Sie will kein Mitleid, sie will Mut

88-Jährige von „Gewinsel“ genervt: „Wer von Corona-Diktatur spricht - hat keine Ahnung von Diktatur“

Für die 88-jährige Inge Ortel sind die Corona-Beschränkungen kein Grund zum Jammern.
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Für die 88-jährige Inge Ortel sind die Corona-Beschränkungen kein Grund zum Jammern. (Symbolbild)

In der Corona-Krise standen häufig die Seniorenheime im Fokus. Aber selten hätte sich jemand die Mühe gemacht, mit den Bewohnern zu reden, findet eine von ihnen.

Pegnitz - Die 88-jährige Inge Ortel aus dem Brigittenheim in Pegnitz (Landkreis Bayreuth*) hat in ihrem Leben schon einiges durchgemacht. Sie war früher Krankenschwester in Magdeburg und hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Deshalb könne sie auch nicht verstehen, warum jetzt in der Corona-Pandemie* so viel gejammert werde. Vor allem ein Vergleich bringt sie förmlich auf die Palme.

Viele Seniorenheim-Bewohner hätten während der Corona-Krise von „Eingesperrtsein“ gesprochen

In dem Interview mit nordbayern.de nimmt die resolute Rentnerin kein Blatt vor den Mund. Sie berichtet, wie sie die Pandemie als Bewohnerin eines Seniorenheims erlebt hat. Sie habe auch nicht verstanden, warum immer über die armen Altenheimbewohner berichtet worden sei. Niemand hätte sich jemals bei den Bewohnern selbst erkundigt, wie es ihnen wirklich ergangen sei. Und einige ihrer Mitbewohnerinnen im Heim hätten das Bild der eingesperrten Senioren auch noch bestätigt. „Warum gehst du nicht raus? Die Tür ist doch offen“, hatte sie eine Frau mal gefragt, die über das Eingesperrtsein gejammert hatte. Darauf bekam sie keine Antwort. Wenn doch mal jemand geantwortet hat, bekam sie zu hören: „Mir tun die Beine so weh.“

Inge Ortel ist pragmatisch eingestellt. Sie konnte mit den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie* leben. „Natürlich ist es nicht schön, wenn man nicht mehr alles machen kann, was man möchte“, sagt die Seniorin dem Nachrichten-Portal. „Aber das ist immer noch besser, als irgendwann mit einem Schlauch im Hals dazuliegen.“ Sie könne auch nicht verstehen, wie manche behaupten würden, dass es das Virus gar nicht gebe. Und eine Formulierung rege sie besonders auf. „Wer wegen der Maßnahmen von einer Corona-Diktatur spricht, hat keine Ahnung, was Diktatur bedeutet. Das ist doch absoluter Blödsinn“, so die 88-Jährige.

Warmum stecken sich immer wieder vollständig geimpfte Senioren mit Corona an? (Video)

Die Seniorin konnte gut mit den Corona-Schutzmaßnahmen leben

Generell meint Ortel, könnten die Leute nicht mehr mit Verzicht umgehen. „Wir waren doch nie eingesperrt. Uns ging es gut, hatten zu essen, es warm und ein Dach über dem Kopf.“ Nur einmal seien die Senioren in ihrem Heim für acht Wochen isoliert worden. Als ein Bewohner das Virus aus dem Krankenhaus mitgebracht habe, berichtet die Heimleiterin Roswitha Schecklmann. Aber ansonsten durften sie jederzeit das Wohnheim verlassen. Ortel versteht den Schritt mit der Isolation. „Ich fand es richtig, dass das Heim vorsichtig war.“ Schlimm sei das alles nicht gewesen. Damals im Krieg, da hätten sie ganz andere Sachen erlebt.

Beide Frauen sind sich außerdem einig, dass gar nicht die Bewohner das Problem dargestellt haben, sondern die Angehörigen. Sie hätten häufig nur Mitleid für die Senioren übrig gehabt. Da fielen dann Sätze wie: „Ach Oma, du tust mir ja so leid“, oder „wir dürfen uns jetzt gar nicht mehr sehen.“ Die 88-Jährige reagiert darauf ganz lässig. „Wissen Sie, ich kann das Gewinsel manchmal nicht mehr hören.“

Die Menschen würden aufgrund der sinkenden Corona-Zahlen zu unvorsichtig sein

Besonders regt sie und die Heimleiterin die Scheinheiligkeit vieler Besucher auf. Viele von ihnen hätten Probleme gehabt, sich an die Regeln zu halten, so Schecklmann. Auch während der acht Wochen Quarantäne hätten viele Angehörige versucht die Eltern oder Großeltern zu einem Ausflug abzuholen. Einmal hatte es sogar jemand heimlich versucht. Sobald die Tür dann hinter ihnen zugegangen war, fielen auch die Masken.

„Das hat nichts mit Liebe zu tun, wenn ich die Maske abnehme und jemanden abdrücke. Fahrlässig ist das, nichts weiter.“ Für die 88-Jährige eine seltsame Art sich zu sorgen, wenn man bei der erstbesten Gelegenheit die Vorsicht über den Haufen wirft. Generell seien „die da draußen“ zu unvorsichtig geworden. „Die Zahlen gehen runter, und wir tun so, als ob das Virus nicht mehr existiert“, meint die Seniorin. Am Ende hat sie dann auch noch einen Rat an alle Angehörigen da draußen im Land. „Es wäre besser, wenn ihr uns Mut zusprecht, anstatt uns nur ständig zu bemitleiden“. Schlimm sei das alles doch so schon genug. (tel) *Merkur.de/bayern ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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