"Klo soll zum Objekt der Begierde werden"

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Am Samstag ist Welttoilettentag

Berlin/Singapur - Am Samstag ist Welttoilettentag. Die "World Toilet Organization" (WTO) setzt im Kampf gegen mangelnde Hygiene und Gesundheitsschäden auf das menschliche Konkurrenzdenken.

Statt Toiletten in Entwicklungsländern mit belehrenden Slogans anzupreisen, “setzen wir auf die emotionale Prada-Taktik“, sagte WTO-Gründer Jack Sim der Nachrichtenagentur dapd. “Wir wollen das Klo zum Statussymbol und Objekt der Begierde machen“, erklärte Sim seine Strategie. “Sobald der erste Dorfbewohner eine Toilette hat, werden die anderen sie auch wollen.“ Das liege am natürlichen Neid und der Lust, dem anderen eine Nasenlänge voraus zu sein. Niemand wolle “vom Nachbar übertrumpft werden“, sagte Sim.

Am Samstag (19. November) ist Welttoilettentag. Derzeit haben nach Angaben der WTO rund 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen. Die meisten von ihnen leben in Asien und Afrika. Die Organisation mit Sitz in Singapur geht davon aus, dass durch fehlende Toiletten und die Verbreitung von Durchfallerregern jedes Jahr weltweit 1,5 Millionen Menschen sterben - darunter vor allem Kinder unter fünf Jahren. Sim zufolge sind das “mehr junge Opfer, als Aids, Malaria und Masern zusammen fordern“.

Um ohne großes Budget mediale Aufmerksamkeit zu bekommen, wählte Sim 2001 bewusst das englische WTO-Kürzel der Welthandelsorganisation für seine Initiative. “Eine Guerilla-Marketing-Strategie mit Erfolgsgarantie“, wie er heute rückblickend sagt. Verklagt worden sei er von der “echten“ WTO mit Sitz in Genf bis heute nicht.

Für nicht zukunftsfähig hält der frühere Unternehmer jene mit Trinkwasser betriebenen Toilettenspülungen, wie sie etwa in Deutschland üblich sind. In Zeiten anhaltender Dürreperioden und weltweiten Wassermangels sei es nicht mehr vertretbar, sechs Liter Trinkwasser zu verbrauchen, um Fäkalien zu transportieren, sagte Sim.

dapd

Neun Daten zum Welttoilettentag

Weltweit haben rund 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu funktionstüchtigen Sanitäreinrichtungen, was knapp 40 Prozent der Weltbevölkerung entspricht.

- Bei anhaltender Tendenz dürfte ihre Zahl bis 2015 auf 2,7 Milliarden ansteigen.

- Mehr als zwei Drittel der Betroffenen leben in Asien, knapp ein Viertel südlich der Sahara in Afrika, die übrigen verteilen sich fast ausschließlich auf Lateinamerika und Ozeanien. Auf die Industriestaaten entfallen lediglich rund 0,5 Prozent.

- Der Mangel an sauberen Toiletten und Duschen stellt nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation ein “schweres Gesundheitsrisiko“ und einen “Affront gegen die Menschenwürde“ dar.

- Vor allem Erkrankungen wie Durchfall, Cholera und Ruhr sind häufig auf fehlende Sanitäreinrichtungen, mangelnde Hygiene und verschmutztes Wasser zurückzuführen.

- Der Mangel an Sanitäreinrichtungen gilt als weltweit größter Infektionsherd und führt allein in Afrika stündlich zum Tod von 115 Menschen.

- Jedes Jahr sterben rund 1,5 Millionen Menschen auf der Erde an Durchfallerkrankungen - 90 Prozent von ihnen sind Kinder unter fünf Jahren.

- Allein in den Fluss Ganges in Indien werden pro Minute rund 1,1 Millionen Liter ungereinigtes und mit Fäkalien verschmutztes Abwasser eingeleitet.

- Der volkswirtschaftliche Nutzen jedes Euros, der in verbesserte Sanitärversorgung investiert wird, wird auf neun Euro geschätzt.

(Quellen: Weltgesundheitsorganisation, World Toilet Organization)

Überblick über die Geschichte der Toilette

Eine Toilette mit Wasserspülung ist für die Menschen in der westlichen Welt selbstverständlich - dabei haben fast 40 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zu sanitären Anlagen. Wie wichtig Hygiene beim kleinen und großen 'Geschäft' ist, wusste man aber offenbar schon vor mehreren Tausend Jahren.

Bereits in Mesopotamien soll es gut ausgebaute Abortanlagen gegeben haben; auch im alten Rom kannte man Latrinen und Toiletten, bei denen Wasser im Einsatz war. Die Exkremente wurden damit in große Abwasserkanäle gespült, als bekannteste gilt die Cloaca Maxima. Übrigens, so wird kolportiert, war der Toilettengang zur damaligen Zeit ein geselliger Vorgang. In den Abortanlagen waren mehrere Sitze nebeneinander angebracht. Man war nicht allein auf dem stillen Örtchen, sogar Geschäfte sollen dort gemacht worden sein.

Mit dem Untergang des Römischen Reiches ging auch die Toilettenkultur - vorerst - unter. Im Mittelalter verrichteten die meisten Menschen ihr Geschäft dort, wo sie gerade waren, in manchen Häusern wurden Nachttöpfe benutzt, die in Abwässergräben ausgeleert wurden. Heute noch vielerorts zu besichtigen sind die Abtritt-Erker in den mittelalterlichen Burgen: Durch ein Loch fiel alles ins freie Gelände oder in den Burggraben.

Moderne Wasserklosetts, wie wir sie heute kennen, gibt es etwa seit Anfang des 19. Jahrhunderts. Schon im 16. Jahrhundert entwickelte der Engländer John Harrington ein entsprechendes Gerät, es setzte sich allerdings nicht durch. 200 Jahre später, 1775, erwarb Harringtons Landsmann Alexander Cummings ein Patent auf eine Art Klosett mit Syphon. Bis das erste dieser “water closets“ (WC) in Betrieb genommen wurde, vergingen jedoch ein paar Jahre.

Noch viel mehr Zeit verfloss, bis es in so gut wie jeder Wohnung in Deutschland eine eigene Toilette gab. In den 1950er Jahren verfügte längst nicht jeder Haushalt über einen eigenen Abort, vielerorts teilten sich mehrere Parteien das 'stille Örtchen' auf halber Treppe. Das ist heute selten geworden - und war doch Luxus im Vergleich zur sanitären Situation derzeit in Afrika oder Asien.

(Quelle: Daniel Furrer: “Geschichte des stillen Örtchens“, Primus Verlag)

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