Bilanz-PK am Donnerstag

VW-Chef Müller: Persönlich bei Barack Obama für Diesel-Skandal entschuldigt

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VW-Chef Matthias Müller am Donnerstag bei der Bilanzvorstellung in Wolfsburg.

Wolfsburg/Berlin - Der Diesel-Skandal dürfte Volkswagen noch lange belasten. Während die Aufarbeitung der schwersten Krise in der Firmengeschichte weitergeht, muss sich Deutschlands größter Konzern schon für die nicht minder schwierige Zukunft rüsten. Gelingt die Gratwanderung?

Volkswagen kämpft weiter mit dem massiven Flurschaden der Abgas-Affäre und muss zugleich den tiefgreifenden Umbruch in der Branche stemmen. Der milliardenteure Skandal um weltweit rund elf Millionen manipulierte Fahrzeuge wird noch länger aufgearbeitet. Doch parallel dazu will Europas größter Autobauer seine Zukunft bei wichtigen Themen wie Elektromobilität, Digitalisierung und neuen Dienstleistungen sichern.

Weil sich die Umrüstung des Passat weiter verzögert, zieht VW das Massenmodell Golf ab kommendem Dienstag (3. Mai) vor, wie Markenchef Herbert Diess bei der Bilanzvorlage am Donnerstag in Wolfsburg sagte. Der Passat hätte mit ersten Varianten bereits von Ende Februar an für ein Software-Update zurückgerufen werden sollen. Jetzt kommt zuerst der Golf an die Reihe, für den sich VW mit dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) auf ein entsprechendes Vorgehen einigte.

Der Golf-Rückruf gilt zunächst für 15 000 Wagen mit Schaltgetriebe und 2,0-Liter-Motor. Für die gesamte Werkstattaktion auch anderer Modelle schließt Konzernchef Matthias Müller inzwischen eine Dauer über das Jahresende hinaus nicht mehr aus: „Die bisherige Zielsetzung bleibt erst mal bestehen. Aber wir müssen später sehen, ob dies eventuell doch bis ins 1. Quartal (2017) gestreckt werden muss.“

Müller dementiert Spekulationen über Verkaufsabsichten einzelner Marken

Verkäufe einzelner Marken zur Bewältigung der Krise sind für Müller derzeit kein Thema. „Wir befassen uns mit dieser Frage gegenwärtig nicht“, sagte er zu Spekulationen über Verkaufsabsichten bei der Truck-Holding mit MAN und Scania. Wegen der Abgas-Krise hatte VW schon einen Finanzpuffer von 16,2 Milliarden Euro gebildet, der 2015 unterm Strich einen Rekordverlust von 1,6 Milliarden Euro brachte. „Ob da weitere Beträge dazu kommen, wissen wir nicht.“ Vor allem die ohnehin ertragsschwache Kernmarke VW musste weitere Belastungen verkraften.

In dem Zwölf-Marken-Konzern wächst zudem der Druck, trotz eines verschärften Sparkurses mehr Mittel in die Neuausrichtung zu stecken. Die Autobranche erlebt mit der steigenden Vernetzung riesige Umwälzungen. „Wir unterhalten uns nicht mit Apple und Google“, stellte Müller zu möglichen Kooperationen mit den US-Internet-Riesen klar. Mit wem nun zusammengearbeitet werde, wollte er nicht verraten. Aber: „Die Zeiten, in denen unsere Branche sich abgeschottet hat, gehören endgültig der Vergangenheit an.“

Finanzchef Frank Witter räumte ein, dies sei eine herausfordernde Strategie: „Wir sehen steigenden Bedarf in Investitionen in neue Antriebs- und Mobilitätskonzepte, Urbanisierung und Digitalisierung. Gleichzeitig sehen wir aber auch die Notwendigkeit, die Investitionen nicht nur absolut, sondern auch im Verhältnis zum Umsatz zu senken.“ Dazu gehört auch der Umwelt- und Klimaschutz. Im Ringen um eine Einigung mit den US-Behörden rechnet VW mit Milliardenkosten vor allem für Umweltprojekte. Dafür veranschlagt der Konzern rund 1,8 Milliarden Euro.

Persönliche Entschuldigung bei US-Präsident Barack Obama

In den USA ermitteln die Justizbehörden gegen VW. Beim Besuch von Präsident Barack Obama am vorigen Wochenende in Hannover habe er sich persönlich für den Diesel-Skandal entschuldigt, berichtete Müller. Dabei habe er Obama darauf hingewiesen, dass er auch im Interesse der Mitarbeiter und ihrer Familien alles für eine Lösung tun werde. Die Begegnung am Rande der Industrieschau Hannover Messe sei konstruktiv gewesen: „Wir können mit Zuversicht in die weiteren Gespräche gehen.“ VW-Rechtsvorstand Christine Hohmann-Dennhardt sagte, der Konzern tue alles dafür, dass die drohenden Milliardenstrafen in den USA „erträglich“ blieben.

Die üppigen Gehälter der VW-Vorstände sind infolge von „Dieselgate“ für 2015 deutlich geringer ausgefallen als zuvor. Im Geschäftsbericht stehen Gesamtbezüge von mehr als 60 Millionen Euro - die aktuellen Vorstände hatten sich bereiterklärt, einen Teil des Anspruchs auf die umstrittenen Bonuszahlungen diesmal zurückzustellen. Etwa 30 Prozent der variablen Vergütung werden in Aktien umgewandelt und geparkt.

Vorstands-Boni: "Verstehe nicht, dass die Diskussion in die Öffentlichkeit getragen wurde"

Ex-Chef Martin Winterkorn muss finanziell deutlich Federn lassen. Der Ende September 2015 zurückgetretene Manager, dessen Vertrag aber noch bis Ende 2016 weiterläuft, erhält für das vorige Jahr 7,3 Millionen Euro. 2014 hatte Winterkorn noch fast 16 Millionen Euro kassiert und war mit Abstand höchstbezahlter Manager aller Dax-Konzerne gewesen.

Das Gehaltsminus liegt vor allem an der gesunkenen mehrjährigen variablen Vergütung, die ein Teil des Vorstands-Salärs ist. Neuer Spitzenverdiener im Volkswagen-Vorstand ist nun der Chef der schweren Nutzfahrzeuge, Andreas Renschler, mit fast 15 Millionen Euro. Er war im Winter 2015 von Daimler in den VW-Konzern gewechselt.

Müller kritisierte die Debatte über die Vorstands-Boni: „Ich verstehe die öffentliche Diskussion - ich verstehe nicht, dass die Diskussion in die Öffentlichkeit getragen wurde.“ Der niedersächsische Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil (SPD) etwa hatte den Vorstand mehrfach zu einem Bonusverzicht aufgefordert. Müller sagte aber, es gebe keine Kluft zwischen Vorstand und Aufsichtsrat.

dpa

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