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Bayern gehen die Notärzte aus: Immer mehr Schichten bleiben unbesetzt - Betroffene nennen Gründe

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Von: Thomas Eldersch

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In Bayern bleiben immer mehr Notarzt-Schichten unbesetzt. Droht ein Notarzt-Mangel?
In Bayern bleiben immer mehr Notarzt-Schichten unbesetzt. Droht ein Notarzt-Mangel? © bodenseebilder.de/imago images/Symbolbild

Immer häufiger werden Notarztschichten nicht besetzt. Der Nachwuchs fehlt. Aber auch die Bedingungen sind nicht optimal. Und natürlich hat Corona auch seine Finger im Spiel.

München - Nachwuchsmangel. Zu viele Schichten. Zu wenig Personal. Damit lässt sich die Situation im Gesundheitswesen gut zusammenfassen. Aber diesmal sind nicht Pflegekräfte oder Ärzte in Krankenhäusern gemeint. Bayern steuert immer mehr auf eine Notarzt-Krise zu - und das nur zum Teil wegen der Corona-Pandemie*. Viele Schichten bleiben unbesetzt. Die Gründe liegen für viele Notärzte auf der Hand, doch geändert hat sich bislang wenig.

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Notarzt-Mangel in Bayern: Zahlreiche Schichten konnten nicht besetzt werden

Ein großes Problem beim Notarzt-Mangel ist der Nachwuchs. Das wissen auch Christian Ernst, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes Straubing, und Wolfgang Vogl, Notarzt aus Arrach im Landkreis Cham*. Mit mehr Interessenten könnten die Schichten leichter verteilt werden, resümiert Ernst gegenüber dem BR. Und Vogl glaubt, dass viele junge Ärzte Angst vor der Verantwortung haben. „Jeder muss sich bemühen, dass er alles richtig macht. Vielleicht ist da bei jüngeren Kollegen die Angst da, etwas falsch zu machen, was ihnen danach juristisch angekreidet wird.“

Im Nachwuchsmangel sieht auch der Gruppensprecher der Notärzte in Straubing, Florian Blankenburg, das größte Problem. Er teilt die Schichten für die Kollegen im Landkreis Straubing-Bogen* ein. „Das zweite Halbjahr 2021 war gravierend“, schildert er die Situation dem BR. Von 360 Schichten am Standort Straubing konnten 100 nicht besetzt werden. Er habe nur 32 Notärzte zur Verfügung. Das seien eindeutig zu wenig.

Ähnlich sieht das auch Karl Maurus, Leiter der Integrierten Leitstelle* Straubing (ILS). Er weiß, dass es im Landkreis schon dazu kam, dass kein Notarzt zur Verfügung stand. „Es ist vorgekommen, dass keiner der drei Standorte im Landkreis Straubing-Bogen besetzt war: Dadurch entstehen in der Versorgung große Lücken.“ Einzige Möglichkeit die Maurus blieb - er zog einen Kollegen aus einem anderen Landkreis ab. Aber so würden dort neue Lücken entstehen.

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern sieht noch kein Problem

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) sieht die Versorgung aber noch nicht gefährdet. 2021 konnten 96 Prozent der Dienste besetzt werden, heißt es auf Nachfrage des BR. Eine Zwangsverpflichtung von Ärzten zum Notarztdienst sei auch nicht zielführend, so das KVB, das vom bayerischen Innenministerium beauftragt wurde, 229 Notarzt-Standorte im Freistaat mit dem entsprechenden Personal auszustatten. „Der Notarztdienst erfordert eine hohe persönliche Identifikation, weswegen auch eine verpflichtende Teilnahme keine Option darstellen würde.“

Häufig zeigt sich, dass besonders Schichten in ländlichen Regionen schwieriger besetzt werden können. Denn einen großen Teil zu den 96 Prozent tragen die Metropolen wie München, Nürnberg und Augsburg bei. Die KVB schrieb dazu bereits 2017 in einer Präsentation, dass das Teilnahmeinteresse in Ballungsräumen/Großstädten sehr hoch sei, in ländlichen Regionen hingegen gering. Häufig seien vor Ort gar keine Notärzte mehr ansässig. Notarztsprecher Blankenburg sieht das nicht ganz so. „Es ist ein bayernweites Problem und es hält auch im städtischen Bereich Einzug. Auch Nürnberg* hat mittlerweile Probleme, einzelne Schichten zu besetzen.“

