HP tritt sein TouchPad in die Tonne

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Hewlett-Packard richtet sich neu aus.

Berlin/Palo Alto - Hewlett-Packard steht vor dem größten Wandel seiner Geschichte. Der frühere SAP-Chef Léo Apotheker will das PC-Geschäft abstoßen und auf Software und Dienstleistungen setzen.

Jetzt will Hewlett-Packard, der weltgrößte Computer-Produzent, sein PC-Geschäft loswerden, das fast ein Drittel der Konzernerlöse einbringt. Weil es nach Ansicht des deutschen Konzernchefs Léo Apotheker nicht mehr genug Rendite abwirft. Und weil sich HP bei lukrativen neuen Geräteklassen wie Smartphones und Tablets den Rivalen Apple und Google geschlagen geben muss. Der Anteil des HP-Betriebssystems webOS am Smartphone-Markt war zuletzt kaum nennenswert. Als Konsequenz lässt HP die webOS-Geräte nun komplett fallen. Für den iPad-Herausforderer TouchPad ist damit nach gerade einmal 49 Tagen schon Schluss.

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“Das sind schwierige Entscheidungen“, räumte Apotheker am Donnerstagabend ein. “Aber unsere webOS-Geräte haben nicht genug Zugkraft am Markt für Endkunden entfaltet, und wir sehen beim Marktanteil eine zu lange Strecke vor uns.“ Im Klartext: Das TouchPad hatte aus Sicht seines Herstellers keine Chance gegen Apples iPad und die Tablet-Computer mit dem Google-System Android.

Viel Zeit hat Hewlett-Packard seinem TouchPad nicht gegeben. Das Gerät kam in der ersten Juli-Woche auf den Markt. Dass es reißenden Absatz finden würde, konnte niemand erwarten. Bald gab es Preissenkungen für das Gerät, in Deutschland von 479 auf 399 Euro in der Version mit 16 Gigabyte Speicher. Gleichwohl sitzen etwa die Filialen des Elektronikhändlers Best Buy in den USA “auf einem Haufen unverkaufter HP-Tablets“, wie das Technik-Blog “All Things Digital“ berichtete.

HP-Finanzchefin Catherine Lesjak erklärte, das Unternehmen habe vor einem Jahr klare Zielvorgaben für den Erfolg der webOS-Plattform festgelegt. Der Verkauf des TouchPads habe die Erwartungen verfehlt: “Wir wollten webOS als die klare Nummer 2 bei den Plattformen für Tablet-Computer etablieren. Aber mit einem so jungen Ökosystem und einer schwach angenommenen Hardware waren wir nicht in der Lage, unser Ziel zu erreichen.“

Neben dem TouchPad stellt HP auch das Geschäft mit webOS-Smartphones ein. Dazu gehören Palm Pre, HP Pre und HP Veer. Der Markenname Palm steht für die Wurzeln von webOS: Das auf der Grundlage von Linux entwickelte Betriebssystem für mobile Geräte wurde im Januar 2009 vom Handheld-Pionier Palm vorgestellt und von Experten sehr gelobt. Aber Palm kam auf keinen grünen Zweig und wurde im April 2010 für 1,2 Milliarden Dollar von HP gekauft.

“Wir wollen WebOS auf alle Geräte bringen, die HP produziert“, sagte Apotheker noch im März während einer Videoschaltung mit Journalisten in Böblingen. “Das sind dann etwa 100 Millionen Geräte im Jahr, was die Sache sehr attraktiv für Entwickler macht.“

Umso schockierter sind jetzt die Programmierer von Anwendungen für die mobilen HP-Geräte. “Das ist ein Schlag ins Gesicht der webOS-Entwickler“, sagte Rene Hennig von der Firma gjuce GmbH der Nachrichtenagentur dpa. “Da wird uns Entwicklern die gesamte Grundlage unter dem Boden weggerissen.“ Jetzt bestehe nur noch die Hoffnung, dass ein Partner gefunden werde, der weiter Geräte mit webOS herstellen werde.

