Bundespräsident appelliert für Zivilcourage

Lichtenhagen: Gauck fordert mutige Bürger

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Bundespräsident Gauck vor dem "Sonnenblumenhaus" in Rostock, wo vor 20 Jahren die Krawalle stattfanden.

Rostock - Bei der Gedenkveranstaltung zum 20. Jahrestag der ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen hat Bundespräsident Joachim Gauck einen wehrhaften Staat angemahnt.

Bevor Bundespräsident Joachim Gauck ans Mikrofon tritt, um über die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen 1992 zu sprechen, singen Kinder. „Shalom chavarin - Leb wohl, lieber Freund“, stimmen sie an und rühren damit viele der rund 2000 Menschen. Sie alle sind zur Gedenkveranstaltung zum 20. Jahrestag der Rostocker Krawalle vor das Sonnenblumenhaus gekommen, dem damaligen Schauplatz.

Das 1992 brennende Haus stigmatisiert wohl für immer die Stadt. Das sei „bis heute für Rostock ein Brandmal“, sagt der in Rostock geborene Bundespräsident. Er macht aber auch deutlich, dass sich solches nicht mehr wiederholen dürfe und werde: „Wir werden wachsam bleiben“, betont er. Rechtsextremisten und allen anderen, die die Demokratie verachten und bekämpfen, rief Gauck zu: „Wir fürchten Euch nicht. Wo Ihr auftretet, werden wir Euch im Wege stehe. (...) Unsere Heimat kommt nicht in braune Hände.“

Die ganze Welt schaute 1992 auf Rostock. Tagelang wurde ein überfülltes Asylbewerberheim von rechten Randalierern belagert, ohne dass die Polizei die Lage in den Griff bekam. Nachdem die Flüchtlinge in Sicherheit gebracht worden waren, flogen schließlich Brandsätze auf das benachbarte Haus, in dem hauptsächlich Vietnamesen lebten. Der Mob aus mehreren tausend Menschen jubelte. 150 Menschen im Haus konnten sich nur mit viel Glück aufs Dach retten und blieben unverletzt.

Tief legt Gauck in seiner bewegenden Rede den Finger in die Wunde. Es erzürne und schmerze ihn, dass die Menschen vor 20 Jahren ihrem Hass tagelang freien Lauf lassen konnten. Noch schlimmer sei, dass Anwohner die Gewalttäter anfeuerten und diese vor der Polizei schützten. Wo blieben ausreichende Polizeikräfte? Wie konnte das Gewaltmonopol des Staates so schnell aufgegeben werden, fragt Gauck. Die Gesellschaft brauche heute beides: Mutige Bürger, die nicht wegschauen, und einen Staat, der Würde und Leben der Menschen schützt.

Es sei zu verstehen, dass die Menschen im Osten in den frühen 90er Jahren verunsichert und orientierungslos gewesen seien, berichtet Gauck auch aus eigenen Erfahrungen. Die Menschen, die sich damals abgehängt fühlten, hätten sich gewaltsam an Wehrlosen abreagiert, sie zu „Sündenböcken“ gemacht. Doch dies könne keine Entschuldigung für den Hass sein, der den Asylbewerbern damals entgegenschlug. Unentschuldbar sei auch die mangelnde Professionalität der damaligen Sicherheitskräfte und der Politiker.

Die Resonanz auf Aufrufe von Vereinen und Initiativen, sich der Ausschreitungen zu erinnern und Zeichen der Toleranz zu setzen, war groß. Tausende schlossen sich am Wochenende den Demonstrationen an. Doch zeigte sich auch, dass die Veranstaltungen zum Jahrestag der Krawalle längst nicht alle erreichte. Desinteresse war zu spüren und teilweise auch Ablehnung. In Gesprächen machten Bewohner des Stadtteils deutlich, dass sie der fortwährenden Medienpräsenz der vergangenen Wochen überdrüssig seien.

Lichtenhagen habe gezeigt: „Wenn Hass entsteht, wird nichts besser, aber alles schlimmer“, betont Gauck. Deutlich ist der Pfarrer in ihm zu spüren, als er sagt: „Dunkles und Böses lassen sich allerdings durch Vernunft, Empathie und Solidarität eindämmen.“ Dann spricht der Staatsmann: „Notfalls auch durch das Gesetz.“

Rostock habe seine Lektion aus den dramatischen Vorgängen des Jahres 1992 gelernt, sagt Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos). Er weiß, dass sich Lichtenhagen unauslöschlich in die Geschichte der Stadt und der Bundesrepublik eingebrannt hat. Etwa 40 Vereine mit mehr als 100 Projekten widmen sich inzwischen dem Thema Integration, was auch Gauck ausdrücklich erwähnt. Das Land brauche mutige Bürger, die nicht wegschauen, wenn das friedliche Miteinander gefährdet ist. Eine Gedenktafel am Rathaus und eine Eiche vor dem Sonnenblumenhaus als Gedenkbaum erinnern seit dem Wochenende an die Vorgänge vor 20 Jahren.

dpa

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