Untersuchungsausschuss "Silvesternacht"

Geheimnisvoller Anrufer: Was wollte „Mister X“ in der Silvesternacht?

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der „Untersuchungsausschuss Silvesternacht“ des Düsseldorfer Landtags

Düsseldorf - Im Bericht zu den Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht wollte wohl ein Polizist das Wort Vergewaltigung nicht lesen. Doch wer war das und was trieb ihn an?

Suche nach „Mister X“: Gibt es in der Landesleitstelle der nordrhein-westfälischen Polizei einen Beamten, der im Auftrag des Innenministeriums versucht hat, Einfluss auf Polizeimeldungen zur Silvesternacht zu nehmen? Oder sitzt dort ein Wichtigtuer, der den Kollegen mal „von oben“ erklären wollte, was eine Vergewaltigung ist - so sieht es ein Kölner Kriminalbeamter.

Am Montag nahm der „Untersuchungsausschuss Silvesternacht“ des Düsseldorfer Landtags ein neues Feld ins Visier: Die sogenannte WE-Meldung der Kölner Polizei über „wichtige Ereignisse“. Es geht um die Silvesternacht 2015/16, als eine große Menge männlicher Migranten in Köln Diebstähle beging und Frauen sexuell belästigte. Eine verharmlosende und später korrigierte Pressemitteilung der Polizei hatte für Empörung gesorgt. Nach den Ereignissen war die Flüchtlingsdiskussion in Deutschland weniger vom Willkommen als von Ängsten geprägt.

Zur WE-Meldung machte der Kölner Kriminalhauptkommissar Jürgen H. im Zeugenstand eine bemerkenswerte Aussage: In außergewöhnlich schroffem Ton habe ihn am Neujahrstag ein Kollege aus der Duisburger Landesleitstelle angerufen und verlangt, den Begriff „Vergewaltigung“ aus der Meldung an die polizeilichen Oberbehörden zu streichen - angeblich auf Wunsch des Innenministeriums.

Für NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), der wegen des Silvesterfiaskos unter Druck steht, ist das eine brisante Schilderung. Immerhin nährte sie schon in den vergangenen Wochen Spekulationen, ob das Innenministerium versucht haben könnte, die Dimension der Übergriffe wegen des völlig verkorksten Polizei-Einsatzes herunterzuspielen.

Die Krux: Der Kommissar weiß nicht, mit wem er telefoniert hat. Und NRW-Polizeiinspekteur Bernd Heinen verneint, dass es am Neujahrstag ein Telefonat der Landesleitstelle mit dem Polizeipräsidium Köln gegeben habe. Aussage gegen Aussage - Polizist gegen Ober-Polizist.

Allerdings spricht Einiges für die Aussage des Kölner Kommissars. Sein Kollege Joachim H. aus der Frühschicht des Neujahrstages berichtet, dass er zum Ende des Telefonats die Antworten mitgehört habe. „Nach unserer Einschätzung ist das eine Vergewaltigung“, habe Jürgen H. dem Anrufer gesagt. Die Meldung sei nicht geändert worden.

Der Reim, den er sich auf den Vorgang macht: „Da hat sich ein Einzelner überhöht, weil er in einer Landesoberbehörde ist - fachlich völlig neben der Kappe und auch noch mit Drohung mit dem obersten Dienstherrn. Das ist einfach Unsinn.“ Auch Jürgen H. selbst sah den Anruf nicht als verbindliche Anweisung oder Vertuschungsversuch.

Die damalige stellvertretende Kripochefin von Köln, Heidemarie Wiehler, kann sich an den Ärger des Kölner Kommissars ebenfalls gut erinnern, kennt den geheimnisvollen Anrufer aber auch nicht. Die Landesleitstelle in Duisburg könnte aber durchaus nachhalten, wer an dem Tag Dienst hatte, stellt Joachim H. fest. „Wenn man das möchte, kann diese Person namhaft gemacht werden.“

Sein Kollege wundert sich bis heute über seinen mysteriösen Gesprächspartner: Er hätte erwartet, dass der sich inzwischen gemeldet und bekannt hätte. Sollte es in der Leitstelle einen Mister X geben, der nur vorgeblich im Auftrag des Ministeriums, in Wirklichkeit aber auf eigene Faust den Begriff der Vergewaltigung streichen lassen wollte für das Eindringen mit den Fingern? Dann hätte Jäger allerdings Interesse, diesen „Experten“ ausfindig zu machen. Am nächsten Montag ist er selbst vor den Ausschuss geladen.

Einer im Zuständigkeitswirrwarr der verschiedenen Polizeileitstellen will schon mal nichts damit zu tun haben: Der Dienstgruppenleiter im Lagezentrum des NRW-Innenministeriums. Er habe keinen Storno-Wunsch geäußert, versichert er. Er habe die WE-Meldung aus Köln aber am Neujahrstag um 14.36 Uhr mit drei Ausrufezeichen in den ganz großen Verteiler gegeben: auch an die Staatskanzlei und den Innenminister.

Ob daraus die Dimension der Schreckensnacht ersichtlich war, darf bezweifelt werden. Vor dem Ausschuss berichteten die Kölner Polizisten von ganz unterschiedlichen Anzeige-Zahlen, die an verschiedenen Polizeidienststellen erfasst wurden. „Ich glaube, dass da jeder sein eigenes Süppchen gekocht hat“, stellt Kommissar Jürgen H. fest. „Das ist nicht zusammengeführt worden.“

dpa

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