Gründe für den Notärzte-Mangel in Bayern

Die drei Notärzte Vogl, Ernst und Blankenburg haben auch noch weitere Gründe für den Notarzt-Mangel ausgemacht. Ein großes Thema sei inzwischen die Work-Life-Balance. Man wolle lieber mehr Zeit mit der Familie und Freunden verbringen, als im Notarztwagen. Und auch der Wegfall des Zivildienstes habe laut Ernst einen Einfluss gehabt. Sein Interesse sei dadurch überhaupt erst geweckt worden. „Viele andere waren Zivildienstleistende und sind dadurch zum Rettungsdienst und zur Notarzttätigkeit gekommen“, so der Notarzt gegenüber dem BR weiter.

Bei der Besetzung der Notarztdienste hat auch Corona einen Einfluss. „Wenn man überlegt, wann die Impfzentren Hochkonjunktur hatten, fällt es zusammen mit dem Notarzt-Mangel: Einige Leute haben gesagt, warum für 25 Euro im Notarztauto hocken, wenn ich 130 Euro in der Stunde im Impfzentrum bekomme, wenn ich aufkläre“, so Blankenburg. Aber selbst eine Anhebung der Vergütung könne den Mangel nicht bekämpfen, glaubt er. Die Rahmenbedingungen würden ebenfalls nicht passen, so die drei Notärzte.

Um überhaupt Notarzt werden zu können, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. Man muss 24 Monate an einer Klinik arbeiten, dazu braucht es einen zertifizierten Kurs der Landesärztekammer, der 80 Stunden dauert. Es müssen außerdem 50 Notarzt-Einsätze begleitet werden, davon 25 im Simulator. Die Krux an der Sache ist jedoch. Einsatzfahrten müssen häufig in der Freizeit erbracht werden, weil Kliniken ihre Ärzte dafür nicht freistellen. Außerdem müssten Kurse häufig auch selbst bezahlt werden. Da kommen schnell mehrere hundert Euro zusammen.

Mögliche Lösungen des Notärzte-Problems in Bayern

Gespräche mit Politik und Entscheidern, an den Bedingungen etwas zu ändern, hätten bislang ins Leere geführt, wissen Blankenburg und Maurus. Es würden noch Antworten ausstehen. Notarzt Ernst hat hingegen eine Antwort von Straubings Oberbürgermeister Markus Pannermayr (CSU) erhalten. „Ich habe es schriftlich von ihm, dass er als Städtetagspräsident seinen gesamten Einfluss geltend macht, die Situation zu verbessern.“ Blankenburg fordert auch ein Umdenken der Kliniken. Ärzte müssten für Einsatzfahrten freigestellt werden. Sie sollten ebenfalls verpflichtet werden, Notarzt-Schichten zu besetzen. Und, die Qualifikation zum Notarzt sollte Pflichtteil in der Facharztweiterbildung sein. So könne mehr Nachwuchs generiert werden.

Eine Möglichkeit für die Zukunft ist der Tele-Notarzt.
Eine Möglichkeit für die Zukunft ist der Tele-Notarzt. Hier können Notärzte am Bildschirm die Versorgung der Patienten überwachen. © Henning Kaiser/dpa

Auch die Tele-Medizin könnte helfen. „In Bayern gehen wir einen guten Weg, dass wir die nächsten Jahre den Tele-Notarzt einführen, der den Mangel auffängt“, so Blankenburg gegenüber dem BR. Nachwuchs bräuchte es trotzdem, denn auf Einsätze vor Ort könne man trotz moderner Technik nicht verzichten. Und Ernst ist sich sicher, dass vielen jungen Medizinern der Einsatz als Notarzt gefallen würde. „Ganz ehrlich: Wenn Sie Menschen reanimiert haben und danach mit dem Patienten sprechen können, das ist erfüllend, das zieht sich durch das ganze Arztleben durch.“ (tel) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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