„Seehofer hat unsere Heimat verkauft“

Atom-Endlager am Chiemsee: Söder übt scharfe Kritik am Suchverfahren - „Jetzt geben wir den Bayern einen mit“

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung stellte am Montag seine Ergebnisse bei der Suche nach Atom-Endlager vor. Viele Teile Bayerns wären dafür geeignet.

  • Die Bundesgesellschaft für Endlagerung hat 90 Gebiete für Atom-Endlager in Deutschland für geeignet erklärt.
  • Mehr als die Hälfte Bayerns könnte als Endlagerstätte dienen.
  • Bayerische Politiker zeigen sich aufgrund der Ergebnisse ungehalten.

Peine - Neue Runde im ewigen Streit um ein Atommüll-Endlager: Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) stellte gestern eine Landkarte vor, wo überall vom Gestein her ein Endlager für den radioaktiven Müll möglich wäre. Das Ergebnis: 90 Gebiete in Deutschland wären als Atommüll-Kippe für die Ewigkeit geeignet – darunter mehr bayerische Gebiete als erwartet.

Gorleben fällt als Atommüll-Endlager durch

Dass das Fichtelgebirge und der Bayerische Wald mit ihren festen Granitgesteinen auf der Liste stehen würden, war zu erwarten. Doch jetzt taucht sogar die Chiemsee-Region in der Karte auf – konkret Gebiete mit Tongestein in der Gegend rund um Rosenheim, Mühldorf und Burghausen. Zudem bieten sich laut BGE in Bayern alle Gebiete nördlich einer Linie etwa auf der Höhe von Augsburg* und Landshut an, weil hier Granit im Boden vorkommt.

Diese Gebiete kämen als potenzielle Atom-Endlager in Frage.

Insgesamt sind 54 Prozent der Fläche der Bundesrepublik theoretisch geeignet, um die rund 1900 Behälter mit Atommüll, die derzeit in Deutschland in Zwischenlagern verteilt sind, aufzunehmen. 74 Teilgebiete liegen in Salzgestein, neun in Tongestein und sieben in kristallinem Gestein, also Granit. Ausgerechnet Gorleben, der seit 43 Jahren politisch als Endlager geplante und umkämpfte Salzstock, gehört aber nicht dazu: BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz begründete dies mit einem mangelhaften Rückhaltevermögen des Salzstocks. In Gorleben wurden bereits zwei Milliarden Euro investiert – umsonst. Bayerns Umwelt­minister Thorsten Glauber (Freie Wähler) kritisierte: „Das weitere Verfahren hat ohne Gorleben ein Glaubwürdigkeitsproblem.“

Fast ganz Bayern könnte als Atommüll-Endlagerstätte dienen - Söder mit Kritik

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sieht die Endlagersuche zwar ebenfalls skeptisch, betonte aber, es werde „keine Totalblockade“ geben. Scharf kritisierte Söder jedoch das breit angelegte Suchverfahren. Fast Zweidrittel von Bayern seien nun zu Teilgebieten erklärt worden. Das werde viele Menschen verunsichern. Unterfranken, Oberfranken, Mittelfranken, die Oberpfalz, und Niederbayern seien komplett in der Auswahl, Schwaben etwa zur Hälfte und auch Oberbayern sei massiv betroffen.

Der CSU-Chef forderte, es dürfe keine politisch motivierte Entscheidung getroffen werden nach dem Motto: „Jetzt geben wir den Bayern mal einen mit.“ Dabei bekräftigte er die Einschätzung der CSU*, dass in Bayern kein Standort infrage komme.

Auch auf dem kürzlich stattgefunden CSU-Parteitag fand Bayerns Ministerpräsident Markus Söder klare Worte.

Bayerns Kritik spiele für das BGE keine Rolle, konterte BGE-Geschäftsführer Stefan Studt: „Das mag Herr Glauber nun gut finden oder nicht. Wir arbeiten rein wissenschaftlich.“ Dass Bayern die Auswahl von zerklüftetem Granitgestein nun kritisiere, sei überraschend, immerhin habe auch Bayern dem bundesweiten Suchverfahren wiederholt zugestimmt, so Studt. In der Tat war es der damalige Ministerpräsident Horst Seehofer, der dem Verfahren 2013 zugestimmt hatte, nach rein wissenschaftlichen Kriterien zu suchen. Die Freien Wähler kritisieren, Seehofer habe das getan, damit er im Gegenzug „den naiven Wahlkampfschlager Ausländermaut“ bekomme: „Für ein ‚Linsengericht‘ hat Seehofer damit unsere Heimat Bayern verkauft“, so FW-Fraktionschef Florian Streibl.

Das sagt der Landrat von Rosenheim dazu, dass der Chiemsee als Atom-Endlager infrage kommen könnte

Tatsächlich hat mich die Information der Bundesgesellschaft für Endlagerung heute sehr überrascht. Dennoch möchte ich feststellen, dass wir uns hier erst am Anfang eines langen Prozesses befinden. In den betroffenen Gemeinden des Landkreises Rosenheim leben fast 40 000 Menschen. Mit der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte befindet sich das älteste Naturschutzgebiet Bayerns in diesem Teilbereich. Ich denke, dass nach der Beurteilung all dieser Kriterien diese Umgebung nicht mehr als Endlager in Betracht gezogen wird.

Otto Lederer (CSU), Landrat von Rosenheim

*Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © dpa/Sven Hoppe

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