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Wassermassen in Landshut: Stadt spricht von Jahrhundertflut - „Straßen wurden zu reißenden Bächen“

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Von: Dominik Göttler, Thomas Steinhardt, Veronika Ahn-Tauchnitz, Martin Becker

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Wassermassen in der Landshuter Innenstadt
„Wildbäche wo sonst Straßen sind“: Bis zu einem Meter hoch strömte das Wasser am Dienstagabend durch die Landshuter Innenstadt. © Privat

57 Liter Regen pro Quadratmeter in einer halben Stunde: In Landshut stand zum Start des Deutschland-Spiels die gesamte Innenstadt unter Wasser. Die Stadt spricht von einem Jahrhundertereignis.

München/Landshut - Als der Regen kam, versuchte Peter Stix mit seinen Mitarbeitern von der Tafernwirtschaft des Hotel Schönbrunn in Landshut noch schnell, den Biergarten wetterfest zu machen. „Die Schirme waren noch aufgespannt. Wir hatten keine Chance mehr. Alles ist geflogen, es hat geprasselt - das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Eine halbe Stunde später standen Biergarten, Parkplatz und der Keller unter Wasser.

„Dienstag ist bei uns Liefertag“, sagt Stix wenige Stunden nach dem Unwetter, während hinter ihm noch die Feuerwehr das Wasser aus dem Keller pumpt. Dort stand regalweise frische Ware. „Das ist alles kaputt und muss in die Tonne“, sagt der Wirt. Das Restaurant ist vorerst dicht. Die Hochzeits- und Geburtstagsfeiern am Wochenende musste er schon absagen – ausgerechnet jetzt, wo die Menschen nach dem Lockdown wieder in die Gaststuben drängen. „Es ist einfach nur traurig.“

Unwetter in Bayern: Landshut besonders heftig getroffen - Wildbäche statt Straßen

Bei den erneut schweren Unwettern pünktlich zum Start des EM-Fußballspiels der deutschen Nationalmannschaft am Dienstagabend sind in einigen Teilen Bayerns wieder große Schäden entstanden. Am heftigsten traf es Landshut. Eine halbe Stunde Sturm und Starkregen reichte aus, um weite Teile der Stadt zu verwüsten. „Binnen Minuten sind Straßen zu reißenden Bächen geworden“, sagt Feuerwehrsprecher Dominik Zehatschek am Tag nach dem Unwetter. Die Stadt spricht von einem „hundertjährlichen Ereignis“. Innerhalb von nur einer halben Stunde seien 57 Liter Niederschlag pro Quadratmeter gefallen.

„Wir hatten Wildbäche dort wo sonst Straßen sind“, sagt Landshuts Oberbürgermeister Alexander Putz. Er spricht von einem „Sturzflut-Katastrophe“, die seine Stadt so noch nicht gesehen habe. Putz selbst ist kurz nach dem Starkregen durch den Schlamm in der Innenstadt gewatet. Den Geruch werde er so schnell nicht vergessen. „Wie wenn die Flut sich zurückzieht und man geht durch das Watt. Es war nur noch Schlick und Schlamm. Mitten in der Stadt. Unvorstellbar.“

Unwetter in Bayern: Autos werden mitgerissen - Feuerwehr muss Insassen befreien

Riesige Wassermassen seien die Hänge rings um die Stadt heruntergekommen. Nach Auskunft der Feuerwehr rissen die Fluten Autos mit, unterspülten Straßen und schwemmten Unmengen an Schlamm auf die Straßen und in die Häuser. Einige Menschen wurden in ihren Autos von Wasser eingeschlossen. Mit Hilfe der Feuerwehr kletterten sie durch die Autofenster ins Freie. Die ganze Nacht und bis in den nächsten Tag schufteten Rettungskräfte und Bewohner, um Straßen und Häuser von Wasser und Schlamm zu befreien. Bis aus Freising eilten Einsatzkräfte nach Landshut, um den Wassermassen Herr zu werden. Gestern Nachmittag schätzte der Stadtbrandrat, dass die Feuerwehr in und um Landshut zu rund 800 Einsätzen ausrücken musste.

Auch außerhalb Landshuts sorgten die Unwetter für zahlreiche Einsätze. Bei Grafrath im Kreis Fürstenfeldbruck musste eine S-Bahn mit rund 100 Fahrgästen evakuiert werden, weil eine Pappel auf die Oberleitung gestützt war. Bei Oberschleißheim im Kreis München schlug ein Blitz auf der A 99 ein und riss ein faustgroßes Loch in die Fahrbahndecke. Bei einem Lastwagen und einem Auto versagte daraufhin die Elektronik. In der Blombergbahn mussten zwei Paare etwa eine Dreiviertelstunde im Doppelsessellift ausharren, weil dieser wegen des Sturms stoppen musste. In einer kurzen Windlücke konnten sie schließlich zurück ins Tal gebracht werden.

Die Gewitter der vergangenen Tage sind nach Ansicht des Meteorologen Uwe Schickedanz eine Folge des Klimawandels. Dem „Südkurier“ sagte der Leiter des Deutschen Wetterdienstes, die Unwetter passten in das Bild, das Klimaforscher zeichnen, mit sommerlicher Abwechslung zwischen Dürre und Starkregen-Ereignissen. Die Landtags-Grünen fordern deshalb, der Freistaat müsse die Kommunen besser dabei unterstützen, das Sturzflut-Risiko zu erfassen. (dg/lby/mbe/st/va)

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