Politik will nichts überstürzen

Impfwillige Senioren abgewiesen: Arztpraxen warten weiter auf Vakzine - Söder mit klarer Forderung

Noch ist es nicht möglich, dass in Arztpraxen Vakzine gegen Corona verimpft werden. Senioren müssen vertröstet werden. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder drängt zur Eile.

München - HNO-Arzt Christian Lübbers ärgert sich. „Heute war ein 90-Jähriger bei mir, der vergeblich auf den Impftermin wartet, weil er nicht verstanden hat, dass er sich anmelden muss“, berichtet der Weilheimer Mediziner auf Twitter. Zudem sei eine 84-Jährige in seine Praxis gekommen, „die kein Internet hat und zu schwerhörig ist, zu telefonieren“. Lübbers schreibt: „Wenn Praxen endlich Impfstoff hätten, wären beide jetzt geimpft.“ So musste er sie vertrösten.

Bisher werden Arztpraxen zwar vereinzelt zur Unterstützung eingesetzt, den Löwenanteil verimpfen aber die Impfzentren - oder eben nicht. Nach wie vor bleibt nämlich Corona-Impfstoff ungenutzt*, insbesondere Dosen des Mittels von Astrazeneca, wie aus Zahlen des Robert-Koch-Instituts* hervorgeht. Gleichzeitig steigen absehbar die Impfstoffmengen.

Impfungen in der Corona-Krise: Nur knapp sieben von elf Millionen Dosen schon genutzt

Bis Ende der Woche sollen insgesamt über elf Millionen Dosen an die Länder ausgeliefert sein - Tendenz steigend. Verbraucht wurden bisher aber lediglich 6,8 Millionen Dosen. Selbst wenn man bedenkt, dass Zweitimpfungen zurückgelegt werden (was künftig weniger stark geschehen soll), wäre es also möglich, mehr Menschen zu schützen.

Trotzdem hat der Bund-Länder-Gipfel beschlossen, dass die Praxen frühestens Ende März flächendeckend einsteigen* sollen. In der Nacht zum Donnerstag war es deshalb zum Streit gekommen. Während Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Ärzte am liebsten sofort voll eingebunden hätte, drückte NRW-Landeschef Armin Laschet* (CDU) auf die Bremse. Wenn man heute das System für die Hausärzte öffne, „dann haben wir die morgen am Hals“, soll Laschet gewarnt haben. Am Ende blieb nur der Kompromiss. 

Warten auf die Impfstoffe: Die Spritzen in den Arztpraxen liegen parat, um ihren Job zu tun.

Corona-Impfungen in Bayern: Söder kritisiert „gewisse Gewöhnung“

Auch am Donnerstag machte Söder aber keinen Hehl daraus, dass er die Ärzte gerne früher ins Boot geholt hätte. „Wir wollten das so schnell wie möglich, auch wenn dann nicht jeder Hausarzt so viel Impfstoff bekommt, dass er rund um die Uhr impfen kann.“ Es hätte sich aber eine „gewisse Gewöhnung“ eingestellt. Es sei wichtig, die Logistik jetzt schon vorzubereiten, damit „wir dann nicht da stehen mit zu viel Impfstoff und keiner weiß wohin“.

Auch damit chronisch Kranke* - über die die Impfzentren keine Daten haben - nicht durchs Raster fallen, müssten die Ärzte selbstständig impfen dürfen. Entscheidend ist für Söder zudem, dass neben Haus- und Fachärzten auch die Betriebsärzte eingesetzt werden. Sie könnten ganze Unternehmen „an einem Tag“ durchimpfen. „Und zwar unabhängig von einzelnen Priorisierungsempfehlungen“, sagte er. Ähnliches gelte für Schulärzte.

Impfungen in der Corona-Krise: Wunsch nach „mehr Druck im System durch mehr Flexibilität“

Ab April müsse zudem überlegt werden, ob die Anmeldung im Impfzentrum freier gestaltet werden könne. Denn, so Söder: „Ich finde, irgendwann muss die Möglichkeit bestehen, dass jeder, der sich impfen lassen will, geimpft werden kann.“ Er wolle „mehr Druck im System durch mehr Flexibilität, weniger starre Bürokratie und übertriebene Dokumentation“.

Ein Punkt, auf den auch die Ärzte Wert legen. „Die Eintragung in den Impfpass muss möglichst bürokratiearm gestaltet werden“, fordert die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) am Donnerstag auf Anfrage. Grundsätzlich begrüße man es, „dass der Gesetzgeber mit dem aktuell vorliegenden Entwurf der Impfverordnung den Weg frei macht für einen flächendeckenden Impf-Roll-out“.

Ob es im April dafür zu spät oder zu früh sei, könne man aus der Ferne aber nicht beurteilen, „weil für uns die Versorgung mit Impfstoffen die große Unbekannte bleibt“. Der Bayerische Hausärzteverband wollte sich hingegen gar nicht äußern. Man arbeite gerade rund um die Uhr daran, die neuen Beschlüsse umzusetzen. *merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Hannibal Hanschke/dpa

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