„Haben im Gebirge nichts verloren“

Thesen von Alpenforscher bergen Zündstoff: Er plädiert für Wolfsabschuss und E-Bike-Bann

Braunvieh im Karwendelgebirge
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Braunvieh auf einer Almwiese im Karwendelgebirge
  • Dominik Göttler
    VonDominik Göttler
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Harte Arbeit, wenig Ertrag: Die Arbeit auf insgesamt rund 30.000 Almen in den Alpen sei mühsam. Alpenforscher Werner Bätzing sieht die Betriebe in Gefahr. Und fordert konkrete Schritte.

München/Bad Hindelang – Für Werner Bätzing sind die Almen und Alpen mehr als nur eine Sonderform der Landwirtschaft. „Gerade für Städter sind die Almen ein Sehnsuchtsraum“, sagt der renommierte Alpenforscher. „Sie sind ein Mythos für die ursprüngliche Natürlichkeit.“ Und das, obwohl es sich bei der Bewirtschaftung der Bergwiesen keineswegs um ursprüngliche Natur handelt, sondern um eine jahrhundertelang praktizierte Form der Kulturlandschaft.

Almen in Bayerns Alpen: Forscher Bätzing macht drei Kernprobleme aus

Doch Bätzing, Professor für Kulturgeographie am Institut für Geographie der Universität Erlangen-Nürnberg, sieht die rund 30.000 Almen in den Alpen in Gefahr. Am Montag hat er in Bad Hindelang seine neue Bibliographie zur Alm- und Alpwirtschaft vorgestellt, in der er auf mehr als 300 Seiten 2400 Werke in sechs Sprachen aufgelistet hat – für alle, die sich einen Überblick über die aktuelle und vergangene Forschung zur Almwirtschaft verschaffen wollen. Und er hat drei Probleme ausgemacht, die den Almbauern besonders zu schaffen machen.

Werner Bätzing

1. Der ökonomische Druck. Während weniger produktive Flächen aufgegeben werden und zuwachsen, würden produktive Flächen immer intensiver genutzt, um mit den großen Agrarbetrieben im Tal mithalten zu können. Nur mit dem Erlös für ihre Produkte können die Gemeinwohlleistungen der Almbauern von der naturverträglichen Landschaftspflege bis zum kulturellen Erbe in den Regionen nicht abgegolten werden, sagt Bätzing. Deshalb müsste aus seiner Sicht die staatliche Förderung für die Almwirtschaft noch weiter ausgebaut werden.

2. Die Raubtiere. Gegen die Ausbreitung des Wolfes gehen viele Almbauern schon seit Jahren auf die Barrikaden. Und auch Bätzing sagt: Herdenschutzmaßnahmen seien gerade in den hohen Lagen nur schwer umsetzbar. „Deshalb muss der Wolf auf Distanz gehalten werden“, fordert Bätzing. Heißt: Abschuss in der Nähe der Almen. Dazu müsste aus Bätzings Sicht der Schutzstatus des Wolfes gelockert werden – denn der sei noch auf dem Stand der 1970er-Jahre. Kürzlich appellierte auch ein Pfarrer für mehr Abschuss und forderte wolfsfreie Zonen.

Bayerische Alpen: Massentourismus schadet mehr, als dass er nützt

3. Der Tourismus. Erschrockene Tiere, Lärm, Wildcampen – „Wanderer und E-Biker belasten durch unangemessenes Verhalten die Almwirtschaft“, sagt Bätzing. Daneben würden immer mehr Almdörfer in Hotellandschaften umgewandelt. Doch Massentourismus schade den Alpenregionen mehr, als er Wertschöpfung bringe, sagt Bätzing. „Ein nicht reglementierter Ausflugstourismus hinterlässt nur verbrannte Erde. Deswegen brauchen wir deutlich mehr Lenkungsmaßnahmen und Aufklärung.“ Denn viele Ausflügler hätten gar keine Ahnung mehr davon, was auf den Almen eigentlich passiert. Und er ist der Meinung: „E-Biker haben im Gebirge nichts verloren.“ Es handelt sich um ein komplexes Problem*.

Starke Thesen, die Bätzing da in Bad Hindelang vorträgt. Doch er ist überzeugt davon, dass es sich lohnt, die Herausforderungen für die Almwirtschaft anzupacken. Denn für ihn sind die Almen auch ein Symbol. „Sie zeigen uns exemplarisch, dass es möglich ist, wertvolle Lebensmittel herzustellen und gleichzeitig die Artenvielfalt zu vergrößern und klimafreundlich zu wirtschaften.“ Deswegen, so Bätzing, „dürfen die Almen auf keinen Fall verloren gehen“. *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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