HIV-Schicksale aus dem Lautsprecher

Berlin - Irritierende Stimmen werden bald in der Berliner Innenstadt zu hören sein. Aus Lautsprechern erzählen Menschen, die mit dem Aids-Virus infiziert sind, über ihr Schicksal - sehr direkt und berührend.

“Ich habe mein Kind weggegeben“, wird eine Frauenstimme am Potsdamer Platz flüstern. “Wenn ich das meinen Freunden gesagt hätte, hätte ich keine Freunde mehr“, raunt ein junger Mann auf der Museumsinsel. Wer sich dann irritiert umschaut, wird silberne Lautsprecher an Laternenpfählen entdecken - und ein kreisrundes rotes Logo auf dem Pflaster. Es steht für das Audio- Projekt “Stimmen in der Stadt“, das ab Donnerstag (25. November) an 15 Orten Berlins die Lebensgeschichten von HIV-Patienten in die Öffentlichkeit trägt. Wer mag, hört einfach zu. Zu den Initiatoren der ungewöhnlichen Hörstationen gehört der Berliner Arzt Christoph Weber. Er behandelt HIV-Patienten im Auguste- Viktoria-Klinikum. Rote Schleifen zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember reichen ihm nicht mehr aus, um den Blick auf die unheilbare Immunschwächekrankheit zu lenken. Es müsse ein neuer Blick sein, ein anderer als in den 80er und auch in den 90er Jahren, sagt Weber.

HIV ist dank verbesserter Medikamente kein Todesurteil mehr, viele Patienten leben mit dem Virus heute wie mit einer chronischen Krankheit. Doch ihr Alltag hat sich kaum verändert. “Extrem viele Betroffene fühlen sich ausgegrenzt“, berichtet Weber. “Wenn HIV- Positive sich über ihre Familie hinaus outen, haben sie Angst, dass sie im normalen Leben nicht mehr integriert sind.“ Als erstes ist oft der Job weg - Kündigung. Dieses Problem hat auch die Politik erkannt. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) lässt in einer Plakatkampagne zum Welt-Aids-Tag für mehr Respekt und Toleranz gegenüber HIV-Positiven werben. Das klingt wie immer.

Die Stimmen, die bald aus den Lautsprechern schallen, sind anders, auch nicht immer artig. Sie können irritieren. “Im Darkroom funktioniere ich nicht mehr mit all diesen Löchern im Gesicht“, sagt Gerd (46). “Sex mache ich nicht“, berichtet Paul (63). “Die wollen ja immer nur bumsen und dann kennen sie dich am nächsten Tag nicht mehr.“ Was HIV-Patienten aus ihrem Leben erzählen, ist aber manchmal auch sehr berührend. “Alle jubeln, dass wir jetzt länger leben“, sagt Eva. “Wenn meine Nachbarn aber wüssten, dass ich positiv bin, würden sie die Tür abschließen.“ Ganz bewusst tönt den Zuhören das pralle Berliner Leben in Endlosschleife entgegen.

Keine erhobenen Zeigefinger

Sieben Lebensgeschichten gibt es, ein Durchlauf dauert rund eine Stunde. Wer keine Zeit hat, kann im Internet weiterhören. Es gibt keine erhobenen Zeigefinger. Im besten Fall bleibt die Ahnung, dass Leben mit HIV anders ist als es die Klischees suggerieren. Bezahlt werden die Hörstationen, die bis zum 8. Dezember auf Sendung bleiben, von Sponsoren. In Berlin steckt sich nach den Zahlen des Robert Koch-Instituts weiterhin jeden Tag mindestens ein Mensch mit HIV an. Rund 10 000 Berliner leben mit dem Virus. Die meisten sind schwule Männer, aber nicht nur. 17 Prozent der Betroffenen haben sich bei heterosexuellen Kontakten infiziert. “Ich weiß nicht, ob zwischen Männern und Frauen bei spontanem Sex überhaupt noch über HIV gesprochen wird“, sagt Weber. “Ich glaube, da ist Schwangerschaftsverhütung ein viel größeres Thema.“

Auch diese Entwicklung hält er für fatal. “HIV muss wieder mehr ins Bewusstsein.“ Zu Weber in die Klinik kommen heute schwule Männer, die sich in den 80er Jahren ansteckten und heute fast allein auf der Welt sind. Alle Freunde sind an Aids gestorben. Es kommen die Frauen, die früher gefixt haben. Es kommen ihre Kinder, die heute 25 sind und von Geburt an HIV-positiv. Es gibt die jungen Männer, die nach einer wilden Nacht Gewissheit haben wollen: Hat es mich erwischt? Und es gibt die, die HIV jahrelang verdrängten, sich nicht testen ließen und nun im Krankenhaus Hilfe suchen. HIV hat heute sehr viele Gesichter.

dpa

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