Toyota-Debakel offenbart neue Risiken

+
Toyotas Rückrufaktion offenbart neue Risiken für die ganze Branche.

Hannover/München - Das Toyota-Debakel um defekte Gaspedale offenbart ein neues Promlem der ganzen Autobranche. Experten warnen, auch viele andere Autobauer könnten Probleme bekommen.

Kaum ist die Talsohle in der schweren weltweiten Branchenkrise erreicht, erschüttert das Rückruf-Debakel bei Toyota die Autoindustrie. Die massiven Probleme beim weltweit größten Autobauer werfen ein Schlaglicht auf die gesamte Branche. Sie steht seit Jahren unter Druck, der Wettbewerb wird immer härter. Weltweit gibt es Überkapazitäten, die Expansion in neue Märkte hat an Tempo gewonnen. Dazu steht die Autoindustrie vor dem Aufbruch in ein neues Zeitalter mit Zukunftstechnologien wie Elektro und Hybrid. “Das Problem ist, dass die Fahrzeuge dabei immer komplexer werden“, sagt ein ADAC-Sprecher.

Lesen Sie auch:

Toyota lehnt Umweltpreis für Prius ab

Reparatur von Toyota-Gaspedalen

In Deutschland 215.796 Toyota von Rückruf betroffen

Die Hersteller müssten zwischen Rendite-Erwartung, kürzeren Modellzyklen und einem härter werdenden Preiswettbewerb in einem schwierigen Spannungsfeld agieren. “Trotzdem wäre es natürlich wünschenswert, wenn der Kunde nicht mehr das Versuchskaninchen ist.“ Nach einer Statistik des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) ist die Zahl der Rückrufaktionen in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. “In den vergangenen drei, vier Jahren können Sie von einer konstant hohen Zahl von 140 bis 150 Rückrufaktionen pro Jahr ausgehen“, sagt der ADAC-Sprecher. Und das beziehe sich nur auf die Aktionen, bei denen das KBA informiert werden muss. Betroffen sind davon alle Unternehmen. “Das geht quer durch den Garten.“

Gefahr der "Gleichteile-Strategie"

Um Kosten zu senken, neue Modelle schneller zu entwickeln und Autos profitabler zu verkaufen, setzt die Branche seit einigen Jahren auf die “Gleichteile-Strategie“: Gleiche Teile werden in möglichst viele verschiedene Autos eingebaut. Allerdings sind dadurch auch neue Risiken entstanden. Denn wenn es Probleme bei einem Teil gibt, sind gleich viele verschiedene Modelle betroffen. So wurden die möglicherweise klemmenden Gaspedale bei Toyota in acht Modellreihen eingebaut - weltweit waren gut acht Millionen Autos betroffen. Das gleiche Problem hat der französische Autokonzern PSA Peugeot Citroën - der Peugeot 107 und der Citroën C1 sind baugleich zum Toyota Aygo. Auch der zweitgrößte japanische Autobauer Honda musste wegen fehlerhafter Airbags weltweit fast eine Million Wagen in die Werkstätten rufen.

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen spricht mit Blick auf Toyota von einer “Kettenreaktion“, die nicht mehr beherrschbar gewesen sei. Das Toyota-Debakel sei “der erste große GAU“ der Gleichteile-Strategie. “Diese Strategie hat Risiken. Wenn es einmal kracht, kracht es gewaltig. Diese Risiken haben die anderen Autobauer auch.“ Im VW-Konzern zum Beispiel basierten allein mehr als 20 Modelle der Marken VW, Audi, Seat und Skoda auf der Golf-Plattform. Gerade bei Volkswagen müssten “die Warnlampen“ angehen, sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. “Die Wachstumsgeschwindigkeit ist nun genau die gleiche, die Toyota seit dem Jahr 2000 hat.“ Insofern bewegten sich die Wolfsburger, die bis spätestens 2018 die weltweite Nummer eins werden wollen, auf einem ähnlichen Risiko-Level wie Toyota.

“Es gibt keinen Weg zurück“

Eine Alternative zur Gleichteile-Strategie sieht Bratzel aber trotz der Risiken nicht. “Es gibt keinen Weg zurück.“ Entweder die Autobauer hielten an der Strategie fest oder sie würden im harten Wettbewerb nicht überleben. “Keiner ist bereit, 2000 oder 3000 Euro mehr zu bezahlen für ein Auto, auch der Kunde nicht.“ Die Hersteller müssten allerdings überlegen, ob sie ihre Qualitätssicherung intensivierten und ihre Entwicklungszeiten für neue Modelle wirklich weiter reduzieren wollten. Zudem müsse das Verhältnis zu den Zulieferern auf den Prüfstand kommen, die immens unter Druck stehen. Die Autohersteller müssten möglicherweise intensiver mit den Zulieferern zusammenarbeiten - und ihnen mehr Zeit und mehr Geld geben.

dpa

Meistgelesene Artikel

Schickedanz-Milliardenstreit: Erneute Verschiebung

Immer wieder hat das Kölner Landgericht seine Entscheidung im milliardenschweren Klagefall Schickedanz verschoben. Ein außergerichtlicher Vergleich …
Schickedanz-Milliardenstreit: Erneute Verschiebung

Was Trumps Warnung für deutsche Autobauer bedeutet

Berlin/München - Kurz vor seinem Amtsantritt hat Donald Trump die deutschen Autobauer abgewatscht, namentlich BMW. Doch was bedeutet das für die …
Was Trumps Warnung für deutsche Autobauer bedeutet

Möbelmesse IMM in Köln gestartet - "Faulheit sells"

Köln (dpa) - Die internationale Möbelmesse IMM hat in Köln begonnen. Bis Sonntag werden etwa 150 000 Besucher erwartet. In den ersten vier Messetagen …
Möbelmesse IMM in Köln gestartet - "Faulheit sells"

Kommentare