Neue Kampagne "Miteinander reden"

Feuerwehren werben um Migranten

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Orhan Bekyigit ist Fachmann für Integration beim Deutschen Feuerwehrverband.

Berlin - In der Theorie sollen Feuerwehren ein Spiegel der Gesellschaft sein. Doch Migranten sind so gut wie gar nicht vertreten - das soll sich ändern.

Orhan Bekyigit kann sich noch gut an die irritierten Blicke seiner Eltern erinnern. Er war 12 Jahre alt und trug zum ersten Mal die blaue Uniformjacke der Jugendfeuerwehr Wiesloch (Baden-Württemberg). „Meine Eltern haben Jahre gebraucht, um zu verstehen, was ich da mache“, schmunzelt Bekyigit. Heute hat er mit Anfang 30 seine Begeisterung für die Feuerwehr nicht nur zum Beruf gemacht. Der Deutsche mit türkischen Wurzeln ist auch Fachmann für Integration beim Deutschen Feuerwehrverband. Und der will 2013 mit seiner Kampagne „Miteinander reden“ mehr Migranten für die Feuerwehr begeistern. Denn ihr Anteil liegt - geschätzt - nur bei einem Prozent.

Feuerwehren sind eine feste Größe in Deutschland. 30 000 hauptamtliche Feuerwehrleute gibt es, zumeist im öffentlichen Dienst. Gesellschaftlich relevanter sind die gut eine Million Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren. Besonders auf dem Land sind sie neben Fußballvereinen eine feste Größe. Viele sind sehr deutsch geprägt - und oft ist es auch ein Männerding.

Orhan Bekyigit weiß, dass er Glück gehabt hat mit seiner freiwilligen Feuerwehr in Wiesloch. In der Kleinstadt hat niemand irritiert geguckt, wenn sich Jugendliche aus Italien oder der Türkei auch für rote Autos mit Blaulicht begeisterten. „Die haben Integration gelebt, bevor das überhaupt so hieß“, sagt Bekyigit. Es lag eher an ihm, seinen Eltern das Hobby zu erklären. „In der Türkei gibt es keine freiwillige Feuerwehr“, erläutert Bekyigit im besten kurpfälzischen Dialekt. „Da wäre es undenkbar, dass ein Mann in einer Bank schafft und nachts ehrenamtlich löschen geht“.

Nervös wurden die Eltern, als ihr Sohn mit 18 Jahren einen Pieper bekam, um drei Uhr nachts mit seiner Uniform aus dem Haus stürzte und oft erst am Morgen verschwitzt oder verrußt wiederkam. „Da hat meine Mutter entsetzt gefragt: Ist das etwa gefährlich?“, erinnert sich Bekyigit. Und es gab eine lange Familiendebatte.

Beim Feuerwehrverband in Berlin kennt Sprecherin Silvia Darmstädter die andere Seite. Die Vorurteile und Klischees mancher Feuerwehren, Gemeinschaften mit Familientradition. Da lauten die Fragen, was aus dem Grillabend wird, wenn Moslems keine Würstchen essen. Und ob sie vielleicht im Ramadan erst ihren Gebetsteppich ausrollen, bevor sie zum Einsatz kommen. Sind die Feuerwehren spät dran mit der Integration? „Nicht nur die Feuerwehren, die ganze Gesellschaft ist spät dran“, sagt Orhan Bekyigit.

Für ihn geht es nicht um ein Problem wie Ausländerhass. Es geht schlicht darum, dass man sich nicht gut genug kennt. Ein Anfang ist gemacht. Feuerwehrleute sind in Moscheen und Kulturvereine gegangen und haben Brandschutz-Aufklärung mit ein bisschen Werbung verbunden. „Das funktioniert“, sagt Bekyigit. „Feuer ist ein hochemotionales Thema. Da geht es um Gefahr, um Kinder, um die Familie. Da werden Migranten absolut hellhörig, vor allem die Frauen.“ Aber man muss sie eben aktiv ansprechen.

Einen Schatz bringen viele Migranten ohnehin mit: ihre Muttersprache. Jüngst hat ein Feuerwehrmann bei einem Brand im Berliner Multikulti-Kiez Kreuzberg eine Panik verhindert - durch eine Lautsprecherdurchsage auf arabisch. „Aufgeregte Menschen reagieren eher auf ihre Muttersprache“, sagt Bekyigit, der die Werkfeuerwehr bei der Heidelberger Druckmaschinen AG leitet. Je vielsprachiger eine Feuerwehr sei, desto besser.

In Berlin hat die Berufsfeuerwehr 2010 versucht, mehr Migranten anzulocken. Sie bot einen neuen Ausbildungsweg, Bewerber konnten direkt nach der Mittleren Reife einsteigen. Die Einladung „Komm zur Feuerwehr“ gab es in vielen Sprachen. Das Ergebnis war niederschmetternd. Erst im zweiten Jahrgang habe es Jugendliche mit ausländischen Wurzeln gegeben, leider nur eine Handvoll, sagt Sprecher Stephan Fleischer. Eine erste große Hürde seien Bildungsdefizite gewesen. Eine zweite Bremse etwas, das Fleischer „Interessenslage“ nennt: Bei türkischen Eltern sei der Beruf Feuerwehrmann nicht besonders gut angesehen.

Silvia Darmstädter weiß, dass Angebote und Werbung funktionieren können, allerdings meist erst auf lange Sicht. Feuerwehren sind heute keine reine Männerdomäne mehr. Zehn Prozent Frauen machen mit - immerhin doppelt so viele wie noch vor 15 Jahren.

dpa

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