Steuern

Für Millionen Rentner wird es eng

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Kleine Renten bleiben steuerfrei. Bei Zusatzeinkünften kann auch der Durchschnittsrentner steuerpflichtig werden.

In Sachen Steuern ist es fünf vor zwölf für Millionen von Rentnern. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zur Steuerpflicht von Ruheständlern.

Im Januar hat sich der Staat bereits an ihre Fersen geheftet und trägt seitdem mit Hilfe gigantischer Datenströme zusammen, was deutsche Ruheständler so alles an Altersbezügen und Kapitalauszahlungen bekommen. Ab Herbst wissen die Finanzämter haargenau, wer ordnungsgemäß Steuern gezahlt hat – und wer nicht.

Rentner können bei den Kontrollen der Finanzämter ab Oktober nicht auf Sonderregeln wie Abschläge hoffen. Das Bundesfinanzministerium sieht dafür keine Notwendigkeit: „Es gibt Härtefallregelungen“, sagte ein Sprecher von Finanzminister Peer Steinbrück ( SPD ) am Montag. Eine Stundung oder ein Erlass seien nach geltendem Recht bereits möglich. Das Ministerium plane aber keine Sonderregelungen wie Rabatte für bestimmte Personenkreise. Dies könne gegen die Grundsätze der Gleichheit und Gleichmäßigkeit verstoßen. Das Ministerium hatte zuvor erklärt, es werde keine Bagatellgrenze für mögliche Steuernachforderungen bei Rentnern geben.

Seit 2005 müssen Rentner grundsätzlich mindestens die Hälfte ihrer Altersgelder versteuern. Durchschnittsrentner sind steuerfrei, bei Zusatzeinkünften können aber auch sie steuerpflichtig werden.

Wer in diesen Fällen keine oder nur eine unvollständige Steuererklärung abgibt, muss mit Nachzahlungen rechnen. Nach Schätzungen könnten bis zu fünf Millionen Menschen betroffen sein. Erich Nöll vom Bundesverband der Lohnsteuerhilfevereine rechnet damit, dass säumige Senioren mit zum Teil hohen Nachzahlungen konfrontiert werden. Unwissenheit schützt nicht vor Ärger mit dem Finanzamt. Selbst Greisen im Pflegeheim bleibe die Steuererklärung womöglich nicht erspart, meint der Steuerfachmann. Ruheständler sollten sich deshalb möglichst jetzt selbst um ihre Steuerpflicht kümmern, bevor das Finanzamt blaue Briefe verschickt. Noch ist genügend Zeit, Versäumtes in Eigeninitiative nachzuholen. Erst nach der Bundestagswahl Ende September dürfte es eng werden: Die Bundesregierung geht davon aus, dass jeder vierte Rentnerhaushalt in der Steuerpflicht steckt. Im Folgenden sechs wichtige Fragen und Antworten zum Thema:

Warum sind Rentner jetzt steuerpflichtig?

Früher hatten die meisten Senioren Ruhe vor dem Finanzamt. Aber mit Einführung des Alterseinkünftegesetzes 2005 hat sich einiges geändert. Seitdem müssen Jahr für Jahr mehr Rentner und Pensionäre Steuern zahlen. Freibeträge und Steuervergünstigungen sorgen allerdings dafür, dass auch weiterhin drei Viertel der knapp 15 Millionen Rentnerhaushalte überhaupt keine Steuererklärung abgeben müssen, wie Stiftung Warentest betont.

Wer ist aus dem Schneider?

