Schwarzer Freitag

Brexit-Schock an Börse: Dax bricht um zehn Prozent ein

Frankfurt - Die Börse reagiert mit Panik auf das Brexit-Ergebnis: Es zeichnet sich ein tiefschwarzer Freitag ab. Das Pfund ist bereits down, der Dax verlor zwischenzeitlich zehn Prozent.

  •  Die Mehrheit Großbritanniens hat sich beim EU-Referendum für den Brexit entschieden - an den Weltbörsen zeichnet sich ein neuer "Black Friday" (schwarzer Freitag) ab.
  • Der Dax ist mit einem Minus von fast 10 Prozent in den Handelstag gestartet, inzwischen hat er sich wieder um zwei Prozentpunkte erholt.
  • Das britische Pfund erreicht seinen Tiefststand seit 1985.
  • Aktien der Deutschen Bank und Commerzbank brechen um bis zu 16 Prozent ein.
  • Zu den größten Verlierern könnte der bayerische Autobauer BMW gehören - Großbritannien ist für BMW nach China und den USA der drittgrößte Auslandsmarkt.

 „Black Friday“ an der Börse: Das Votum der Briten für einen Ausstieg aus der Europäischen Union hat am Freitag die Aktienmärkte in Europa und Asien einbrechen lassen. Der Dax fiel im frühen Handel um 8,00 Prozent auf 9436,92 Punkte. Zwischenzeitlich hatte der deutsche Leitindex sogar 10 Prozent verloren.

Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 rutschte um 9 Prozent ab, genauso wie der französische CAC 40. An der Londoner Börse knickte der FTSE 100 um gut 8 Prozent ein. Damit erleben Europas Börsen die größten Verluste seit der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009. Zuvor war bereits der japanische Nikkei-225-Index um annähernd 8 Prozent gefallen.

„Alle sind falsch positioniert“, sagte ein Börsianer am frühen Morgen. „Keiner hat damit gerechnet, dass die Briten wirklich austreten. Jetzt gibt es immensen Absicherungsbedarf.“ Seit Mitte der Vorwoche war der Dax in zunehmender Hoffnung auf einen Verbleib der Briten noch um fast 9 Prozent angesprungen.

Ein Drittel der Dax-Werte standen nun am Freitagmorgen prozentual zweistellig im Minus. Vor allem Bankenwerte gerieten massiv unter Druck. Die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank brachen zwischen 15 und 16 Prozent ein. Die Allianz-Aktie fiel um 13 Prozent. Das Finanzzentrum London und die gesamte Finanzindustrie gelten mit als größte Verlierer des Brexit.

Auch die Aktien der exportlastigen Autobauer fielen deutlich, genauso die Papiere der in Großbritannien engagierten Versorger RWE und Eon. Vergleichsweise gut hielten sich die als wenig konjunktursensibel geltenden Aktien von Konsumgüterkonzernen wie Henkel oder Beiersdorf oder auch die Papiere des größten deutschen Immobilienkonzerns Vonovia mit Verlusten zwischen 2 und 5 Prozent.

„An der Börse muss man auch stets das Unmögliche denken“, sagte Marktexperte Daniel Saurenz. Dies hätten die Investoren zuletzt offenbar nicht mehr getan. Der bislang schwärzeste Tag im Dax war 1989 mit einem Rutsch um letztlich 12,81 Prozent. Um diesen Negativrekord einzustellen, müsste der Dax aber deutlich unter 9000 Punkte abrutschen.

BMW hat betont zurückhaltend auf die Entscheidung der britischen Wähler reagiert, die EU zu verlassen. „Die Konsequenzen dieser Entscheidung sind heute noch nicht absehbar. Klar ist, dass nun eine Phase der Unsicherheit beginnt“, teilte der Autokonzern am Freitag in München mit. „Wir erwarten jedoch zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen auf unsere Aktivitäten in Großbritannien.“

Heftige Kursverluste auch in Asien und Australien

Die Finanzmärkte in Ostasien und Australien haben am Freitag mit heftigen Verlusten auf die Brexit-Entscheidung der Briten reagiert. Die stärksten Kursabschläge verzeichnete der Nikkei-Index in Tokio, der mit einem Minus von 7,9 Prozent bei 14 952 Punkten aus dem Handel ging. Auch die Aktienkurse an der Börse in Seoul brachen angesichts der Sorge um die globalen Folgen des Brexit ein. Der Kospi-Index fiel um rund drei Prozent auf 1925,24 Zähler. Analysten in Südkorea erwarteten, dass die Kurse Anfang der nächsten Woche noch weiter zurückgehen, bevor wieder eine Erholung einsetzen werde. Die Wirtschafts- und Finanzbehörden kamen in Seoul zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, um über Maßnahmen gegen mögliche Auswirkungen des Brexit zu beraten.

Große Verunsicherung machte sich auch unter Anlegern in Australien breit: Der S&P/ASX 200 in Sidney ging 3,1 Prozent schwächer bei 5117 Punkten aus dem Handel. „Durch den Brexit entsteht viel Unsicherheit. Und Investoren mögen keine Unsicherheit“, sagte der australische Ökonom Tony Farnham.

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IfO-Präsident fordert nach Brexit-Schock rasches politisches Handeln

Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest, forderte rasches politisches Handeln. "Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen", erklärte er am Morgen.

Großbritannien müsse "so weit wie möglich" in den europäischen Binnenmarkt integriert bleiben, forderte Fuest. "Es ist wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt." Fuest bezeichnete den Sieg des Brexit-Lagers als "Niederlage der Vernunft".

Der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint Gropp, sagte "tiefgreifende Konsequenzen" für Großbritannien und Europa voraus, sowohl politisch als auch ökonomisch. Viel werde von den nun anstehenden Austrittsverhandlungen abhängen. "Am Ende wird hoffentlich klar sein, dass beide Seiten von einer schnellen Einigung nur profitieren können", mahnte er.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) nannte die Entscheidung der Briten "eine historische Zäsur". Der Brexit sei "ein großer Verlust für alle Beteiligten: Die Briten verlieren an Gewicht auf der weltpolitischen Bühne und zugleich ihren Zugang zum weltweit größten Binnenmarkt." Die EU wiederum müsse den Verlust "ihres wichtigsten Finanzplatzes" London und damit "ihres Tors zum Commonwealth sowie in die USA" hinnehmen.

Diese Folgen könnte der Brexit für Deutschland haben.

afp/dpa/kg

Rubriklistenbild: © dpa

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