Reaktion auf Zinstief

Commerzbank will Tausende Stellen streichen

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Die Commerzbank plant angesichts der schweren Branchenkrise den Wegfall von rund 7300 Vollzeitstellen. Foto: Frank Rumpenhorst

Die Commerzbank setzt - mal wieder - den Rotstift an. Nach dem Milliardengewinn 2015 ist die deutsche Nummer zwei auf dem harten Boden der Tatsachen angekommen. Der neue Vorstandschef steuert um.

Frankfurt/Main (dpa) - Der neue Commerzbank-Chef Martin Zielke will das Institut mit einem harten Sparkurs und einem radikalen Umbau aus der Krise führen. Bis Ende 2020 sollen unter dem Strich 7300 der derzeit gut 45 000 Vollzeitstellen wegfallen, wie das Institut mitteilte.

Dabei will der teilverstaatlichte Dax-Konzern 9600 Stellen streichen und gleichzeitig rund 2300 neue Arbeitsplätze in Wachstumsfeldern schaffen. Die endgültigen Entscheidungen will der Vorstand nach Beratungen mit dem Aufsichtsrat an diesem Freitag treffen.

Ob es betriebsbedingte Kündigungen geben wird, ließ das Institut zunächst offen. Die Bank rechnet damit, dass das Sparprogramm über die Jahre rund 1,1 Milliarden Euro etwa für Abfindungen kosten wird. Um dies zu finanzieren, müssen die Aktionäre - entgegen bisheriger Pläne - vorerst auf eine Dividende verzichten.

Ein Großteil der "Strategie Commerzbank 4.0" war bereits in den vergangenen Tagen durchgesickert. Die Börse reagierte ernüchtert: Commerzbank-Aktien gaben nach der Mitteilung zur neuen Strategie ihre vorherigen Gewinne ab und drehten ins Minus.

Mit dem Umbau stemmt sich der seit Mai amtierende Vorstandschef Zielke gegen den neuerlichen Gewinnschwund. Das Institut kämpft wie die Konkurrenz mit den Folgen des anhaltenden Zinstiefs und deutlich verschärften Auflagen der Aufseher. Im ersten Halbjahr brach der Überschuss im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 40 Prozent auf 372 Millionen Euro ein. Schon in den vergangenen drei Jahren hatte die Bank unter Zielkes Amtsvorgänger Martin Blessing etwa 5000 Stellen gestrichen.

Künftig will sich die Commerzbank auf zwei Geschäftsfelder konzentrieren: Privatkunden sowie Firmenkunden. Dazu werden die Segmente Mittelstandsbank und das Investmentbanking gebündelt und das schwankungsanfällige Handelsgeschäft eingedampft. Zudem sollen kleinere Unternehmenskunden künftig vom Privatkundenbereich betreut werden. So will das Management Risiken reduzieren.

Auch Investitionen sind geplant. So will die Bank ihre Aufgaben massiv automatisieren. Rund 80 Prozent der Prozesse sollten künftig digital ablaufen. Davon verspricht sich das Management "signifikante Effizienzgewinne". An ihrem im Branchenvergleich umfangreichen Filialnetz will das Institut nach früheren Aussagen festhalten.

Die Gewerkschaft Verdi reagierte skeptisch auf die Pläne - vor allem dürfe es nicht zu betriebsbedingten Kündigungen kommen. "Angesichts der Dimension des geplanten Umbaus ist der Vorstand aufgefordert, vor Aufnahme der Verhandlungen gegenüber der Belegschaft eine belastbare Erklärung zum sozialverträglichen Umgang und zur Vorgehensweise abzugeben", betonte Christoph Meister aus dem Bundesvorstand. Es habe bereits viele Jobverluste in den vorigen Jahren gegeben.

"Der Vorstand muss jetzt aufzeigen, dass sich die anhaltende Niedrigzinsphase, Digitalisierung und Regulierung nicht zu einem gefährlichen Gift-Cocktail für gut qualifizierte Bankbeschäftigte entwickeln", verlangte der Gewerkschafter. Grundsätzliche Zustimmung signalisierte Meister aber mit Blick auf die Strategie insgesamt: Der geplante Schwerpunkt auf Privat- und Firmenkunden könne auch die Filialen stärken. Es bestünden aber noch viele Unklarheiten.

Im Zuge des neuerlichen Schrumpfkurses muss die Bank bereits in der Bilanz für das dritte Quartal Abschreibungen von rund 700 Millionen Euro vornehmen. Deshalb erwartet sie in der Zwischenbilanz einen Verlust. Für das Gesamtjahr rechnet die Commerzbank dennoch mit einem leichten Überschuss.

Angesichts des Drucks durch die niedrigen Zinsen erwartet die Bank keine großen Sprüngen bei den Einnahmen. Die Erträge sollen 2020 bei 9,8 Milliarden bis 10,3 Milliarden Euro landen, 2015 waren es knapp 9,8 Milliarden. Deshalb setzt die Bank für die Verbesserung der Profitabilität den Rotstift an. Durch das Sparprogramm sollen die jährlichen Kosten von zuletzt 7,1 Milliarden auf 6,5 Milliarden Euro sinken. Damit könnte das Verhältnis der Kosten zum Ertrag unter 66 Prozent sinken.

Für den Fall wieder steigender Zinsen stellt die Commerzbank Erträge von mehr als elf Milliarden Euro in Aussicht. Dann könnte die Aufwandsquote auf unter 60 Prozent fallen. Viele Analysten hatten in den vergangenen Jahren bemängelt, dass die Bank mehr Geld als die meisten internationalen Konkurrenten für Erträge aufwenden musste.

Durch den Umbau will die Bank auch ihre Kapitalpolster stärken. Nach einem Rückgang der harten Kernkapitalquote im zweiten Quartal auf 11,5 Prozent soll dieser wichtige Puffer gegen Schieflagen schon im dritten Quartal wieder steigen. Zum Jahresende rechnet die Bank mit einer Quote von knapp 12 Prozent. Bis 2020 soll der Wert, der die Risikopositionen der Bank ins Verhältnis zum Eigenkapital setzt, auf mehr als 13 Prozent steigen.

Die Commerzbank war nach der riskanten Übernahme der Dresdner Bank kurz vor dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 ins Schleudern geraten. Mit mehr als 18 Milliarden Euro Steuergeldern rettete der Staat das Institut, bis heute ist der Bund mit gut 15 Prozent an der Bank beteiligt. Von den Folgen der Krise erholte sich der Konzern nur langsam. 2015 jedoch schrieb die Commerzbank wieder einen Milliardengewinn und der langjährige Vorstandschef Blessing konnte sich in diesem Frühjahr mit der ersten Dividende seit 2007 verabschieden. Doch schon damals wackelte das Vorhaben, den Milliardengewinn 2016 zu wiederholen, im Sommer kassierte der neue Konzernchef Zielke dieses Ziel.

Zahlen zur Commerzbank

Commerzbank kappt Jobs und baut Konzern um

Zinstief und Regulierung drücken Gewinn

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