanung. „In Leipzig ist vieles noch möglich, was in Berlin nach und nach verschwunden ist. Viele sagen, es ist jetzt auf dem Stand von Berlin vor zehn Jahren.“

Eine kreative und alternative Szene, niedrige Kosten für Wohnungen und das Leben an sich, wilde Partys - und aufregende Orte, die noch nicht in jedem Reiseführer stehen. Das lockte Menschen von überall her nach Berlin. Inzwischen weiß so ziemlich jeder Tourist, dass im Mauerpark sonntags öffentlich Karaoke gesungen wird. Viele berüchtigte Clubs mussten dichtmachen - weil sich die inzwischen wohlhabenden Nachbarn beschwerten.

„Bestand der vorletzte Schub der Zuzügler noch aus denen, die in ihrer Provinzschulklasse schon immer etwas anders waren, kommen nun vornehmlich die, die das Andere suchen, anstatt es mitzubringen“, schreibt die „Welt“-Autorin in ihrem Artikel.

„Was Berlin besonders gemacht hat, ist, dass man hier sein kann wie man will und für seine Andersartigkeit und Alternativität eher bewundert als angefeindet wird“, sagt Stadtentwicklungsexperte Lang. „Das ist es, was wir vermutlich suchen, wenn wir das neue Berlin suchen.“

So mancher Hipster schaut dazu inzwischen nach Osteuropa. Das Magazin „Cafebabel“ erklärte etwa Polens Hauptstadt Warschau bereits vor zwei Jahren zum neuen Berlin. Warschau - erzählen Kenner - das sind lange Abende am Weichselufer und auf Clubschiffen, an wilden Stränden mit Blick auf die Skyline.

Die Flaniermeile Nowy Swiat wird an Wochenenden im Sommer für den Autoverkehr gesperrt und ist dann für Fußgänger, Radfahrer und Inline-Skater da. In Restaurants gibt es längst nicht mehr nur polnisch-deftige Kost sondern auch internationale Küche mit hoher Sushi-Dichte und veganen und glutenfreien Gerichten.

Experte Lang bescheinigt auch Budapest Potenzial als nächste Stadt der Begierde. Abbruchhäuser, Zwischennutzungen, Bars - all das ziehe Szenegänger in Ungarns Hauptstadt. Andere nennen auch die bulgarische Metropole Sofia. Lang gibt jedoch zu bedenken: Günstig seien die Hauptstädte Osteuropas auch nicht gerade - und das sei ja letztlich Berlins Markenzeichen gewesen.

Doch offensichtlich spielen nicht nur die Preise für den Beinamen „neues Berlin“ eine Rolle: Sonst würde Hamburg wohl kaum unter den Kandidaten auftauchen. Die französische Szene-Seite „les inRocks“ schrieb kürzlich: „Hamburg bietet eine andere Version von cool.“ Zufall oder nicht: Auch bei der Bewerbung um die Olympischen Spiele fiel die Entscheidung gegen Berlin und für Hamburg.

„Hamburg ist einfach kleiner. Hier trifft man sich tatsächlich häufiger mal zufällig auf der Straße“, erklärt Bloggerin Kathrin Weßling (29) vom Online-Stadtmagazin „Mit Vergnügen“, von dem es auch eine Berliner Version gibt. „Dadurch sind die Netzwerke und Verbindungen stärker und vieles passiert über genau die.“

Aber das neue Berlin? „Quatsch. Berlin ist weder tot, noch ist Hamburg das neue Berlin.“ Weßling: „Hamburg kann alleine schon deshalb nicht das neue Berlin sein, weil man hier sehr schnell sehr viel Geld braucht, um überhaupt auch nur eine Unterkunft zu haben. Ich kenne keinen Autoren, Musiker oder anderen Künstler, der nicht noch mindestens ein bis zwei Brotjobs machen muss.“

Andere deutsche Großstädte wie Köln oder München werden seltenst als Hipster-Städte bezeichnet. Nicht nur wegen der extrem hohen Mieten in der bayerischen Metropole.

Experte Lang meint: „Eigentlich wird es nie ein neues Berlin geben, weil Berlin so einzigartig war und ist.“ Andere Städte könnten der Hauptstadt - so wie sich sie mancher zurückwünscht - lediglich in bestimmten Teilbereichen ähneln. Lang: „Berlin ist immer noch wahnsinnig attraktiv und zieht immer noch viele Leute an - aber das sind eben andere als noch vor zehn Jahren.“

dpa

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