Bücherflut: John Demjanjuk und kein Ende

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Schon, als der frühere KZ-Wachmann John Demjanjuk Mitte Mai aus dem Verhandlungssaal des Landgerichts München kam, herrschte großes Medieninteresse. 

München - Der Prozess ist zu Ende, doch die Auseinandersetzung mit dem Fall John Demjanjuk geht weiter. Gut einen Monat nach dem Urteil sind drei neue Bücher erschienen - Fragen bleiben dennoch.

Der Prozess ist zu Ende, doch der Fall John Demjanjuk ist noch lange nicht abgeschlossen. Während der Bundesgerichtshof in einigen Monaten über eine Revision entscheiden muss, hat die Aufarbeitung durch Autoren und Historiker begonnen: Einen Monat nach der Urteilsverkündung gegen den früheren KZ-Wachmann Demjanjuk sind gleich zwei Bucher erschienen. “Der Fall John Demjanjuk“ des Journalisten Heinrich Wefing und “Der Henkersknecht“ der Historikerin Angelika Benz.  Am Montagabend teilte Demjanjuks Anwalt Ulrich Busch mit, sein fünftägiges Plädoyer sei unter dem Titel “Demjanjuk. Der Sündenbock - Schlussvortrag der Verteidigung“ als Buch bestellbar. Schon im vergangenen Herbst war “Hitlers Hiwis“ von Matthias Janson erschienen.

 Das Münchner Landgericht hatte den gebürtigen Ukrainer am 12. Mai wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Juden 1943 im Vernichtungslager Sobibor zu fünf Jahren Haft verurteilt. Da das Lager allein der Vernichtung diente, habe auch ein einfacher Wachmann im Dienste der Tötungsmaschinerie gestanden und sich so mitschuldig gemacht.

Vorerst ist der 91-Jährige in Freiheit: Aus Gründen der Verhältnismäßigkeit hoben die Richter den Haftbefehl auf; Demjanjuk lebt derzeit als Pflegefall in einem Altenheim im oberbayerischen Ferienort Bad Feilnbach. In den nächsten Wochen muss das Oberlandesgericht auf Beschwerde der Staatsanwaltschaft entscheiden, ob der Greis wieder in Haft muss.

Musste der alte Mann von seiner Familie in den USA weg nach Deutschland vor ein Gericht geholt werden, um der Gerechtigkeit und Wahrheit willen? Ging es um historische Aufklärung, Abrechnung, die Korrektur früherer Justizfehler oder ein Signal an alle Tyrannen und Folterknechte, dass sie nach Jahrzehnten noch zur Verantwortung gezogen werden? Für Anwalt Busch reichten die Indizien nicht einmal zum Nachweis aus, dass Demjanjuk überhaupt Wachmann war. Zweifel, die den Prozess eineinhalb Jahre begleiteten und die auch Busch - teils kräftig überdehnt - in Antragsfluten einbrachte, klingen auch in den neu erschienenen Büchern an.

Eine der monatelang immer wieder erörterten Hauptfragen: Hätten die imLager Trawniki ausgebildeten Wachmänner, die als Kriegsgefangene der Deutschen den Tod vor Augen auf das Angebot zur Kollaboration eingingen, wirklich einen anderen Weg gehen können? Hätte ihnen tatsächlich die Flucht zugemutet werden können, wie Anklagebehörde und Gericht behaupten? Bei der Historikerin Benz klingt hier Skepsis durch. Sie hat über die Trawniki geforscht, wurde aber trotz umfangreicher Arbeiten nicht als Gutachterin herangezogen.

Wefing merkt an, dass sich kaum Rückschlüsse vom “gewöhnlichen“ Verhalten der Wachmänner ziehen lassen auf das wahrscheinliche Verhalten Demjanjuks - über das gibt es keinerlei Aussagen. “Der letzte große NS-Prozess“ hat Wefing sein Buch überschrieben. Gleich auf den ersten Seiten seines Buches freilich relativiert er den Untertitel: Noch lebten einige mutmaßliche Täter, und sie würden mittlerweile konsequenter verfolgt als früher. Später kommt er zu dem Schluss: Das Urteil gegen Demjanjuk könne ein juristischer Türöffner für weitere Verfahren gegen ehemalige Wachmänner werden.

Zahlreiche Namen, Daten und dichtgedrängte Fakten hat der Autor zusammengetragen, Abläufe bis ins kleinste Detail seziert. Minutiös zeichnet er einzelne Prozesstage nach, den verschlungenen Gang der Ermittlungen in den USA und den Prozess in Israel, wo Demjanjuk als “Iwan der Schreckliche von Treblinka“ zum Tode verurteilt und nach fünf Jahren in der Todeszelle wegen “vernünftiger“ Zweifel an seiner Identität als ebendieser Schlächter freigesprochen wurde.

Auch Angelika Benz geht ins Detail, referiert Verhandlungstag um Verhandlungstag, zeichnet noch ausführlicher die nervtötenden Scharmützel zwischen Verteidiger Busch, Nebenklage und Gericht nach. Die eigentlichen Fragen scheinen ab und an in diesem verwirrenden Schlachtfeld auf - im echten Prozess wie im Buch. Wer ist John Demjanuk, was waren die Hintergründe für diesen Prozess so spät, nach Jahrzehnten letztlich erfolgloser juristischer Verfolgung?

Kurz vor seiner Pensionierung hatte sich ein Ermittler der Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in den Fall hineingebohrt, obwohl seine Kollegen zuvor mangels einer konkreten Einzeltat keine ausreichenden Beweise gesehen hatten: Thomas Walther gilt als derjenige, der das Verfahren ins Rollen brachte - was trieb ihn an? Viele Fragen bleiben offen - weder der Prozess, noch die zahlreichen Kommentatoren in diesen eineinhalb Verfahrensjahren, noch die jüngsten Bücher können sie klären.

lby

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