Klimaforscher Latif sieht Zeitnot und Hoffnungssignale

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Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde gilt als Sinnbild des Zeitalters der fossilen Brennstoffe. Foto: Patrick Pleul/Archiv

Ausgerechnet China und die USA als Klimaretter? Die Hauptproduzenten von Kohlendioxid haben eine Schlüsselrolle. 2030 schließt sich das Zeitfenster in Sachen Erderwärmung, sagt der Klimaforscher Latif. Er beschreibt bedrohliche Szenarien und hofft weiter auf die Vernunft.

Kiel (dpa) - Der Menschheit bleiben aus Expertensicht nur noch rund 15 Jahre, um den Klimawandel einigermaßen in den Griff zu bekommen. "Wenn der weltweite CO2-Ausstoß 2030 immer noch steigt, wird es zu spät sein", sagte der Klimaforscher Mojib Latif vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung der dpa.

Latif ist besorgt und zuversichtlich. "Seit Beginn der Verhandlungen zum Klimaschutz Anfang der 1990er stieg der globale CO2-Ausstoß um 60 Prozent - das ist schon Wahnsinn." Aber es gebe Hoffnungssignale. Dazu gehöre, dass nach vorläufigen Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) 2014 der CO2-Ausstoß nicht zunahm. "Vorher gab es das nur bei weltweiter Rezession, aber diesmal hatten wir global ein vernünftiges Wachstum."

Der Hoffnungsschimmer geht nach IEA-Angaben vor allem darauf zurück, dass China weniger Kohle verbraucht und mehr Solarenergie genutzt hat. Aber auch in OECD-Ländern seien die Energieeffizienz verbessert und alternative Energien ausgebaut worden. Eine detaillierte Analyse darüber möchte die IEA am 15. Juni im London präsentieren.

Wenn China als der größte CO2-Verursacher mit einem Anteil von 27 Prozent nach jahrzehntelangem massiven Zuwachs den Ausstoß nicht mehr erhöht, könne man das noch keine Kehrtwende nennen, betonte Latif. "Aber vielleicht signalisiert es das, was ich immer gehofft habe: Dass sich am Ende die bessere Technik und Rationalität durchsetzen."

Würden noch die US-Amerikaner nachziehen und ihr großes Potenzial an erneuerbaren Energien stärker nutzen, gäbe es noch mehr Hoffnung, sagte Latif. "Es ist ein Jammer, dass sie stattdessen in blöde Technologien wie Fracking investieren, zulasten von Natur und Mensch."

Dass sich die Erderwärmung bis 2014 anderthalb Jahrzehnte lang eine Pause nahm, sei völlig normal, sagte Latif. "Die natürlichen Klimaschwankungen überlagern den langfristigen Erwärmungstrend. 2014 wurde dann das wärmste Jahr, seit es Aufzeichnungen gibt."

"Eine gewisse weitere Erwärmung können wir nicht mehr stoppen, weil das System träge ist", sagte Latif. "Die Meere haben in den letzten 40 Jahren ungefähr 90 Prozent der Wärme aufgenommen, die durch das Mehr an Treibhausgasen in der Luft entstanden war." Zumindest einen Teil dieser Wärme würden die Meere in den nächsten Jahrzehnten wieder an die Atmosphäre abgeben.

Wenn der globale CO2-Ausstoß ab 2030 falle und bis Ende des Jahrhunderts auf Null gelange, dann würde sich die Erde um weniger als zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit erwärmen, sagte Latif. "Wenn wir das nicht hinbekommen, bekämen wir Erwärmungen von drei, womöglich vier Grad im weltweiten Durchschnitt." In einigen Landregionen werde dies deutlich höher ausfallen, besonders in Meeresregionen geringer.

"Die Folgen des Klimawandels sind auch deshalb schwer einzuschätzen, weil es um systemische Risiken geht und wir in einer globalisierten Welt leben, die sich in verschiedensten Bereichen buchstäblich immer schneller dreht", sagte Latif. "Deshalb können Veränderungen in einem Teil der Welt auch ganz andere Regionen treffen: Als dieser lächerliche Vulkan in Island Asche in die Luft blies, lag der ganze Flugverkehr lahm und nach ein paar Tagen auch bei uns die Produktion, weil Ersatzteile nicht geliefert werden konnten."

Selbst wenn Europa beim Klimawandel einigermaßen davonkäme, werde es die wirtschaftliche Dimension voll spüren, sagte Latif. Deshalb sei es wichtig, das Schicksal nicht herauszufordern, sondern nachhaltig global zu handeln. "Chancen und Lösungen sind da, aber die Politik hat große Probleme, Dinge couragiert anzugehen, die langfristiger und globaler Natur sind."

Die ganz offensichtlichen Folgen der Erwärmung seien in Deutschland vor allem im Winter zu beobachten, sagte Latif. "In meiner Kindheit war Winter der Regelfall, heute ist er die Ausnahme", sagte der 60-Jährige. Die Vegetationsperiode sei ein bis zwei Wochen länger als vor 50 Jahren. Die Jahreszeiten würden nicht verschwinden, aber besonders zwischen Frühling, Herbst und Winter werde es eine Angleichung geben. "Wir werden mehr einen Einheitsbrei bekommen." Im Sommer werde es in Deutschland häufiger mehr als 40 Grad heiß sein.

Die bisherige Erwärmung, die Erhöhung der Meeresspiegel - an der deutschen Nordseeküste seit 1900 um etwa 20 Zentimeter - und die Zunahme von Extremereignissen sind für Latif nur erste Vorboten dessen, was in den nächsten Jahrzehnten kommt.

Im Blick auf die Erderwärmung sieht Latif in Deutschlands Wende zu erneuerbaren Energien sowie in aufkommenden Einsichten in Amerika und China Hoffnungszeichen. "Noch ist es nicht zu spät. Am Ende kann die Vernunft siegen." Dazu gehöre, vom rein quantitativen Wachstumsdenken wegzukommen: "Warum erzeugen wir Lebensmittel, die wir dann wegwerfen? Warum stellen wir Unmengen an Dingen her, die kein Mensch braucht? Wir plündern den Planeten, um Tinnef zu produzieren."

Mitteilung der IEA

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