Wer nur eine kleine bis mittlere gesetzliche Rente bekommt und allerhöchstens noch Zinsen hat – wie ein Großteil der Ruheständler – bleibt voraussichtlich vom Fiskus verschont. Folgende Grenze kann eine Orientierung bieten: Bekommen Rentner seit 2005 oder früher lediglich eine gesetzliche Rente, dann bleiben Einkünfte für Alleinstehende von bis zu 18 900 Euro im Jahr (1575 Euro im Monat) steuerfrei. Bei Verheirateten verdoppeln sich die Beträge. Wer eine Pension oder Firmenrente auf Steuerkarte mit Steuerklasse I, II , III oder IV bekommt und keine weiteren Einnahmen hat, muss sich auch keine Sorgen machen. Eine Steuererklärung ist dann nicht nötig. Sobald zusätzlich noch Renten- oder Nebeneinkünfte von mehr als 410 Euro im Jahr anfallen, besteht Steuerpflicht.

Wer muss unbedingt aktiv werden?

Wohlhabende Rentner und Pensionäre rutschen in der Regel in die Besteuerung – häufig ohne es zu wissen. Landen Einkünfte aus mehreren Quellen auf dem Konto, ist in jedem Fall Handeln angesagt. Beispielsweise dann, wenn man eine niedrige gesetzliche Renten erhält, dazu aber noch Zusatzeinkommen verbuchen kann wie eine Betriebs- oder Privatrente, Miet- oder Kapitaleinkünfte wie Zinsen und Dividenden oder auch einen Nebenverdienst. Auch die Witwenrente ist steuerpflichtig. Aufpassen sollten zudem Ehepaare, von denen einer noch arbeitet, wie Marlies Spargen vom Neuen Verband der Lohnsteuerhilfevereine erläutert.

Was darf man nicht vergessen?

Es kann auch passieren, dass das Finanzamt zwar Steuererklärungen verlangt, trotz guter Renten aber keine Steuern kassiert. Betroffene Senioren können nämlich mit Freibeträgen und Pauschalen ihre Steuerlast drücken. Dazu gehört das Absetzen von Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen oder Ausgaben für Haftpflicht-, Unfall- und Sterbegeldversicherungen. Das zu versteuernde Einkommen wird außerdem gedrückt durch Posten wie Spenden, Handwerkerlöhne, Praxisgebühren und Aufwendungen für die Gesundheit wie die Anschaffung von Brille, Zahnersatz oder Fahrten zur Klinik.

Wie hoch ist die Steuerpflicht?

Alle Einkünfte müssen zunächst einmal zusammengerechnet werden, um einen groben Überblick zu bekommen. „Die Materie wird allerdings dann kompliziert, wenn mehrere Rentenbezüge da sind, die unterschiedlich stark besteuert werden“, betont Spargen. Es komme auf viele individuelle Faktoren an. Am günstigsten sei, sich von Lohnsteuerhilfevereinen unter die Arme greifen zu lassen. Beim Abschätzen einer möglichen Steuerpflicht können auch Internet-Rechner weiterhelfen, zum Beispiel der von Finanztest (Stiftung Warentest) unter test.de/rechner. Eine weitere Möglichkeit ist der Alterseinkünfte-Rechner des Bayerischen Landesamts für Steuern unter lfst.bayern.de sowie der Steuercheck-Service der Deutschen Post unter www.rentenservice.de.

Wie hole ich Versäumtes nach?

Wer Steuern nachzahlen muss, sollte Steuererklärungen kommentarlos nachreichen, auf keinen Fall etwas von „Selbstanzeige“ fallen lassen, empfiehlt Stephanie Zipp von der Zeitschrift Finanztest. Wer seine Erklärungen vor Oktober abgibt, hat nichts zu befürchten. Vordrucke gibt es auch für frühere Jahre beim Finanzamt oder im Internet unter bundesfinanzministerium.de, in der Rubrik Formulare A-Z.

Sobald das Finanzamt sich von sich aus meldet, kommen voraussichtlich Zinsen und Säumniszuschläge obendrauf. Strafverfahren haben Betroffene kaum zu erwarten. Brenzlig kann es allerdings werden, wenn ein Rentner bewusst in größerem Stil Steuern hinterzogen hat.

von Berrit Gräber

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