Ärger und Fassungslosigkeit bestimmten am Freitag auch die Kommentare in einem Blog von webOS-Nutzern in Deutschland. “Es ist viel zu früh, die Entwicklung von webOS so schnell aufzugeben, nur ein halbes Jahr nach der Vorstellung neuer Geräte“, sagte Blog-Betreiber Julian Frigger. “Wie viele andere wollte ich das System mit dem Kauf des Geräts unterstützen, habe jetzt aber für 480 Euro ein Gerät gekauft, das nicht mehr aktuell ist und voraussichtlich keine Updates mehr bekommt.“

Was nach dem Aus für die Geräte aus dem Betriebssystem wird, ist noch unklar. Der für webOS zuständige HP-Manager Stephen DeWitt sagte nach einem Bericht des Blogs “This is my next“, webOS werde wahrscheinlich an andere Gerätehersteller lizenziert - allerdings stören sich mögliche Kandidaten wie Samsung oder HTC vermutlich daran, dass webOS bislang allein auf die Prozessorarchitektur von Qualcomm ausgerichtet ist und keine anderen Chipsätze unterstützt.

Eine ganz andere Möglichkeit würde darin bestehen, die Software unter eine Open-Source-Lizenz zu stellen und einer engagierten Entwicklergemeinde zu übergeben. Das dies durchaus erfolgreich sein kann, hat Google mit seinem Android-System bewiesen.

Zurück zu Software und Dienstleistungen

Zählt man Notebooks und Tablets zusammen, ist Apple der weltgrößte Hersteller mobiler Computer, wie die Marktforscher von DisplaySearch errechneten. Und macht dabei wie bei allen seinen Geräten üppige Gewinne. “Der Tablet-Effekt ist real“, gab auch Apotheker in der Telefonkonferenz nach den Ankündigungen zu Protokoll. Hewlett-Packard bekommt ihn vor allem im PC-Geschäft mit Verbrauchern zu spüren, in dem der Umsatz im vergangenen Quartal um 17 Prozent absackte. Die Lösung von Apotheker ist radikal: Raus aus den margenschwachen Geschäftsbereichen, hin zu dem, was er seit seiner Zeit als SAP-Manager am besten kennt - Software.

Mit dem milliardenschweren Kauf des britischen Spezialanbieters Autonomy will HP groß ins Geschäft mit Software für Unternehmen einsteigen. Damit positioniert er den einstigen Elektro-Pionier noch stärker als Rivalen für seinen früheren Arbeitgeber SAP - und den US-Konzern Oracle, mit dem HP in einem emotional geführten Kampf verwickelt ist. Besonders brisant: Mark Hurd, Apothekers geschasster Vorgänger im Chefsessel von HP, spielt jetzt eine führende Rolle bei Oracle.

Mit der Entkernung folgt Hewlett-Packard überraschend deutlich dem Weg, den vor einigen Jahren IBM einschlug. Der Computerpionier verkaufte 2005 sein PC-Geschäft an die chinesische Firma Lenovo und setzte auf Großrechner und vor allem das Dienstleistungsgeschäft. “Ich glaube nicht, dass wir ein IBM-Klon sein wollen“, hatte Apotheker noch im März für den HP-Weg mit einem Dreiklang aus Software, Hardware und Dienstleistungen geworben. Der Geräte-Bereich wird nun auf Server und Speicher für Firmen-Netzwerke und Drucker reduziert. Dabei hatte HP vor knapp zehn Jahren noch mehr als 20 Milliarden Dollar für den PC-Hersteller Compaq ausgegeben. Gründer-Sohn Walter Hewlett versuchte schon damals, den Deal zu torpedieren - weil er die Computer-Produktion für wenig lukrativ hielt.

Apotheker setzt jetzt - wie von Investoren schon lange gefordert - auf ertragsreiche Geschäftsbereiche, zu denen die Personal Computer schon lange nicht mehr gehörten. Beim Verhältnis von Umsatz und operativem Ergebnis fiel die Personal Systems Group (PSG) ganz klar aus der Reihe - im vergangenen Quartal lag die Rendite bei lediglich 5,9 Prozent. Die Software war besonders margenstark mit 19,4 Prozent. Aber auch Server, Dienstleistungen und Drucker werfen eine Rendite von 13 bis mehr als 14 Prozent ab.

Allerdings ist auch das verbliebene Hardware-Geschäft von Hewlett-Packard alles andere als wolkenfrei. Bei Servern liegt HP im Clinch mit Oracle um die Unterstützung für Itanium-Prozessoren, die das Herz vieler seiner Firmenrechner sind. HP trug den Streit vor Gericht, der Ausgang ist offen. Das Drucker-Geschäft lebt traditionell vor allem von den Tinten-Verkäufen, die massive Konkurrenz drückt auf die Preise. Und Apotheker hat gezeigt, dass er zu radikalen Einschnitten bereit ist, wenn es um Gewinn-Maximierung geht.

dpa

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