Gewalt gegen Beamte nimmt zu

Schüsse auf Polizisten - Angst allgegenwärtig

+
"Leb wohl Matze": Im Polizeipräsidium Schwaben-Nord in Augsburg standen Anfang November 2011 ein Kreuz neben Kerzen zum Gedenken an den Polzeibeamten Mathias Vieth.

Augsburg - Vor anderthalb Jahren erschütterte der Mord an dem Augsburger Polizisten Matthias Vieth die Öffentlichkeit. Seither wenden sich vermehrt Beamte mit ihren Ängsten an Seelsorger.

Ein kleines grünes Herz und ein Gedenkstein erinnern im Augsburger Stadtwald an einen kaltblütigen Mord. Am 28. Oktober 2011 wurde dort der 41 Jahre alte Polizist Mathias Vieth im Dienst erschossen, eine Kollegin wurde schwer verletzt. Am Landgericht Augsburg beginnt am Donnerstag (21. Februar) nächster Woche der Prozess gegen die mutmaßlichen Täter. Neben Mord und versuchtem Mord legt ihnen die Staatsanwaltschaft mehrere Raubüberfälle zur Last.

Polizistenmord: Männer mit Messer im Knast?

„Diese schreckliche Tat hat uns alle sensibilisiert. Unter den Kollegen wird immer noch oft darüber gesprochen“, sagt Manfred Gottschalk, Sprecher der Polizei Schwaben Nord. Vielen Polizisten habe die Tat vor Augen geführt, dass sie zu jeder Sekunde und in jedem Augenblick mit dem Risiko leben zu müssen, im Einsatz getötet zu werden.

Ein "Supergau" für die Beamten

Die Kollegen von Mathias Vieth und dessen Familie wurden in den Wochen und Monaten nach der Tat von Seelsorgern der Polizei bei ihrer Trauer und deren Aufarbeitung betreut. „Bei uns rufen auch viele Polizisten an, die persönlich angegriffen worden sind oder Angst davor haben, mit einer Waffe bedroht zu werden“, sagt Andreas Simbeck. Der Landespolizeidekan bezeichnet den Polizistenmord als „Supergau“ für die Gefühlslage der Beamten: „Man wiegt sich in Sicherheit und plötzlich passiert so eine grausame Tat.“ Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums starben im Freistaat seit Ende des Zweiten Weltkriegs 63 Polizisten im Einsatz.

Und die Gefahr wächst, befürchtet die Polizei. Denn Gewalt gegen Beamte habe in den vergangenen Jahren allgemein erheblich zugenommen, sagt Peter Schall, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Teilweise würden Polizisten bei Einsätzen beleidigt, bespuckt oder gestoßen. „Dieses Verhalten ist völlig unverständlich und auf zunehmenden Alkoholkonsum und einen allgemeinen Werteverfall zurückzuführen.“ 2011 gab es allein in Bayern nach Angaben des Innenministeriums 6.909 Übergriffe auf Polizisten. Das waren zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Da wundert es den einen oder anderen schon, dass es noch relativ viele Bewerber für den Polizeidienst gibt. „Es wollen nach wie vor viele junge Leute zur Polizei. Auf eine Stelle kommen sieben Bewerber“, sagt ein Sprecher des Innenministeriums in München.

Rund 20 Seelsorger sind in Bayern im Einsatz

Die Polizistin, die im Oktober 2011 zusammen mit Mathias Vieth auf Streife war und dessen Tod miterleben musste, ist inzwischen wieder im Dienst. Nach wie vor wird die Beamtin, die einen Schuss in die Hüfte erlitt, jedoch von einer Seelsorgerin betreut, wie Polizeidekan Simbeck bestätigt. Ihr Zustand sei inzwischen stabil, sagt Simbeck. „Der Prozess könnte allerdings wieder alte Wunden aufreißen“, befürchtet er. Bei der bayerischen Polizei kümmern sich insgesamt 19 katholische und zehn evangelische Seelsorger um die Polizeibeamten.

Die Polizeigewerkschaften glauben, dass sich bundesweit immer mehr Polizisten nach belastenden Einsätzen von Seelsorgern und Therapeuten helfen lassen. Statistisch wird das jedoch nicht erfasst. „Wir beobachten, dass mit der Gewalt gegenüber Polizisten auch deren Krankheitstage sowie Burnout-Fälle zunehmen“, sagt Rüdiger Holecek, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei. „Mittlerweile gilt Hilfe in Anspruch zu nehmen, nicht mehr als ein Zeichen von Schwäche, sondern als Ausdruck von Professionalität“, sagt Sven-Erik Wecker, Geschäftsführer der Deutschen Polizeigewerkschaft.

Wie können Polizisten besser geschützt werden?

Doch das ist nur die Nachsorge. Wie aber kann der Schutz der Polizisten verbessert werden? Die Gewerkschaft der Polizei fordert vom bayerischen Innenministerium, alle Streifenwagen mit Digitalfunk auszustatten. „Dadurch könnte jedes Polizeiauto im Ernstfall störungsfrei und schneller Hilfe anfordern“, erklärt Peter Schall.

In München ist die Polizei nach Angaben des Innenministeriums bereits mit Digitalfunk ausgestattet, weitere Städte sollen folgen. Auch die Ausrüstung - also Helme, Schutzwesten und Protektoren - wird fortlaufend auf Mängel überprüft. „Wenn Schäden festgestellt werden, wird die Ausrüstung sofort ausgetauscht“, sagt Schall. Mathias Vieth hätte aber auch eine makellose Schutzweste nicht das Leben retten können - der tödliche Schuss traf ihn in den Hals.

dpa

Auch interessant

Meistgelesen

Drei Tote bei Autounfall im Allgäu - ein Mitfahrer im Kofferraum 
Drei Tote bei Autounfall im Allgäu - ein Mitfahrer im Kofferraum 
Laster fährt auf A6 in Nachtbaustelle - Arbeiter stirbt
Laster fährt auf A6 in Nachtbaustelle - Arbeiter stirbt
Motorradfahrer (18) prallt gegen Baum und stirbt
Motorradfahrer (18) prallt gegen Baum und stirbt
Gewitter und Starkregen in Nordbayern - Tiefgarage läuft voll
Gewitter und Starkregen in Nordbayern - Tiefgarage läuft voll

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion